Carla Juri in der Rolle von Helen Memel. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. Foto: Verleih

Für seinen Film „Kriegerin“ über die Neonazi-Szene hat David Wnendt glänzende Kritiken und zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Nun hat er den Skandalbestseller „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche verfilmt - "Die Zeiten werden prüder", sagt er im StN-Interview.

Berlin - Für seinen Diplomfilm „Kriegerin“ über die Neonazi-Szene hat David Wnendt glänzende Kritiken und zahlreiche Auszeichnungen, darunter drei Deutsche Filmpreise, erhalten. Nun verfilmte der Sohn einer Diplomaten­familie den Skandalbestseller „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche. Im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten sprach er über Ekel und prüde Zeiten.

Herr Wnendt, von den Neonazis zu Hämorriden-Problemen – was ist ekliger?
Der Ekel findet auf andere Art statt, wobei es durchaus Gemeinsamkeiten gibt. In ­beiden Fällen stehen extreme Frauen­figuren im Vordergrund, mit all ihren Widersprüchen und Verletzlichkeiten. Gleichzeitig verfügen sie über große Härte und eine ebenso große Zärtlichkeit. Insofern gibt es eine Kontinuität in diesen Filmen.
Zum Auftakt zitieren Sie einen Leserkommentar von „Bild online“: „Dieses Buch sollte weder gelesen noch verfilmt werden. Das Leben hat doch so viel mehr zu bieten als solch ekelhaften Perversitäten. Wir brauchen Gott!“ – was hat es damit auf sich?
Das Zitat steht stellvertretend für ganz ­viele Äußerungen und diese große ­Auf­geregtheit, die ja ein Teil dieses Phänomens von „Feuchtgebiete“ ausmacht. Gegen die Verfilmung wurde bereits gewettert, als noch überhaupt nichts darüber bekannt war. Dass ein Buch diese Aufregung und Wut erzeugen kann, finde ich phänomenal.
Wie erklären Sie sich den ganzen Rummel und die 2,5 Millionen verkauften Bücher?
Der Roman lässt offensichtlich die meisten Leute nicht kalt und trifft einen Nerv. Junge Frauen finden sich darin wieder und erleben zum ersten Mal, dass eine Frau so offen über alle Teile ihres Körpers spricht. Auf der anderen Seite gibt es neben den Fans die Hasser, die das Buch gekauft haben, um zu sehen, wie schlimm es nun wirklich ist.
Sorgt der Rummel nicht für enorme Erwartungshaltungen an die Verfilmung?
Es ging nicht um Provokation aus Selbstzweck oder darum, dem Buch jetzt noch eins draufzusetzen. Dieses „Wie krass wird das wohl?“-Spiel wollten wir gar nicht erst anfangen – da hätte man nur verlieren können. Es ging darum, dass der Film nicht auf diese eine Ebene reduziert wird, sondern zeigt, welche anderen Facetten in diesem Buch stecken.
Regisseur John Waters sagte einmal, er sei nur dann zufrieden, wenn die Zuschauer auf den Kinoteppich kotzen . . .
Das wäre überhaupt nicht unsere Absicht. Natürlich soll der Film krass sein, die Zuschauer nicht kaltlassen und ihnen ins Gesicht springen. Aber eben nicht nur. Viel wichtiger fand ich, dass wir die Erwartungen unterlaufen. Es ging nicht darum, ein Nischenprodukt zu machen, das nirgendwo gezeigt werden kann. Wir wollten subversiver sein. Mit bekannten und vertrauten Schauspielern präsentieren wir einen Blumenstrauß, der allerdings auch Dornen hat.
Wie krass kann krass sein bei einer Altersfreigabe ab 16 und mit dem ZDF als Produzent?
Die Altersfreigabe allein sagt noch nichts über eine vermeintliche Harmlosigkeit aus. Das hat viel mit dem künstlerischen Kontext zu tun und damit, wie Nacktszenen in eine Geschichte eingebettet sind. Bei „Nine Songs“ etwa gibt es nur Musik und Sex, und man sieht alles – dennoch war er frei ab 16.
Wie intim dreht man intime Szenen?
Schon vorab wurde mit den Schauspielern geklärt, dass es völlige Nacktheit gibt, aber keinen expliziten Sex. Beim Drehen selbst arbeite ich ohnehin mit einem möglichst kleinen Team, weil ich mich da besser konzentrieren kann. Am eigentlich Set hatten wir zum Beispiel kaum Beleuchter, denn das Licht kam von außen durch die Fenster. Bei Szenen wie die Intimrasur waren nur Kamera-, Tonmann und ich anwesend, das war wie ein dokumentarisches Filmteam.
War Charlotte Roche bei den Dreharbeiten dabei? Wie groß war ihr Einfluss?
Sie hat sich bewusst dagegen entschieden. Ihr Einfluss lag bei der Auswahl des Produzenten und des Regisseurs. Danach hat sie sich komplett zurückgezogen und meinte nur noch, dass sie den fertigen Film als Zuschauerin sehen möchte. Inzwischen hat sie das getan und war sehr begeistert.
Ist das eher ein Film für Frauen?
Ich hoffe nicht. Ich bin schließlich auch ein Mann und hatte mich sehr von dem Roman angesprochen gefühlt. Mit diesen Themen können Männer durchaus etwas anfangen.
Ist bei der Szene der onanierenden Pizza-Bäcker alles echt, oder haben Sie mit Tricks geholfen?
Bei solchen Szenen werden Porno-Doubles eingesetzt, das macht Lars von Trier ja nicht anders. Diese Darsteller verfügen über die entsprechende Technik für das, was gezeigt werden soll. Was an männlicher Pracht zu sehen ist, ist alles echt. Wobei es eine bewusste Brechung gibt, denn es läuft dieselbe Musik wie bei „2001 – Odyssee im Weltall“ – statt Raumschiffen fliegen bei uns eben andere Objekte durchs Bild.
Lars von Trier präsentiert demnächst „Nymphonania“, „Shades of Grey“ wird folgen – gibt es einen Trend zur Freizügigkeit im Kino?
Es gab schon immer Filme, die bewusst Tabus gebrochen haben, von „Themroc“ bis „Intimacy“. Die Zeiten werden umgekehrt immer prüder, denn Schauspieler haben zunehmend Angst vor solchen Szenen. Und zwar deshalb, weil diese Nacktbilder schnell im Internet kursieren und dort völlig aus dem Zusammenhang gerissen sind. Da gibt es die berechtigte Sorge, dass solche Bilder an einem das Leben lang kleben.
Sönke Wortmann verfilmte zur gleichen Zeit die „Schoßgebete“, den zweiten Besteller von Roche – wie sehr hatten Sie diese Konkurrenz im Nacken?
Das war schon eine Art von Wettbewerb, die Produzenten des anderen Films wären sicher gerne vor uns in die Kinos gekommen. Entsprechend standen wir unter Zeitdruck.
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