Felix Kummer (zweiter von links) mit seiner Band Kraftklub Foto: Universal/Philipp Gladsome

Felix Kummer hat mit seiner Band Kraftklub ein lautes, grelles und nachdenklich-politisches Album gemacht. Wir haben mit ihm über „Kargo“ gesprochen.

Kritisieren können alle, schlechtreden auch. Eine hohe Kunst ist und bleibt es, sich und sein eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen und das Ganze noch in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu rücken. Was das angeht, waren Kraftklub schon immer besser als die anderen deutschen Indie-Rock-Bands.

 

Von Tag eins mühelos politisch und in ihrer antifaschistischen Haltung so standhaft wie unmissverständlich, gleichzeitig selbstironisch und mit einem feinen Gespür für die Auswüchse des Hipstertums („Ich will nicht nach Berlin“): Zwischen 2012 und 2017 bestimmen Kraftklub das deutsche Indie-Geschehen mit lockeren Songs und entfesselten Konzerten, die Alben „Mit K“, „In Schwarz“ und „Keine Nacht für niemand“ erscheinen in rascher Folge.

Erinnerung an die Ausschreitungen in Chemnitz

2018, im Anschluss an das von ihnen mitorganisierte „Wir sind mehr“-Konzert nach den Ausschreitungen in Chemnitz, stockt der Motor, eine Pause wird benötigt. Erst viel später wird die Band merken, dass dieses Konzert gegen rechts mit Bands wie Feine Sahne Fischfilet und den Toten Hosen durchaus ein Brandbeschleuniger für diese Pause war.Auf „Kargo“, dem ersten Album seit „Keine Nacht für niemand“ von 2017, setzen sich Kraftklub in den Songs „Vierter September“ und „Wittenberg ist nicht Paris“ jetzt kritisch damit auseinander, was es denn eigentlich bringt, wenn man in einem eh nazifreien Raum „Nazis raus!“ ruft.

Der Frontmann Felix Kummer hat seine eigenen Gedanken dazu: „Man könnte meinen, dass man sich damit nur das gute Gefühl geben möchte, etwas getan zu haben. Es ist aber gruselig zu sehen, wie stark sich diese Menschen wieder fühlen“, sagt er zur Lage in Chemnitz und im Rest des Landes. „Da ist so ein ‚Nazis raus!‘-Ruf auf einem Konzert doch allemal eine ganz gute Rückversicherung, dass man nicht allein ist. Dass wir immer noch zusammenstehen.“

Die Band ist gereift

Aussagen wie diese zeigen den Reifeprozess, den Kraftklub durchgemacht haben. Die ersten fünf Jahre ihrer Karriere sind ein Wirbelwind, eine einzige Abfolge von Festivals, Konzerten, Videodrehs und Albumaufnahmen. Gemeinsam mit Casper stellen die Chemnitzer den Sound der Stunde, definieren deutschen Indie-Rock neu und liefern der ganzen Republik Argumente gegen den Umzug nach Berlin.

Mit der Pause kam die Reflexion. „Wir entschlossen uns nach dem Sommer 2018 bewusst zu dieser Pause“, sagt Kummer. „Wir hatten davor schon länger das Gefühl, Luft holen zu müssen, ein wenig Abstand zu brauchen. Es ist einfach sehr viel in sehr kurzer Zeit passiert.“ Die Karenz nutzt Kummer für zwei Dinge: sein Rap-Soloalbum „Kiox“. Und strikten Bandentzug. „Danach wieder mit den anderen im Proberaum zusammenzukommen, das war das schönste Gefühl überhaupt. Alles war so frisch, so neu.“

Viel Selbstironie

In der Pandemie entsteht mit „Kargo“ ein Album, das sich gar nicht erst die Mühe macht, das Rad neu zu erfinden. Kraftklub sind Kraftklub, sind diese eigentümliche Mischung aus Indie, Rock, Pop und Rap, getragen von Felix Kummers Sprechsingen, ordentlich Selbstironie („Ich kann nicht singen“, ruft er im Opener „Teil dieser Band“) und Wumms. „Unsere größte Motivation war immer schon der Livemoment. Kraftklub ist keine Band, die sich in eine Hütte zurückzieht und wochenlang Klangexperimente durchführt. Mein größter Wunsch war es immer, meine Musik auf die Bühne zu bringen. So klingt ‚Kargo‘: nach Kraftklub.“ Er lacht: „Und irgendwie total unmodern.“

„Kiox“, sein Debüt als Rap-Solitär (eine Karriere, die er erst kürzlich wieder beendet hat), bleibt nicht ohne Auswirkungen auf „Kargo“. „Ich gebe mittlerweile Sachen preis von mir, die ich vor meinem Soloalbum so nie geschrieben hätte. Dennoch gilt: Kummer war introspektiv, Kraftklub ist intuitiv. Da machen fünf Leute Musik und hoffen, dass am Ende ein Moshpit rauskommt.“

Griffiges Songwriting und größere Bandbreite

Auffällig ist der stärkere Fokus auf griffiges Songwriting und eine größere Bandbreite an Einflüssen. „Angst“ geht dem ängstlichen Deutschen mit düsteren Trip-Hop-Beats nach, „Kein Gott, kein Staat, nur du“ singt Kummer mit Deutschlands Indie-Düsterprinzessin Mia Morgan. Es ist der Versuch eines Liebeslieds, der das auch bleibt: ein Versuch. Auch „Blaues Licht“ ist mit seinem merkwürdig schunkeligen Refrain als Ausrutscher zu werten – auf einem ansonsten homogenen, stimmigen, cleveren, bisweilen ungewöhnlich nachdenklichen Album. Man ist eben keine Anfang 20 mehr.

Eines können Kraftklub aber immer noch besser als alle anderen: kritisieren, ohne zu moralisieren, entlarven, ohne sich selbst zu verschonen. „Wir kritisieren gern Dinge, bei denen wir auch uns selbst meinen“, nickt Kummer. „Das war ja schon damals bei ‚Ich will nicht nach Berlin‘ so. Was wäre denn gewesen, wenn ich doch mal gewollt hätte?“, lacht er. „Kraftklub sind nie zeigefingrig. Wir erheben uns nie über ‚die anderen‘, die irgendwas falsch machen. So etwas finde ich unangenehm und anmaßend. Das ist wie mit Chemnitz: Wir müssten nicht ständig auf der Stadt rumhacken, wenn wir schon längst weggezogen wären.“

Felix Kummer und Kraftklub

Anfänge
2010 gründet Felix Kummer gemeinsam mit seinem Bruder Till Kummer die Band Kraftklub. Noch vor Veröffentlichung ihres Debüts „Mit K“ spielen sie im Vorprogramm von Rammstein, den Toten Hosen oder den Ärzten.

Ableger
Nur ein Jahr später, 2011, gründen ihre beiden Schwestern Nina und Lotta Kummer die Band Blond. Ihr erster Auftritt erfolgt bei ihrer Jugendweihe, bald erscheint das zweites Album der Schwestern.

Ahnen
Der Vater der vier Kummer-Kinder ist Jan Kummer, der im Jahr 1986 das musikalische Kollektiv AG Geige gründet und damit auch über die DDR hinaus Erfolge feiert. In den Neunzigern betrieb er zudem den Plattenladen Kiox in Chemnitz.

Album
 „Kargo“ (Universal) erscheint am 23. September.