Alice (Madeline Brewer) feiert ausgelassen ihren Aufstieg in der Rangliste der Cam Girls. Foto: Netflix

Der Thriller „Cam“ auf Netflix erzählt von Alice, die wie viele andere auch mit einer virtuellen Peepshow Karriere machen möchte. Die Drehbuchautorin Isa Mazzei weiß genau, wovon sie erzählt: Sie war selbst mal Cam Girl.

Stuttgart - Das Internet ist voll von ihnen, von Cam Girls, die zahlende Benutzer einladen, im Online-Schlafzimmerchen mittelschwer bizarre Flirts und mehr oder weniger explizite Sexspielchen zu erleben. In Spielfilmen aber sind Cam Girls als Hauptfiguren rar, was zwei Gründe haben dürfte: Erstens ist es schwer, den Arbeitsalltag von Cam Girls zu zeigen, ohne am Ende mit einem Film dazustehen, der dem Porno-Publikum zu lasch und den Sittenwächtern von Kino und Fernsehen zu versaut ist. Zweitens scheint kaum jemand Ahnung zu haben, was er von diesen jungen Frauen erzählen sollte: Denn das eine zeigen die selbst andauernd, das andere behalten sie schön für sich.

„Cam“, jetzt auf Netflix zu sehen und von Blumhouse produziert, jener kleinen US-Firma, die das Horrorkino mit Low-Budget-Produktionen wie „Paranormal Acitivity“, „Insidious“ und „Get Out“ aufgemischt hat, muss allerdings nicht herumrätseln, was die Mädels wohl denken, fühlen, planen könnten. Die Drehbuchautorin Isa Mazzei hat selbst mal als Cam Girl gearbeitet, den Regisseur Daniel Goldhaber kannte sie von Pornodrehs. Die beiden zeigen ihre Heldin Alice, die sich bei der Sexarbeit Lola nennt, ohne moralische Tüttelei, ohne Spott und ohne Gefahrengemunkel.

Eskalation der Wünsche

Sie verklären die Sexarbeiterin aber auch nicht: Wie fixiert Alice darauf ist, in der Rangliste der Cam Girls weiter nach oben zu klettern, kann durchaus beängstigen. Man ahnt, wie brutal der Wettbewerb in dieser Branche tobt und wie wichtig es für ein Cam Girl ist, spendable Sugar Daddys fest an sich zu binden, ohne diese Kerle wirklich ins eigene Leben zu lassen.

Vielleicht bräuchte „Cam“ gar keinen weiteren Plot als diesen Arbeitsalltag. Die Frage, wer hier eigentlich wen kontrolliert und manipuliert, ist schon spannend genug. Alice alias Lola treibt ihre Fans an, mit Krypto-Trinkgeld um sich zu werfen. Die Fans aber wollen, dass Lola für dieses Trinkgeld auch Wünsche erfüllt. Ganz nüchtern wird hier vermerkt: Cam Girls stellen sich mit jedem Auftritt einer Eskalationsspirale. Was gestern beklatschte Grenzüberschreitung war, kann den Besuchern der Online-Peepshow heute schon zu wenig sein.

Ausgesperrt und doppelt da

Das funktioniert so gut, weil Madeline Brewer („The Handmaid’s Tale“, „Orange Is The New Black“) als Alice eine großartige Leistung hinlegt. Brewer gibt ihrer Figur eine Verbissenheit, die nicht um Sympathie wirbt, und einen Stolz auf die eigene Leistung, der auf Lob von außen pfeift. Auch das ganz normale Umfeld von Alice wird ohne Verächtlichkeit gezeigt: Wir sehen eine Kleine-Leute-Welt, aus der die Live-Kamera eine Ausbruchschance bietet.

Es gibt dann aber doch noch eine klassische Thrillerhandlung. Eines Tages will Alice sich einloggen und stellt fest, dass sie aus ihrem eigenen Account ausgesperrt wurde. Schlimmer noch: Sie kann zuschauen, wie sie sich scheinbar live in ihrer Lola-Rolle vor der Kamera räkelt und mit ihren Stammkunden chattet – wo sie doch gerade am Telefon fruchtlos mit der Hotline ihres Sexcam-Providers zankt.

Wahnvorstellung oder Horror?

Isa Mazzei und Daniel Goldhaber füllen „Cam“ mit Paranoia, ohne ihre Karten auf den Tisch zu legen. Sehen wir gerade einen Cyber-Krimi, in dem ein technisch hochfrisierter Persönlichkeitsdiebstahl mittels Virtual-Reality-Generator abläuft? Entwickelt sich „Cam“ zum Horrorfilm, in dem ein fieser Dämon die Gestalt von Lola angenommen hat? Oder zerfällt da in einem Psychothriller gerade Alice selbst? Bildet sie sich alles nur ein, zeigt uns die Kamera ihre Wahnvorstellungen?

Diese Schwebe der Möglichkeiten ist so reizvoll, dass die Auflösung gar nicht der stärkste Teil des Films sein kann. „Cam“ ist kein Pointenstück, auch wenn man den Schluss nicht verraten darf. Es geht um das, was davor passiert – und das passiert nicht bloß des Nervenkitzels wegen. Mit der Kontrollverlusterfahrung von Alice macht Isa Mazzei deutlich, dass auch taffe Cam Girls wissen: Sie haben die Dinge nie ganz alleine und nie ganz fest im Griff. Was hier aber nie heißt: Das Cam-Leben ist abseitig und verworfen und darum sehr gefährlich. Nein, es heißt: Das Cam-Leben ist wie der Rest des Lebens auch.

Verfügbarkeit: „Cam“ ist beim Streamingdienst Netflix abrufbar.

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