Mit dem Stück „Der Arme Konrad“ wird der Bauernaufstand im Remstal von 1514 eindrucksvoll auf die Bühne gebracht. Foto: Patricia Sigerist

Das Theater Lindenhof bewegt sein Publikum in der Alten Kelter mit einem fulminanten Sozial-Drama.

Fellbach - Verhalten und melancholisch stimmen die Trollinger des Philharmonischen Chors „Muss i denn zum Städtele hinaus“ an. Und die Figur des Blinden, der dem Stück von Friedrich Wolf „Der Arme Konrad“ eine Art Rahmen gibt und gleichzeitig Nabelschnur in die moderne Welt ist, verliest die Namen der 16 Aufrührer, die die Bauernrevolte von 1514 das Leben kostete. Sekundenlang ist es still unterm hölzernen Firmament, dann brandet der Schlussapplaus los. Das Premierenpublikum am Freitagabend ist hingerissen, es trampelt und applaudiert schließlich stehend.

Respekt. Einmal mehr ist es dem Theater Lindenhof, mit dem das Fellbacher Kulturamt eine langjährige Zusammenarbeit pflegt, gelungen, einen realen Stoff heißblütig auf die Bühne zu bringen. „Nichts als die Gerechtigkeit Gottes“ fordern die Remstalbauern und der Blinde – Gänsehaut-gut gespielt von Bernhard Hurm. Er hat als einziger den Durchblick, gleich den blinden Sehern der griechischen Mythologie. Im Mittelalter waren die deutschen Bauern, was Kleinbauern in der Dritten Welt heute sind: bettelarme Hungerleider, ausgebeutet bis aufs Blut, ohne Rechte, ohne Stimme. Totalitäre Systeme, die uns heute in der Ferne so unzivilisiert erscheinen, vom Cäsarenwahn gepackte Despoten, über die wir unsere pausbäckig gewordenen Wohlstandsköpfe schütteln – die Verhältnisse waren vor 15, 16 Generationen in unserer lieblichen, längst vom Wirtschaftswunder verwöhnten Heimat nicht anders.

Konz ist längst zum Märtyrer geworden

Die Upperclass, wahnhaft verstrickt ins abgehobene Ego, regiert mit der Peitsche und hat die Realität längst ausgeblendet. „Jetzt langt’s, i frohn net länger“, sagt der Konz, von Berthold Biesinger stoisch-furchtlos dargestellt. Als ihm Herzog Ulrich – den Maßlosen haben sie ihn damals genannt – eigenhändig an die Gurgel geht, ist Konz längst zum Märtyrer geworden, den das Hadern der Schicksalsgenossen nicht mehr anficht.

„Die Kreatur“ begehrt auf, gestern hier und morgen überall auf der Welt: Nichts ist gefährlicher für die Herrschenden, als denkende Bürger, das ist auch beim kleinen Vorspiel von Peter Hauser und dem Theater im Polygon auf dem Kelterparklatz Thema. Straßenkids spielen dort Geispeters Wasserprobe nach.

Und so wahnsinnig viel passiert dann eigentlich gar nicht in der fast zweieinhalbstündigen Aufführung, aber wie es passiert, das solidarisiert den Fellbacher von 2014 innerlich mit seinem darbenden Urahn.

Mitglieder des Fellbacher Singchors wirken mit

Man könnte den Besetzungsplan herunter beten und Lobeshymnen verteilen, die Mitwirkenden des Fellbacher Singchors und die hiesigen Bläser fast ein wenig beneiden, so hin- und mitreißend wird hier Geschichte wieder geboren. Die Kostüme, irgendwas zwischen hip und historisch, sind eine Augenweide, und das Bühnenbild in seiner Schlichtheit genial. Regisseur Klaus Hemmerle bewegt sein Publikum nicht nur innerlich, er führt es an verschiedene Stationen und quer durch die riesige Kathedrale aus Holz, es muss gehen und stehen und hat keinen festen Sitzplatz. Ganz demokratisch geht’s da zu, nur wer etwas wacklig ist, bekommt einen kleinen Klappschemel. Demokratie auch nach dem Schlussapplaus: Die Herrscher und die Geknechteten – alle Mitwirkenden bekommen ihr Fläschchen Alter-Konrad-Wein, keiner mehr, aber auch keiner weniger.

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