Einer, der Mut macht, auch in nicht so rosigen Zeiten: Reid Anderson Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Reid Anderson hat das Stuttgarter Ballett zur Talentschmiede der besonderen Art gemacht. Nicht nur Tanzstars wie Friedmann Vogel kommen von hier, sondern auch auffallend viele Direktoren. Im Opernhaus verrieten sie in der Gesprächsrunde „Next Generation“, was sie von Reid Anderson gelernt haben.

Stuttgart - So viele sind sie, dass das Halbrund der Stühle die Bühne im Opernhaus gut füllt. Das Stuttgarter Ballett war von Beginn an eine Talentschmiede, die nicht nur Tanzstars hervorgebracht hat; jede Generation hat seit John Crankos Anfängen auch eine verblüffende Anzahl von Ballettdirektoren in die Welt geschickt.

An diesem Sonntagmorgen sitzen mit Bridget Breiner (Gelsenkirchen), Sue Jin Kang (Seoul), Filip Barankiewicz (ab 2017 Prag), Ivan Cavallari (noch Straßburg, ab 2017 Montréal), Robert Conn (Augsburg), Tamas Detrich (ab 2018 Stuttgart), Eric Gauthier (Stuttgart) und Christian Spuck (Zürich) tatsächlich acht amtierende oder designierte Führungskräfte in Sachen Ballett auf dem Podium, allen ist unter dem Stuttgarter Intendanten Reid Anderson der Sprung von der Bühne in die Chefetage geglückt. Eine Zahl, die stolz macht, wie Moderatorin Vivien Arnold zu Beginn der Gesprächsrunde „Next Generation“ anmerkt. Und nicht nur das. Es ist eine Zahl, die im Rahmen der Festwoche zum Dienstjubiläum Andersons auch die Frage danach aufwirft, was seine Arbeit in den vergangenen 20 Jahren so erfolgreich machte.

Zwar hat Anderson nicht wie John Cranko sein Büro in die Kantine verlegt. Aber seine Türen stehen den Tänzern offen; jeder auf dem Podium berichtet von intensiven Gesprächen: Anderson weiß, wen wo der Schuh drückt; schließlich kann ein Unglücklicher die Atmosphäre einer ganzen Kompanie vermiesen. Trotzdem ist er im Umgang mit allen „kanadisch ehrlich“, wie Eric Gauthier es nennt. „Er hat mir direkt gesagt, dass er mich nicht als ersten Solisten sieht.“ Für Gauthier Entscheidungshilfe, um eigene Wege zu gehen. Besonders aus den Gesprächen in schwierigen Zeiten, betont Christian Spuck, habe er am meisten mitgenommen.

Entdecker, Teamplayer, Ermöglicher

Anderson kennt seine Tänzer und macht ihnen Mut, auch in nichtrosigen Phasen nach vorn zu blicken, sich auszuprobieren - und eigene Stärken zu entdecken. „Als Tänzer sind wir sehr auf uns selbst konzentriert“, beschreibt Bridget Breiner die Zweifel, die sie am Ende ihrer Bühnenkarriere plagten. „Reid ist super damit umgegangen. Obwohl er tausend andere Dinge zu tun hat, nimmt er sich Zeit für jeden. Er fragt: Was willst du denn für dich?“

Diese Frage ist bestimmt Ausgangspunkt vieler Gespräche, mit denen Anderson Tänzer zum Choreografieren ermuntert. Welch Ermöglicher Anderson in künstlerischer Hinsicht ist, fasste später im Kammertheater das Programm „Skizzen“ zusammen. Ausschnitte aus Uraufführungen fügen sich darin zur grandiosen Zeitreise, die 20 Jahre Ballettgeschichte Revue passieren lässt.

Mit Martino Müllers „R.A.M“ beginnt der Rückblick. Projektionen, die den Raum gliedern, schleifende Elektrobeats, verdrehte Körper: alles da, was der Tanz-Zeitgeist 1997 begehrte. Und doch fehlt die Wucht, mit der Kevin O’Day kurz darauf in „Delta Inserts“ Körper wie Dolche in den Raum warf. Dass Anderson solche Qualitäten erkennt und fördert, macht Stuttgart bis heute zum Sprungbrett für Choreografen wie Demis Volpi, Marco Goecke, Edward Clug, Douglas Lee, Mauro Bigonzetti, Katarzyna Kozielska, alle mit Auszügen in „Skizzen“ vertreten. Das meiste war neu besetzt, manches nicht ganz so prägnant getanzt wie hier üblich: Und doch schwebt über allem ein nostalgischer Zauber, der auch an Tänzerpersönlichkeiten erinnert wie an Ivan Gil Ortega und Eric Gauthier, die sich in „Orma“ vor 12 Jahren zu eigenwilligen Körperskulpturen verflochten.

Überzeuger, Teamplayer, Entdecker, Ermöglicher: am Sonntag war die Festwoche nah dran an ihrem Jubilar. Danke, Reid!, waren die Worte, die am häufigsten fielen. Dafür etwa, dass der seine langjährige Erfahrung nicht wie Herrschaftswissen behandelt, sondern als Schatz, aus dem alle schöpfen können. Ein Jahr lang durfte ihm Robert Conn über die Schulter schauen und sagt, dass er viele berühmte Ballettdirektoren erlebt habe - aber keinen von Andersons Offenheit.

Anderson strahlt aus, dass er für die Sache und seine Tänzer leidenschaftlich brennt. Das ist vielleicht der beste Ansporn. „Ich habe niemals gedacht, dass ich an dieser Arbeit Spaß haben könnte“, sagt Sue Jin Kang lachend. „Aber inzwischen weiß ich, dass es viel besser ist zu geben, als selber zu tanzen.“

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