Ein Original: Wendelin Niedlich wurde bereits vor seinem 90. Geburtstag in der Stuttarter Stadtbibliothek gefeiert. Foto:Lg/Zweygart Foto: Lichtgut/Zweygart

Den Namen hätte man nicht besser erfinden können: Der Buchhändler Wendelin Niedlich, eine literarische Institution in Stuttgart, ist vor seinem 90. Geburtstag in der Stadtbibliothek geistreich gefeiert worden.

Stuttgart - Von wegen niedlich! Ein mürrischer Griesgram sei er gewesen, ist an diesem Abend zu hören. In seinem legendären Buchladen in der Innenstadt, in dem man mitunter die Machete brauchte, um im Dschungel des hochgeschossenen Bücherwuchses durchzukommen, habe er mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter Kunden verscheucht, die einen Bestseller kaufen wollten, der ihm nicht gefiel – oder die, noch schlimmer, nach einem Stadtplan von Stuttgart fragten.

Und jetzt, da Wendelin Niedlich gerührt von den ehrenden Worten für sein Lebenswerk im sogenannten Herz der Stadtbibliothek steht, in dem vier Stockwerke hohen Raum in der Mitte des Gebäudes, mag man kaum glauben, dass dieser nette, alte und strahlende Herr mal garstig sein konnte.

Joschka Fischer soll bei ihm Bücher geklaut haben

Jetzt sieht er wahrhaft niedlich aus mit der Baskenmüttze und dem bunten Bändel um den Hals! Der Mann, der von 1960 bis 1998 eine bis heute einzigartige Buchhandlung führte, wird diese Verniedlichung seines Wesens nicht mögen. Sein Buchladen-Biotop müsste im Stadtmuseum nachgebaut werden. Einst hat Erich Fried bei ihm Gedichte vor zehn Gästen vorgelesen. Das legendäre Schild „Wer hier klaut, hat nichts verstanden“ müsste im Museum einen Ehrenplatz erhalten. Noch heute erzählt man sich, dass der spätere Außenminister Joschka Fischer zu den eifrigsten Buchdieben gehörte. Am 31. August feiert Niedlich den 90. Geburtstag. „Ich kann niemanden einladen“, sagt er, „ich hab’ kein Geld.“ Weil alle geklaut haben!?

Aber Niedlich hat den Reichtum der ungezählten Bücher, der Literatur und des Wissens darüber, dass der Mensch niemals alles wissen wird. Er hat viele Freunde, wie dies beim ausverkauften Abend „Von wegen Niedlich . Vorspiel zum 90. Geburtstag des legendären Buchhändlers und Galeristen“ in der Stadtbibliothek deutlich wird. Der Künstler Wolfgang Kiwus hat ein humorvolles und würdiges Programm zusammengestellt, bei dem unter anderen der Jazzmusiker Wolfgang Dauner, der Kabarettist Peter Grohmann, der Künstler Jan Peter Tripp, die Schriftstellerin Friederike Roth und der Autor Hans-Peter Breuer einen Mann ehren, den StN-Kolumnist Joe Bauer als „eine literarische Institution“ und „ein wandelndes Denkmal, groß geworden in der linken Szene“ bezeichnet.

1960 fing Niedlich in Stuttgart an

Es ist der Abend der guten Geschichten, ob diese stimmen oder gut erfunden sind.

So erzählt man sich, dass Niedlich unbezahlte Rechnungen in einem Wäschekorb aufbewahrte und alljährlich Verlosungen veranstaltete. Gläubiger, die gezogen wurden, kamen in einen zweiten Wäschekorb.

1960 übernahm der 33-jährige Niedlich den Laden des Antiquars Fritz Eggert. In den 1970ern zog er fünf Häuser weiter, in das Eckhaus an der Schmalen Straße 9, das zum „Manhattan der Bücher“ wurde, wie der Dichter Otto Marchi schrieb: „Wer einmal in seinen Regalen steht, der bleibt da stehen, manchmal jahrzehntelang. Es gibt eine Achternbusch-Pyramide, eine Brecht-Chaussee, ein Enzensberger-Hochhaus, einen Joyce-Turm und ein Robert-Walser-Gebirge, das alles überragt.“

Joe Bauer trägt die schöne Geschichte von Heinz Weiß vor, dem Wirt des Café Weiß, der 2001 von der Gema eine Rechnung über 171 Mark und 67 Pfennig in seinem Briefkasten fand. Weiß, der seine Musikbox mit Edith Piaf und Rock’n’Roll bespielte, nahm die Rechnung nicht persönlich. Das Schreiben war an einen „Lizenznehmer“ mit französischem Namen gerichtet – an Marcel Proust.

Weiß-Stammgast Niedlich freute sich. Es gab nur eine Erklärung für den Brief, meinte er: Sein verehrter, 1922 gestorbene Proust war auferstanden! Vermutlich hatte er lange im Keller des Café geruht und neue Bände geschrieben. Lange vorm Eintreffen des Gema-Schreibens hatte der Buchhändler ein Stück Pappe zur Werbung für seine literarische Reihe an der Tür der Bar befestigt. Aufschrift: „Marcel Proust, Geißstraße 16“. Dies musste der Kontrolleur von der Gema gesehen und missverstanden haben.

E-Books sind nichts für ihn

Was ihm Halt im Leben gegeben hat, fragt Dokumentarfilmer Václav Reischl Niedlich. Dessen Antwort lautet: „Die Frauen.“ Aber er habe doch immer andere Frauen gehabt und wohl nie die Richtige gefunden, sagt der Autor. Niedlich schüttelt den Kopf: „Es war immer die Richtige zur jeweiligen Zeit.“

Im Herz der Stadtbibiliothek verrät der bald 90-Jährige, was ihm am Leben hält: „Ich lese täglich.“ E-Books lese er nie. Er lese die 4000 Seiten von Marcel Proust, und wenn er damit fertig sei, fange er von vorne an. Der Eintrittsobolus des Abends dürfte für zwei, drei weitere Bücher im Hause Niedlich reichen. Natürlich habe er nicht alles gelesen, was daheim seine Flure verstopft. „Aber ich hatte immer viel Freude beim Kaufen der Bücher“, sagt er. Nein, mürrisch ist er nicht. Im Alter ist es ihm doch noch gelungen, niedlich zu werden.

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