Proteste in Kairo: Demonstranten stehen und sitzen im Februar 2011 unter Plastikplanen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Foto: dpa

An diesem Wochenende beschäftigt sich das Literaturhaus in Stuttgart mit gesellschaftlichen Veränderungen und ihre Rückwirkungen auf die Kunst. Das Festival „Change“ beginnt am Freitag und endet am Montag mit einer Filmpräsentation. Literaturhaus-Lenkerin Stefanie Stegmann skizziert das Konzept.

Stuttgart -

Frau Stegmann, wie kam es zu dem Festival „Change“?
Die Idee zu diesem Festival entstand schon vor zwei Jahren in Gesprächen zwischen mir und den Kulturmanagerinnen Kateryna Stetsevych und Katarina Tojic. Zu dritt ­haben wir in den letzten zehn Jahren schon mehrere internationale Literaturprojekte auf die Beine gestellt, oft mit Blick auf ­Mittel- und Osteuropa. Auch den Ausbruch des Arabischen Frühlings 2011 haben wir aufmerksam beobachtet. Aus den doppelten Protestbewegungen in Europa und Nord­afrika entstand dann die Idee, diese beiden Bewegungen, die so unterschiedlich sind, zeitlich versetzt und politisch eigentlich nicht zu vergleichen, dennoch aus dem Blickwinkel der Kunst und Literatur ­zusammenzuziehen, sie zu befragen. Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen Kunst, Literatur und politischer Transformation? Wie werden solche gesellschaftlichen Veränderungsprozesse künstlerisch vorbereitet, begleitet, welche Auswirkungen haben sie rückblickend auf die Kultur, auf die Literatur?
Über die Rolle, die die bildende Kunst und die Musik im Arabischen Frühling spielten, ist das deutsche Publikum wahrscheinlich besser informiert als über die Rolle der Literatur.
In Mittel- und Osteuropa gab und gibt es ein Misstrauen den Institutionen gegenüber. ­Allerdings kommt den einzelnen Personen, Intellektuellen, Schriftstellern und Künstlern eine umso wichtigere Funktion zu. Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch beispielsweise hat die orange Revolution sowie die Proteste auf dem Maidan 2013/14 international vermittelt und begleitet, war und ist aber auch für die Leute im Land wichtig. Schaut man noch einen Schritt zurück, sieht man, wie wichtig die Literatur auch in der Perestroika war. In den Protestbewegungen des Arabischen Frühlings waren Texte, Musik und Kunst, zum Beispiel in der Blogkultur, in der Graffiti-Kunst und im Rap, von großer Bedeutung.
Das Festival „Change“ wird begleitet von einer Kunstausstellung in den Räumen des Literaturhauses. Welche Künstler stellen Sie vor, und welche Bedeutung messen Sie ihnen bei?
Der Künstler Nikita Kadan, der auch bei der Biennale in Venedig am Pavillon der Ukraine beteiligt ist, illustriert in seinem Zyklus „Verhörzimmer“ Foltertechniken der ukrainischen Miliz in der Zeichentechnik alter sowjetischer Medizinbücher und druckt diese – fast zart und harmlos gezeichnet – auf weiße Porzellanteller mit doppeltem Goldrand. Er wird begleitet von zwei politischen Comic-Künstlern aus Serbien und Ägypten, Aleksandar Zograf und Andeel. Viktoria ­Lomasko ist eine russische Künstlerin, die beeindruckende grafische Sozialreportagen erstellt und sich zum Beispiel mit verbotener Kunst in Russland beschäftigt hat.
Wie bringen Sie diese unterschiedlichen Schwerpunkte des Festivals in eine Balance?
Die Ausgangsfragestellung war ja bereits interdisziplinär angelegt: Unser Interesse gilt sowohl den gesellschaftlichen Veränderungen als auch der Kunst und Literatur. Deshalb haben wir bei der Auswahl unserer Gäste darauf geachtet, auch den wissenschaftlichen Bereich zu berücksichtigen. Für uns ist es wichtig, mit Mark Terkessidis und Ellen Bos zwei Referenten dabeizu­haben, die Prozesse des Widerstands der ­gesellschaftlichen Transformation analysieren. Und dann haben wir natürlich auch wichtige literarische Neuerscheinungen ­dabei, die das Thema Protest und Widerstand reflektieren. Vladimir Sorokin, Ilija Trojanow, Dubravka Ugresic und György Dragomán arbeiten in ihrer Literatur genau zu diesem Thema und sind am kommenden Wochenende zu Gast bei uns. Die Kriegsreporterin Carolin Emcke fragt als Journalistin, wie man über Protest und Gewalt schreiben, berichten kann.
Auch eine Theaterperformance ist Teil des Festivals.
Laila Soliman ist als international bekannte, ägyptische Theaterregisseurin ebenfalls am Samstag bei uns zu Gast, wenn wir nach dem Einfluss von Theater und Kunst auf Protestbewegungen und Transformation am Beispiel von Ägypten, Serbien und der Ukraine fragen. Sie bringt ein kleines Theaterstück mit, das am Sonntagabend im Theater Rampe mit drei ägyptischen Schauspielerinnen aufgeführt wird. Es greift die ägyptische Revolution aus dem Jahre 1919 auf, holt diese in die Gegenwart und bezieht sie auf den Arabischen Frühling. Es geht darum, die Gegenwart durch die Vergangenheit neu zu begreifen und besser zu verstehen.
Als neue Leiterin des Literaturhauses haben Sie bereits eine ganze Reihe von Festivals veranstaltet. Wie wird das Format angenommen?
Das Thema „Change“ selbst sowie das Nachdenken über gesellschaftliche Veränderungen und übergeordnete Fragen wie „In welcher Welt und in welcher Zukunft wollen wir leben? Welche Rolle spielen die Kultur und Literatur in diesem Nachdenken?“ sind für uns zentral und aktuell. Doch vermittelt sich das nicht von selbst. Es ist einfacher, eine ­literarische Neuerscheinung eines renommierten Autors zu präsentieren, da ist das Haus im Handumdrehen voll. Wenn wir uns mit einem bestimmten Thema befassen, komplexer an etwas herangehen und Gäste einladen, die im deutschsprachigen Raum noch nicht so bekannt sind, ist das schwieriger einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Aber die letzten größeren Projekte sind dennoch sehr gut wahrgenommen worden. Interessanterweise erreichen wir bei den größeren Festivals auch Kreise, die nicht zu unserem Stammpublikum gehören, Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen und Herkünften, die sich stärker über das Thema angesprochen fühlen.
Planen Sie bereits ein nächstes Festival? Mit welchem Thema wird es sich beschäftigen?
Das Schöne ist, dass sich aus der Intensität dieser Festival-Atmosphäre manchmal gleich neue Ideen ergeben. Wir hatten das nicht geplant, aber aus unserem Festival „Scheitern“, das wir im März 2015 realisiert haben, ist bereits ein nächstes Projekt entstanden, das wir im Herbst 2016 verwirklichen werden. Wir werden ein „Festival des Hochstapelns“ veranstalten und uns mit der Figur des Hochstaplers in der Literatur ­beschäftigen, aber nicht nur, sondern auch Plattformen wie Facebook in den Blick nehmen und fragen, inwieweit Leistungsgesellschaften wie unsere automatisch Formen des Inszenierens und Täuschens produzieren.
Auf welche Teile des Festivals „Change“ freuen Sie sich persönlich besonders?
Auf das Gespräch mit den vier Künstlern bin ich sehr gespannt. Und neben den Autoren und Autorinnen freue ich mich auch sehr auf Borka Pavicevic. Sie ist eine serbische Intellektuelle, die das „Zentrum für kulturelle Dekontamination“ in Belgrad gegründet hat, eine unglaublich beeindruckende Theaterfrau, Kulturvermittlerin und scharfzüngige, witzige Intellektuelle!