Szene aus „Confetti“ mit Emilien Truche und seinem starren Doppelgänger im Fitz. Foto: Fitz/Daniela Wolf

Das Figurentheater Fitz in Stuttgart spielt wieder und zeigt die Festivalreihe „Step Out“. Warum der Auftakt Lust auf mehr großes Theater macht.

Stuttgart - Eine Fallschirmspringerin fällt vom Himmel und überschüttet das Publikum im Foyer des Kulturareals Unterm Turm mit der Klage einer Schauspielerin: Vorsprechtermin, Vertrag, Auftritt, Applaus, Zuschauererwartungen, allgemeines Warten auf schnelles Internet, die Befreiung von der Pandemie, das Warten des Prometheus im Kaukasus.

Und dann ein Wahnsinnsschrei, in den Ohren klirrend unter der 15 Meter hohen Glasdecke, erstickt das Summen eines illuminierten Ventilators ebenso wie das Geschirrklappern aus der nahen Cafébar.

„Toxische Göttlichkeit“

„atem/stoß“ heißt das von Tomo Mirko Pavlovic und Bernhard M. Eusterschulte konzipierte Stück fürs Ensemble Tart Produktion, Johanna Niedermüller spielt diesen fulminanten Einstieg in die Geschichte des europäischen Theaters. Für den Autor Pavlovic ist es „Männertheater“ von Aischylos bis Tschechow; die Figur des Prometheus „ein typischer Fall von Selbstüberschätzung, gepaart mit toxischer Göttlichkeit“.

Suggestiv richtet Johanna Niedermüller den Blick auf ein imaginiertes Hochgebirge und den dort angeschmiedeten Prometheus: „Voll fertig, der Typ“, sagt sie. Ihre burschikosen sprachlichen Verkürzungen mischen sich mit der klangvollen Melodie von Aischylos’ Versen aus „Der gefesselte Prometheus“.

Die Schauspielerin will springen

Das weckt Sehnsucht nach großem Theater. Wie lange noch werden Hygieneregeln, Abstände und Masken, es verhindern? Die Schauspielerin möchte sich spüren, freimachen, springen will sie, klagt sie unter einem steingrauen Seidentuch. Ihre Selbstbefreiung, ein per Video eingespielter Tandemsprung, taugt durchaus als Symbol.

Immerhin spielt das Figurentheater Fitz wieder und zeigt beim Festival „Step Out“ drei Kurzformate pro Abend. Heiter und klaustrophobisch zugleich geht es in „Confetti“ zu, Emilien Truche und Guillaume Auzépy illustrieren Gefühle wie Isolation und Einsamkeit.

Im abgedunkelten Fitz-Theatersaal sitzen Truche und sein als Figur geformtes Ebenbild an einer Tafel. Die Teller sind leer, Becher umgefallen, Servietten zerknüllt. Konfetti verweist auf eine Party.

Für den Figurenspieler Truche geht sie weiter als eine Annäherung zwischen Besitznahme und Ablehnung. Der in Stuttgart lebende Franzose bewegt seinen starren Doppelgänger, ergreift dessen Hände und Schultern, nimmt ihn Huckepack, ringt mit ihm, legt sich auf ihn, trägt ihn umher.

Eine Figur mit Eigenleben

Die Manipulationen wirken, die Figur bekommt ein seltsames Eigenleben. Leicht wippt der Rücken nach, schräg fällt der Kopf auf die Brust. „Confetti“ ist beeinflusst von einem Aufenthalt des Künstlers im Rheinland. Truche hat ihn als „irgendwie leicht“ erlebt. Eine hilfreiche Metapher für Zeiten, in denen der Mensch vermehrt isoliert lebt.

„Pas de Deux der Selbstbewusstseine“ heißt das letzte der drei Stücke. Die Choreografin und Tänzerin Eva Baumann hält ihre installative Solo-Tanzperformance sehr meditativ. Sie dialogisiert mit sich selbst, als Grundlage dient Hegels Philosophie. In einem Geviert aus Videowand und Spiegeln entwickelt Baumann einen Bewegungsablauf und orientiert sich zunächst an einem Video, in dem sie selbst agiert.

Die Synchronität weicht nach und nach eigenständigen Bewegungsmustern. Manche erinnern an Kinderspiele im Pausenhof, andere an hyperaktives Abreagieren. Wahrnehmung, Bewusstsein, Reflexion und Denken: Aus der Spiegelung des Selbst im Anderen resultiert Selbstbewusstsein. Beifall für ein kühles, intelligentes Stück.

Info zum Festival

Die nächsten Termine: 4. + 5. September: „Im Notfall nicht die Scheibe einschlagen“ von Ensemble Materialtheater. „Nein danke“ von Laura Oppenhäuser. „Gänse(e)ngel“ von Florian Feisel und Antje Töpfer. „Ob Scene“ von Dekoltas Handwerk.

11.+13. September: „Hau den Artaud“ von TARTproduktion, „Übungen im Verschwinden“ von Joachim Fleischer & Rafi Martin. „Kampagane: on ice“ von Clara Palau y Herrero & Florian Feisel.

19.+20. September: „Explaining Pamela!“ von Gütesiegel Kultur/Stefanie Oberhoff und Max Haarich, „Spuren im Schnee“ von Tenzin Choney Kolsch & Ulrike-Kirsten Hanne, „Pamela, die Moneymaus“ von Gütesiegel Kultur.

Voranmeldungen: www.fitz-stuttgart.de oder telefonisch unter 07 11 / 24 15 41. Alle Spielorte befinden sich im Kulturareal „Unterm Turm“ (Eberhardstr. 61, 70173 Stuttgart). Es wird indoor und outdoor gespielt.

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