Es war ein guter Start fürs Festival in Weissach. Die Konkurrenz Leonpalooza steht jedoch am Scheideweg, kommentiert Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Die beiden großen Bezahl-Festivals in der Region Leonberg sind vorbei: das mittlerweile etablierte Leonpalooza in Leonberg und das Premierenprojekt Weissacher Dorfsommer. Fangen wir mit dem neuen Format an: Es war sicherlich ein Wagnis des Unternehmerpaars Lisa und Frank Bäuerle, in ländlicher Abgeschiedenheit ein Kulturangebot mit vergleichsweise hohem Promi-Faktor zu veranstalten.
Die Atmosphäre stimmt, aber die Konkurrenz ist groß
Kommen Musikfreunde und Fans aus Stuttgart, Pforzheim, Sindelfingen oder Leonberg ins Strudelbachtal? Kann ein Parkplatz zur Rockarena umfunktioniert werden? Ist eine Veranstaltung mit mehreren hundert Gästen zu viel für ein Dorf wie Weissach?
Unter dem Strich lässt sich sagen: Es hat gut funktioniert. Die ganz große Resonanz ist zwar ausgeblieben, aber das liegt auch maßgeblich am miesen Wetter, das parallel zum Dorfsommer, wie die Bäuerles mit selbstironischem Augenzwinkern ihre Konzertreihe genannt haben, eingesetzt hat. Schwer gemacht hat den Weissachern zudem die große Konkurrenz durch die Jazzopen in Stuttgart und nicht zuletzt durch Leonpalooza. Das Festival lief noch, als der Dorfsommer bereits im Gange war.
Aber die Atmosphäre hat gestimmt, das Publikum hatte ausreichend Platz – auch im benachbarten Gastrobereich. Und dank der nahe gelegenen Parkplätze auf dem Feld wurde ein Verkehrschaos vermieden. Organisatorisch also alles bestens. Der Zeitraum allerdings war angesichts der eben erwähnten Parallelfestivals ungünstig gewählt. Viele Leute drehen wegen ständig steigender Preise den Euro eher drei- als zweimal um und üben sich in Verzicht oder begnügen sich mit der Rolle des Zaungastes.
Engagiertes Team stemmt Festival in kurzer Zeit
Ein Phänomen, das bei Leonpalooza ebenfalls zu beobachten war. Beim viel umjubelten Auftritt von Nena herrschte im benachbarten Stadtpark nicht weniger Stimmung als auf dem Bürgerplatz. Die Viertauflage des Leonberger Festivals war nicht minder ein Risiko, als das neue Projekt in Weissach. Der städtische Veranstaltungsmanager Nils Strassburg, weitgehend der geistige Vater von Leonpalooza, war im April im Unfrieden gegangen. Einen Moment sah es so aus, als könnte das Festival gar nicht stattfinden.
Doch ein engagiertes Team aus Rathaus-Mitarbeitern hatte die Zügel schnell in die Hand genommen und in einem Gewaltakt binnen kürzester Zeit ein zehntägiges Festival mit vielen großen Momenten und beachtlichen Künstlern gestemmt. Das Publikum merkte nichts von den schwierigen Begleitumständen – das spricht für die gute Arbeit der Festivalmacher.
Es ist also noch mal gut gegangen. Doch Leonpalooza steht am Scheideweg. Anfangs war es im dunklen Coronajahr 2020 in Zeiten des Abstands ein kulturelles Ausrufezeichen mit einem kleinen aber feinen Programm. Jetzt, drei Jahre später, gehören große Stars wie Nena, Chris de Burgh und Jethro Tull zum Standard, im vergangenen Jahr stand sogar der beeindruckende Bob Geldof auf der Leonberger Bühne.
Schneller, höher, weiter: Ist das die richtige Strategie für die Zukunft? Oder passt ein intimes Format wie in der Anfangszeit nicht besser zu Leonberg? Viele Leute sind begeistert, dass die Großen von einst in ihre Stadt kommen. Andererseits gibt es die berechtigte Klage, dass es für eine junge Zielgruppe kaum ein Angebot gibt. In diesem Punkt hatten die Macher vom Weissacher Dorfsommer ein geschickteres Händchen.
Es ist also viel zu besprechen, wie es in der Zukunft mit Leonpalooza weitergehen soll, auch vor dem Hintergrund, dass es seit dem Abgang von Nils Strassburg in Leonberg keinen richtigen Veranstaltungsmanager mehr gibt. Dass es aber mit Leonpalooza weitergeht, das sollte außer Frage stehen.