Gute Miene zum bösen Spiel: Trainer Niko Kovac Foto: dpa

Karl-Heinz Rummenigge zählt Niko Kovac öffentlich an – dieses Mal, weil er es wagte, zuversichtlich beim möglichen Transfer von Leroy Sané zu sein. Der Umgang mit dem Trainer des FC Bayern München bleibt ein unwürdiges Schauspiel, kommentiert unsere Sportredakteur Marco Seliger.

Stuttgart/München - Am Ende kam auch noch Brazzo ums Eck. Brav hechelte das Bürschchen am späten Dienstagabend seinem Herrchen hinterher, brav wiederholte er die Sätze seines Vorgesetzten und bildete damit den Schlussakt beim nächsten Kapitel des Münchner Komödienstadls. Hasan Salihamidzic also, der Sportdirektor des FC Bayern, kritisierte wie vorher sein Chef Karl-Heinz-Rummenigge den Trainer Niko Kovac.

Dazu muss man wissen, dass Kritik an Kovac bei Rummenigge schwer in Mode ist, fast könnte man meinen, der Münchner Clubboss hätte da vor einiger Zeit schon ein neues Hobby entdeckt. Oder vielleicht eine Art Entspannungstherapie, wer weiß. Andere machen Qigong oder Yoga. Rummenigge kritisiert Kovac.

Im Sandwich

Jetzt also ging also auch Salihamidzic in die Bütt, der Mann also, der schon lange nicht mehr wie früher als Profi Brazzo, das Bürschchen genannt werden will. Der Bosnier, in der öffentlichen Wahrnehmung längst irgendwo im Nirgendwo zerrieben im Sandwich zwischen den Alphatieren Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge und Kovac, positionierte sich, wie das dann immer so schön heißt. „Es ist wichtig, dass wir Respekt vor dem Club haben, Respekt vor den Besitzern von Manchester City und dem Trainer und meinem Kollegen“, sagte Salihamidzic am Rande eines Sponsorencups in der heimischen Arena in Richtung des Trainers. Man solle nicht mehr über andere Spieler reden. Und, Brust raus, Bursche: „Ich hoffe, dass wir das alle verinnerlichen.“

Also, gehen wir in uns – was zur Güte war eigentlich passiert?

Niko Kovac, der arme Tropf, der gerade mit 16 Profis und ein paar Jugendspielern zur Auffüllung im täglichen Training arbeiten muss, hatte am Wochenende gewagt, sich zuversichtlich zu zeigen, dass die Bayern den einen Spieler bekommen, den sie gerade alle so unbedingt wollen (Karl-Heinz Rummenigge übrigens auch). „Ich bin sehr zuversichtlich, davon gehe ich aus, dass wir ihn bekommen können.“

Ihn. Den Mann, auf den sie alle hoffen. Den Mann der Zukunft. Den Mann fürs Tempo. Leroy Sané.

Die Aussagen des Niko Kovac waren für Killerkalle Rummenigge dann Grund genug, ein paar Tage später wieder recht schwere Geschütze aufzufahren. Der Clubboss hatte ja in den vergangenen Monaten keine Gelegenheit ausgelassen, die Position des eigenen Trainers zu hinterfragen. Gerne verweigerte er ihm eine Jobgarantie, gerne erinnerte er auch an das verlorene Achtelfinal-Rückspiel samt angeblich missratener Defensivtaktik in der Champions League gegen den FC Liverpool. Nun, auf der USA-Werbereise in diesem Sommer, hatte Rummenigge sich dann ein bisschen freundlicher gegenüber Kovac gegeben. Vergessen, vorbei. Zurück in der Heimat verschärfte er die Tonlage nun wieder.

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Rummenigge sagte am Dienstagabend zu Kovacs Zuversicht in der Causa Sané: „Mir hat die Aussage nicht gefallen. Da mache ich keinen Hehl daraus.“ Mit Blick auf Sanés bis Juni 2021 laufenden Vertrag wies Rummenigge darauf hin, dass „weder optimistische noch pessimistische Aussagen helfen“. Er betonte, die Clubführung habe ein gutes Verhältnis zu Ex-Trainer Pep Guardiola (der großen Trainerliebe Rummenigges, aber das nur am Rande), der inzwischen bei Manchester City Sané trainiert. Und er erinnerte daran, wie die Kompetenzen beim FC Bayern verteilt sind: „Der Trainer muss seinen Job machen.“

Das nächste Kapitel

Man könnte Niko Kovac irgendwie verstehen, wenn er bald einfach nur noch davonrennt, wenn er sich zumindest bald mal wehrt, und zwar so richtig. Oder wenn er zumindest bald mit Yoga oder Qigong anfängt oder Bäume umarmt im Forst nahe der Säbener Straße. Der Mann, der trotz aller internen Vorbehalte (vor allem vonseiten Rummenigges) das Double holte, weiß spätestens jetzt, dass er auch in seinem zweiten Jahr bei den Bayern wohl eher nicht allzu entspannt arbeiten kann. Um es vorsichtig auszudrücken.

Das nächste Kapitel in Rummenigge Geschichte „Trainerdemontage für Fortgeschrittene“ ist also geschrieben. Der Mann, der Pep Guardiola offenbar noch immer hinterhertrauert und in Kovac offenbar nicht mehr sieht als einen soliden, aber eben nicht genialen Arbeiter (was man übrigens durchaus so beurteilen kann), wird den Kroaten wahrscheinlich weiter anzählen. Und Kovac, das am Rande, wird in Uli Hoeneß – sollte der tatsächlich bald aufhören – seinen wohl letzten mächtigen Fürsprecher verlieren.

Der tapfere Kovac

Das andere Alphatier Rummenigge hätte seinen Trainer nun im aktuellen Kritikfall Sané einfach mal beiseite nehmen können. Im Büro, unter vier Augen, oder wenn’s sein muss auch nur kurz übers Handy: „Rummenigge hier. Hör mal, Niko, das ist nicht gut, wenn du da so vorprescht bei dem Sané, das will ich nicht, konzentrier’ du dich auf deinen Job. Aber hey, klar, wir tun alles, dass wir den bald (oder besser, Anm. der Redaktion: Am Ende des Tages) hier haben. Und jetzt weitermachen.“

So was in der Art, vielleicht.

Traurig, dass das längst wie ein absurdes Märchen klingt.

In der Realität sieht es so aus, dass Niko Kovac weiter tapfer der der Vermutung widerspricht, wonach es zwischen ihm und dem Chef Spannungen gebe. „Ich habe mit Karl-Heinz Rummenigge gerade noch in der Kabine gesprochen. Da war kein Zorn, nichts. Da wird wieder was hineininterpretiert. Sie dürfen mir glauben: Es ist alles wunderbar.“

Kovac erklärte in der Nacht zum Mittwoch weiter, er habe sich für seine optimistische Einschätzung zum möglichen Sané-Transfer entschuldigt. „Ich bin ein bisschen zu offensiv geworden.“ Er habe bereits mit City-Trainer Pep Guardiola telefoniert und sich „dafür entschuldigt, weil ich natürlich weiß, dass das ein Spieler von Manchester City ist“. Der 47-Jährige ließ aber auch durchblicken, dass er von der Richtigkeit seiner Aussage überzeugt ist.

In diesem einen Moment war Karl-Heinz Rummenigge ganz klein.

Weil Niko Kovac mal wieder wahre Größe zeigte.

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