Mit unverwechselbarer Stimme: Frontman Dallas Tamaira. Sein Alias Joe Dukie ist eine Hommage an den Vater Joe und Großvater Dukie, benannt nach Jazzlegende Duke Ellington Foto: Christian Hass

Hip-Hop, Blues oder doch eher Dub? Fat Freddy’s Drop ist eine der erfolgreichsten Bands Neuseeland. Und eine, die sich nicht auf ein Genre festlegen lässt. Am Samstag rockten die sieben Jungs die Stuttgarter Liederhalle.

Stuttgart - Dallas Tamaira ist kein Mann der großen Worte. Ohne Vorgeplänkel greift der Sänger zum Mikro, stimmt nach minutenlangem Intro die ersten Zeilen der Single „Slings and Arrows“ an: „There’s a war in me, there’s a war in you“. Die unverwechselbar weiche Stimme schmeichelt den Zeilen, fügt sich ein in die Trompeten-, Saxofon- und Posaunenklänge seiner Bandkollegen Toby Laing, Scott Towers und Joe Lindsay, in den Bass von Fitchie alias DJ Mu, der im Hintergrund an den Turntables dreht. Komplett wird die siebenköpfige Band Fat Freddy’s Drop mit Gitarrist Tehi Kerr und Keyboarder Iain Gordon.

Die Fans im ­Hegel-Saal der Stuttgarter Liederhalle werden am Samstag noch drei Stunden später tanzen, hüpfen, singen.

Zweieinhalb Stunden vor dem Auftritt sitzt Saxofonist Scott Towers bereits auf einem schwarzen Ledersessel, irgendwo in den Tiefen des Kongresszentrums. Seine graue Schiebermütze hat er in die Stirn ­gezogen. Wenn er den Stil seiner Band ­beschreiben müsste, könnte er das nicht mit einem einzigen Wort oder einem Genre, sagt Towers im Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten: „Wir sind keine Blues-, Techno- oder Dub-Band. Fat Freddy’s Drop ist ein bisschen von alledem.“

Fat Freddy’s Drop: Konglomerat verschiedener Stilrichtungen

Das Bindeglied zwischen Soul, Reggae und Elektro: Dub. Darauf können sich alle sieben Bandmitglieder einigen – auch wenn das bei der Setliste oft nicht so einfach ist, sagt Towers lachend: „Bei so vielen Leuten gehört das wohl dazu. Ein Teil der Band tendiert zu elektronischer Musik und Techno, ein anderer eher zu Jazz und Blues. Am Ende steuert jeder von uns etwas anderes bei.“

Ein sehr demokratisches Schaffen, bei dem am Ende die beste Idee gewinnt – egal, von wem sie kommt. Bezeichnend für Fat Freddy’s Drop ist allerdings nicht nur dieses Konglomerat verschiedener Stilrichtungen. Sondern auch die Art, wie sich ihre Songs über Minuten hinweg entfalten. Am besten zeigt das vielleicht „Ernie“, der rund siebenminütige Eingangssong auf dem Album „Based on a True Story“ – der erst nach etwa vier Minuten an Tempo aufnimmt.

Beim Ska-Sound fängt der Holzboden an zu vibrieren

Auch live ist dieses Aufbauen, das stetige Steigern ein Muster der Band, auf das sie oft zurückgreift. Für die Zugabe etwa erscheint Posaunist Lindsay mit der Mundharmonika auf der Bühne. Beginnt mit einem Solo, bis erst Kerr an der E-Gitarre und dann Gordon am Keyboard einstimmen. Ein elektronischer Sound, zu dem die Leute im Saal tranceartig tanzen. Dazu mischt DJ Fitchie seine Bässe, steigen Frontman Dallas Tamaira und die Bläser ein – sie verwandeln den Elektro in Ska, der den Hegel-Saal zum ­Beben bringt. Der Holzboden vibriert unter der Vielzahl hüpfender Füße.

Dann plötzlich steht da MC Slave, jener Rapper, der Fat Freddy’s Drop bei Auftritten begleitet. Er feuert Rap-Salve um Rap-Salve ab: Ein Hip-Hop-Act, platziert zwischen Elektro-Medleys, Reggae-Sounds, Dub-Beats und Ska-Elementen. Ein Act, der überraschend gut in die Genre-Mixtur passt. Und der noch einmal zeigt, was diese Band eigentlich ausmacht: Das frei-fröhliche Spielen, das Improvisieren auf der Bühne.

Nach Stuttgart hat das Septett noch ein straffes Programm vor sich: Für die Europa-Tournee steht die Band fast jeden Abend auf einer anderen Bühne. Erst im Dezember kehrt sie zurück in ihre Heimat Neuseeland. Ans andere Ende der Welt.

Das neue Album „Bays“: noch besser, noch volltönender

Grund der Promo-Tour: Das aktuelle ­Album „Bays“, veröffentlicht am 23. Oktober bei dem hauseigenen Label The Drop/Alive. Es ist das nunmehr vierte Studioalbum der Band und zugleich das erste, bei dem die Songs vor allem im Studio entstanden sind. „Normalerweise schreiben wir die Lieder unterwegs“, sagt Towers. Eine neue Herangehensweise an den Schaffensprozess also, den die Band vermutlich beibehalten wird: „Die Songtexte sind subtiler, der Sound noch besser, volltönender.“

Dass die Dance-Dub-Soul-Komposition „Bays“ an vielen Stellen elektronischer klingt als die drei Vorgängeralben, liegt auch daran: „Wir haben inzwischen viel mehr elektronische Instrumente – anfangs arbeiteten wir hauptsächlich mit Akustik-Instrumenten“, sagt Towers. Er sieht die Entwicklung als natürlichen Prozess.

Fat Freddy’s Drop formierte sich Ende der 1990er in Neuseelands Hauptstadt Wellington. Fitchie alias DJ Mu arbeitete damals beim Radio. Immer häufiger produzierte er auch eigene Songs – Instrumental- und Dub-Versionen von Liedern, die er im Radio spielte. Irgendwann holte er Sänger Dallas ­Tamaira dazu, dann Trompeter Toby. Sie ­waren der Kern, um den sich Schritt für Schritt die heutige Besetzung gruppierte.

2001 erschien das erste Album, „Live at the Matterhorn“. Ein nahezu ungesampelter Mitschnitt eines Konzerts in Wellingtons einst gefragtestem Nachtclub. Allein durch Mund-Propaganda verkaufte es sich mehr als 9000 Mal. Vier Jahre später kam „Based on a True Story“ auf den Markt. Es erreichte Platz eins der neuseeländischen Charts am Tag nach der Veröffentlichung, wurde neunmal mit Platin ausgezeichnet. Seither hat Fat Freddy’s Drop Konzerte in der ganzen Welt gegeben. „Wir sind erfolgreich, aber nicht berühmt – zum Glück“, sagt Towers. Vielleicht wird „Bays“ das ändern.

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