Marihuana, Kokain, Amphetamine: Auf einen 31-Jähriger mit fast mustergültigem Lebenslauf warten bis zu neun Jahre Gefängnis.
Der Mann auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts könnte als Musterbeispiel für gelungene Integration gelten: Mit knapp neun Jahren kam er mit seinem damals 40 Tage alten Bruder und seiner Mutter aus dem Iran nach Deutschland. Nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Schule – vorwiegend wegen Sprachproblemen – machte er die mittlere Reife und drei Jahre später das Abitur auf dem Wirtschaftsgymnasium. Anschließend absolvierte er ein Wirtschaftsstudium in Bamberg mit dem Schwerpunkt Controlling. 2016 schloss er mit dem Bachelor ab, den Master hätte er berufsbegleitend im Sommer dieses Jahres in der Tasche gehabt – doch seit Anfang April sitzt er in Untersuchungshaft.
Der Angeklagte gesteht alles
Denn der 31-Jährige war als Selbstständiger nicht nur im Gastro- und Eventmanagementbereich tätig, wo er im Jahr 2020 coronabedingt wenig zu tun hatte. Er hat auch im großen Stil mit Drogen gehandelt. Das hat der Sindelfinger zu Beginn seines Prozesses über seinen Verteidiger Andreas Baier rückhaltlos eingeräumt und damit die Anklage der Staatsanwaltschaft bestätigt.
Nach deren Ermittlungen hat der 31-Jährige mit drei Mittätern große Mengen Marihuana, Kokain und Amphetamine im Raum Böblingen/Sindelfingen vertrieben. Zwischen Dezember 2020 und Juni 2021 hat der Sindelfinger laut Anklage insgesamt etwa 130 Kilogramm Marihuana, rund neun Kilogramm Kokain und fünf Kilogramm Amphetamine ge- und verkauft.
Eine große Nummer
Die Kommunikation lief über so genannte Kryptohandys der Firma Anom, die als vermeintlich abhörsicher galten, in Wirklichkeit aber über das FBI in Umlauf gebracht worden waren. Der Angeklagte verwendete dabei den Decknamen Professor, seine Mittäter die Städtenamen Oslo, Denver und Moskau – angelehnt an die Netflix-Serie „Haus des Geldes“. Der 31-Jährige war schwerpunktmäßig für den Transport und die Aufbewahrung des Rauschgifts zuständig. Nach den Ermittlungen der Polizei kamen die Hintermänner aus Frankfurt und Pforzheim. „Der Hintermann aus Frankfurt wird mit internationalem Haftbefehl weltweit gesucht“, ordnete ein Polizist im Zeugenstand die Dimension des Handels ein.
Mehrfach seien die Drogen in eine Straße nach Böblingen geliefert worden, in deren Nähe eine Shisha-Bar liege, die als Drogenumschlagplatz polizeibekannt sei, berichtete der Polizist vor Gericht. Die Auswertung der Kryptohandys, die zum Teil Excel-Tabellen mit bis zu 26 000 Zeilen umfassten, habe dazu geführt, dass zunächst ein Mitarbeiter der Bar in Verdacht geraten sei. „Durch den Austausch von persönlichen Daten in Chats und Geodaten kam dann aber der Angeklagte in unser Visier“, führte der Kripobeamte weiter aus. Viele Bilder auf dem Kryptohandy hätten sich auf seinem privaten Smartphone wiedergefunden. Die Zuordnung der Sprachnachrichten zum Angeklagten sei nicht einfach gewesen, weil dieser einen Stimmenverzerrer auf hoher Stufe benutzt habe.
Vater eines kleinen Kindes
Dem Geständnis des Sindelfingers war eine Prozessverständigung zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung vorausgegangen. Die Prozessbeteiligten hatten vereinbart, dass dem 31-Jährigen im Falle eines Geständnisses ein Strafrahmen zwischen achteinhalb und neun Jahren in Aussicht gestellt wird.
Der Angeklagte hatte während des Prozesses vor der Fünften Großen Strafkammer Tränen in den Augen – auch weil viele Familienmitglieder und Freunde im Gerichtssaal saßen. Zudem ist der 31-Jährige Vater eines kleinen Kindes. Er ist sich noch nicht sicher, ob er seine Haft in der JVA Freiburg absitzen möchte, weil er dort sein Masterstudium abschließen könnte, oder ob er lieber in der Nähe seiner Familie bleiben will.
Nach seinen Angaben hat er zudem rund 450 000 Euro Schulden, die überwiegend aus einem Wohnungskauf und Studiengebühren resultieren. Außerdem steht nun zusätzlich im Raum, 720 000 Euro aus den Drogengeschäften zu ersetzen.