Die Rems-Murr-Hauptstadt wird zur Faschingsmetropole: Der Umzug durch die Altstadtgassen gehört zu den längsten und imposantesten in der Region Stuttgart. Allerdings sorgen fiese Schnürsenkel- und Hutdiebe für Aufregung unter den von den Narren sorgfältig ausgewählten Opfern.
Klar, das bisschen Regen kann einem echten Narren nicht die Laune vermiesen. Aber ein wenig trübt es die sonst so überschäumende Stimmung in den Faschingshochburgen doch, wenn es unablässig aufs Haupt tröpfelt. Auch so mancher Rathaussturm mit etwas geringerer Vollversammlung auf dem Marktplatz oder manches Buttenrennen unter freiem Himmel brachte zwar viele offizielle Mitglieder von Karnevalsvereinen in Schwung, der allgemeine Besucherzuspruch litt aber doch etwas unter den Wetterkapriolen.
Waiblinger Umzug: sehr fröhlich und gar nicht feucht
Am Samstag allerdings war die Stimmung beim Faschingsumzug, dem Höhepunkt der Waiblinger Narrentage 2024, zum Glück sehr fröhlich und nur selten feucht – nämlich lediglich dann, wenn Gruppen mit besonders flüssigen Namen oder Narrenrufen die mehreren Tausend Zaungäste an den Straßenrändern begeisterten. Beispielsweise die Narrenzunft Wassergeister Ersingen in ihren grünen Schuppenklamotten und ihrem Ausruf „Batsch Nass“. Aus Schwaikheim waren die Sumpfgoischder angereist, die Freien Narren Waldenbuch schmetterten ihr „Hoch-Wasser, Tief runder – weg isch er“ in die Menge. Und von den Fildern grüßte die Narrenzunft Bonlanden mit ihrem dreifachen „Sai-Soicher“ – das Sai steht übrigens für einen früheren Fischzuchtsee, in den ein Bonlandener Hirte einst pieselte.
Und so war die komplette Waiblinger Innenstadt am Samstagnachmittag komplett in Narrenhand. Pünktlich zum Start bei der Galerie Stihl um 14.30 Uhr schob die Sonne die Wolken beiseite und bestrahlte die ganze Szenerie des närrischen Gaudiwurms, der sich angeführt von einem Eisbären auf einem Segway bei angenehmen 12 Grad Celsius am Hochwachtturm vorbei zum Alten Postplatz, weiter über Fronacker Straße und Bahnhofstraße schließlich bis zum Ziel auf dem Marktplatz schlängelte.
Der von der 1. Waiblinger Faschingsgesellschaft (WFG) und der Waiblinger Karneval Gesellschaft organisierte Umzug hat Dimensionen, wie sie nur wenige andere Faschingshochburgen vorweisen können: 87 Gruppen und somit rund 2200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten die Organisatoren für die Anfahrt nach Waiblingen gewinnen, „damit sind wir größer als der Stuttgarter Umzug am Faschingsdienstag“, wie WFG-Pressewart Rainer Niclaus weiß – denn in der Landeshauptstadt werden dann knapp 50 Gruppen mit rund 1350 Teilnehmern erwartet.
Schier endlos war somit der Narrenzug, die Teilnehmer mit den hinteren Nummern erreichten erst knapp drei Stunden nach dem Umzugsstart das Ziel des Umzugs in Marktplatznähe. Die weiteste Anfahrt hatten übrigens die Breisgauer Castrum Hexen, die 200 Kilometer nahe der Schweizer Grenze bis ins Remstal zurücklegten.
Die Stimmung war jedenfalls prächtig und nahm im Verlauf des Umzugs eher noch zu. Allerdings versetzten Diebe manche Beobachter in gewaltige Aufruhr – es waren allerdings keine Taschendiebe, vielmehr trieben Schuh-, Schnürsenkel- und Hutdiebe ihr Unwesen. Die meist mit grusligen Masken ausgestatteten Langfinger rückten zwar gut zehn Sekunden später ihrer Hehlerware wieder heraus, doch dafür musste so manche der offenkundig bevorzugt zu Opfern auserkorenen jungen Mädels mal 20 Meter auf Strümpfen zurücklegen, um die Sneaker wieder in den eigenen Besitz zu kriegen. Andere wiederum, hier bevorzugt Männer mit lockiger Haarpracht, bekamen eine Ladung Mehl in den Kragen gekippt und durften später mit ergrautem Schopf den Heimweg antreten.
Auch sonst durfte so manche diffizile Manöver beobachtet werden. So bei den mit einem riesigen Trecker aus dem Ditzinger Teilort angereisten Freunden aus Heimerdingen im Kreis Ludwigsburg. „Was seid ihr für Denger?“, rief der Moderator am Postplatz. Antwort: „Na Hoamerdenger“. Denn „D’Hoamerdenger Narra Obacha“ nennt sich die im TSV Heimerdingen angesiedelte die Truppe mit ihrem Narrenschrei „ooooooooobacha!“ Mit Seelenruhe steuerte der Traktorfahrer sein Gefährt samt Anhänger um die Ecke von der Fronackerstraße in die Untere Lindenstraße, da war Millimeterarbeit gefordert. Vermutlich beruhigte Hartmut Engler von Pur mit seinem aus dem Lautsprecher dröhnenden „Ich lieb mich in dir fest“ und sorgte so für den nötigen Ruhepuls am Steuer.
„Her mit meine Henna!“
In Wallung brachten die Menge hingegen so manche der Narrenrufe. Etwa die Schöckinger Walddruden mit „Drude Drude – Krah Krah Krah!“ oder aus tierischen Gefilden die Verrückten Hühner Althütte mit dem Spruch „Her mit meine Henna!“
Eher Geschmacksfrage sind die Robaweiber Reutlingen und ihr „Wo hockt dr Rob? – Uf am Weib“. Oder die 1. Freie Narrenzunft Kernen mit „Dran, drüber, drauf – Der Alptraum nimmt seinen Lauf!“
Na, so sind sie eben, die Närrinnen und Narrhalesen in der Faschingszeit.