Eigentlich sieht alles gut aus! Redakteur Kai Müller ist gespannt, ob er mit diesem ausgeliehenen Häs den Tüv übersteht. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Mitglieder der Cannstatter Kübelesmarkt-Zunft bereiten sich auf die kommende Fasnet vor und sind stolze Gastgeber des Große Narrentreffens im Januar vor. 10 000 Hästräger aus dem ganzen Land werden erwartet. Doch wie ist es eigentlich in ein Häs zu schlüpfen?

Stuttgart - Das Angebot kam überraschend und ist sehr verlockend. Ob man nicht im Häs beim Großen Narrentreffen in Cannstatt mitlaufen wolle, fragte Felben-Maskenmeister Axel Rahm.

Für alle Fasnetsmuffel: Häs nennt sich das Gewand der Narren mit seinen vielen bunten Stofffitzelchen, auch Fleckle oder wie in Cannstatt Blätzle genannt. Die Felben gehören zur Zunft Kübelesmarkt Bad Cannstatt. Sie tragen ein buntes Blätzleshäs in den Farben Grün, Rot, Orange und Braun und eine Lindenholzmaske.

Häs, Weinbergrätsche und Handschuhe

Einmal als Felbe an einem Umzug teilnehmen? Da muss man nicht lang überlegen. Im November ist es dann so weit: Häsrat Andreas Mäule findet ein passendes Häs. Eine Weinbergrätsche und grüne Handschuhe gehören ebenfalls zur Ausrüstung.

Doch Obacht! Tragen darf man das Narrenkostüm noch nicht. Schließlich beginnt die schwäbisch-alemannische Fasnet erst am 6. Januar. Aber schon vorher muss überprüft werden, ob die Narrenkleidung hält, was sie verspricht. Oder um es anders auszudrücken: Die Narren in Cannstatt müssen zum Häs-Tüv.

Zwei Termine gibt es. Beim ersten ist die Schlange lang im Küblerhaus. Hinter zwei Tischen stehen Andreas Mäule und Franziska Wager vom Maskenrat und werfen einen genauen Blick auf die in Koffern und Taschen mitgebrachten Häs. „Wir wollen bloß gescheite Häs auf der Straße haben“, nennt Felbennähmeister Olaf Betsch den Grund für den Häs-Tüv, dem sich jeder Narr in Cannstatt unterziehen muss.

Jeder richtige Narr muss sein Häs selber nähen

Viele Felben haben ihr Häs mitgebracht, aber auch einige Monde-Leinengewänder mit den goldenen Sternen und Monden werden auf die Tische gelegt. Häsrat Andreas Mäule kennt da kein Pardon. Wer kaputte Blätzle am Häs hat, der muss diese austauschen und das Narrengewand noch einmal vorzeigen. Ein Loch im Schritt, da muss der Besitzer mit der Nadel ran. Wäre ja peinlich, wenn beim Springen durch die Gassen die Hose reißen würde. Die Regeln sind klar: Nur wer ein ordentliches Gewand hat, bekommt einen Laufbändel und darf an der Fasnet teilnehmen. Und die Narren aus Cannstatt wollen in der Fasnet 2020 eine besonders ­gute Figur machen.

Kein Wunder, schließlich findet das Große Narrentreffen der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) vom 17. bis 19. Januar 2020 in Bad Cannstatt statt. Mehr als 10 000 Hästräger aus den 75 ­Mitglieds- und Partnerzünften wollen den Flecken auf den Kopf stellen. Höhepunkt ist der Große Narrenumzug am Sonntag. In Cannstatt gehört die Fasnet einfach dazu. 90 Mitglieder unter 18 Jahren hat die Zunft, 250 Hästräger sind es insgesamt. Doch auch wenn das eine ganz ordentliche Zahl ist, bei den Küblern geht es sehr familiär zu. Jeder kennt jeden, beim Häs-Tüv wird geherzt und umarmt.

Wer Interesse an der Fasnet an, der kann sich bewerben und um Aufnahme bitten. Bis zu acht Leihhästräger werden pro Jahr ausgewählt. Die müssen dann, wenn sie Geschmack an der Fasnet gefunden haben und nach einem Jahr dabeibleiben wollen, ihr Häs selbst nähen – natürlich unter fachlicher Anleitung von Olaf Betsch und seinem Team. „Das schafft jeder“, sagt Betsch, der seit 42 Jahren den Narren treu ist. Dann braucht es noch die Holzmaske, die der Maskenschnitzer Erich Hasenmaile aus Biberach an der Riß individuell anpasst. Rund 700 Euro kostet ein komplettes Felbenhäs mit Maske.

Die Fasnet ist wie ein Sonntagsbraten

Betsch ist dabei, wenn vor dem Häs-Tüv an zwei Terminen die Kostüme wieder auf Vordermann gebracht werden. Dafür braucht es dann viele neue Blätzle. Diese gibt es bereits fertig zu kaufen. Das ist gut so, denn manches Häs ist doch ein wenig ramponiert nach dem närrischen Treiben: „Ein paar Tausend Blätzle braucht es da schon“, sagt Betsch. Und wie ist das so, bei der Fasnet mittendrin zu sein? Betsch muss da nicht lang überlegen. Er vergleicht die Fasnet mit einem Sonntagsbraten. Da könne man viel erzählen, wie er schmeckt oder sich anfühlt. Aber den richtigen Geschmack kenne man erst, wenn man es ausprobiert habe.

Reinschmecken in die Fasnet, das will auch der Autor dieser Zeilen. Das ausgeliehene sogenannte Freundschaftshäs hat den Tüv bestanden. Vielleicht auch, weil Betsch vorher noch ein wenig Hand angelegt hat und mit Schere und geübten Schnitten die Knöpfe freigelegt hat. Die Laufbändel für Maske und Häs gibt es von Sarah König, die ebenfalls dem Maskenrat angehört. Ein ganz klein wenig fühlt man sich da schon ein bisschen als echter Narr – und das ist absolut positiv gemeint. Die fünfte Jahreszeit kann kommen! Oder um es mit den Cannstatter Narren zu sagen: Narri, narro ahoi!

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