In unserer Umfrage Heimat-Check zeigt sich: Kitaplätze allein reichen offenbar nicht, damit Stuttgarter ihren Stadtbezirk als familienfreundlich empfinden. Worauf es sonst noch ankommt – und wie alle 23 Stadtbezirke abschneiden.
Den Stammheimern fällt einiges ein, um ihren Bezirk familienfreundlicher zu machen: „Mehr Spielplätze für Kinder ab sechs Jahren.“ – „Bessere Plätze für Schulen und Schwimmbäder.“ – „Es fehlt an Kinderärzten und Erzieherinnen.“ – „Sehr wenige Angebote für Jugendliche außer dem Jugendhaus.“ – „Berufstätige bekommen keinen Kita-Platz für ihre Kinder.“
Das sind nur einige der Kommentare der Bewohnerinnen und Bewohner dieses Stadtbezirks aus der Umfrage „Heimat-Check“ unserer Zeitung, an der knapp 11 000 Stuttgarterinnen und Stuttgarter teilgenommen haben.
Schlusslicht bei der Familienfreundlichkeit: Stuttgart-Mitte
Dennoch führt Stammheim beim Thema Familienfreundlichkeit die Reihe der 23 Bezirke an. 6,32 von 10 möglichen Punkten haben die Bewohner ihrem Wohnort durchschnittlich bei diesem Thema gegeben. Allerdings liegen die Bewertungen für alle Bezirke eng beisammen: Nur 1,5 Punkte unterscheiden Stammheim und das Schlusslicht Stuttgart-Mitte mit 4,97 Punkten. Durchschnittlich wird Stuttgart in dieser Kategorie mit 5,64 Punkten bewertet.
Der Heimat-Check ist keine repräsentative Umfrage, liefert aber ein interessantes Stimmungsbild, wie die Stuttgarter Themen wie Wohnen, Verkehr, Digitalisierung, Sicherheit, Gesundheit, Einzelhandel und Lebensqualität in ihrer Stadt bewerten. Insgesamt bekommt Stuttgart die Punktzahl 5,84, die Bewertung der Familienfreundlichkeit liegt also nur leicht unter dem Durchschnitt.
Angebote für Jugendliche in Stuttgart?
Zwei Fragen sollten die Teilnehmer dazu beantworten: „Wie gut ist das Angebot an Kinderbetreuungs- und Spielmöglichkeiten (Kita, Tagesmütter)?“ Und: „Wie gut ist das Angebot für Jugendliche in Ihrem Stadtbezirk?“
Auffallend ist, dass einige Bezirke, die über alle Themen betrachtet überdurchschnittlich abschneiden, bei der Familienfreundlichkeit abfallen. Das gilt vor allem für die Innenstadtbezirke Nord (5,14) und das Schlusslicht Mitte. Wohingegen sich insgesamt schlechter bewertete Bezirke wie Wangen oder Stammheim bei der Familienfreundlichkeit nach oben schieben.
Dabei ist gerade in Stammheim die Versorgung mit Kita-Plätzen, auf die sich die erste Frage bezieht, besonders schwierig. Laut dem aktuellen Bericht des Jugendamtes Stuttgart gibt es dort für gerade einmal ein Drittel der null bis dreijährigen Kinder statistisch einen Betreuungsplatz. Bei den Kindergartenkindern sind es 87 Prozent. Ziel der Stadt sind 60 Prozent im Krippen und 100 Prozent im Kindergartenbereich.
Nur für jedes dritte Kind ein Krippenplatz in Stuttgart
Dass Kitaplätze bei der Bewertung der Familienfreundlichkeit offenbar nicht alles sind, zeigt auch der Blick auf Stuttgart-Mitte. Der Bezirk schneidet am schlechtesten ab. Dabei gibt es dort laut Jugendamt zumindest rechnerisch bereits für die angestrebten knapp 60 Prozent der Unter-Drei-Jährigen einen Kita-Platz – und für 100 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen.
In den Kommentaren, die die Befragten aus Stuttgart-Mitte abgeben konnten, geht es denn auch um andere Themen, zum Beispiel um verschmutzte Spielplätze mit jahrelang abgebauten und nicht ersetzten Spielgeräten und immer wieder um zu viel Verkehr: „Mehr Freiflächen für Kinder und Jugendliche“, „weniger Autos, stattdessen mehr Fußwege und Radwege“ – so liest sich das. Ein Teilnehmer moniert, dass es für Kinder im Grundschulalter unmöglich sei, sich frei zu bewegen.
Junge Familien müssten aus Stuttgart wegziehen
Außerdem werden die hohen Mieten kritisiert: „Es kann doch nicht angehen, dass junge Menschen mit Kinderwunsch direkt nach dem ersten Kind aus Stuttgart wegziehen müssen, weil die Mieten für größere Wohnungen nicht mehr bezahlbar sind und das für mittlere, gute Einkommensverhältnisse“, schreibt eine Teilnehmerin an der Umfrage.
Auch um die Jugendlichen sorgen sich viele Befragte. Quer durch alle Stadtbezirke mahnen sie mehr Freizeitangebote und Treffpunkte für junge Menschen an, 60 Kommentare beschäftigen sich damit. Eine Frau wünscht sich ein kleines Kino in ihrem Bezirk, eine andere eine Jugendfarm. Skateboard- und Basketballplätze werden herbeigesehnt, aber auch Treffpunkte nur für Mädchen. „Außer in der Schwabengalerie abhängen, ist hier nichts für Jugendliche geboten!“, schreibt jemand. Ein anderer: „Erwachsene tun so, als ob es ausreicht, wenn es einen Sportverein und Schule gäbe.“
Kinderfreundliche Kommune
Stoff könnte die Umfrage also für die Bemühungen der Stadt liefern, kinder- und jugendfreundlicher zu werden. Dieses Ziel hat Stuttgart sich vor 20 Jahren gesetzt. Seit drei Jahren trägt die Stadt das Siegel „Kinderfreundliche Kommune“ des gleichnamigen Vereins. Erst im Frühjahr wurde es verlängert. Die Experten bescheinigten der Stadtverwaltung, viel getan zu haben. Unter anderem werden stark frequentierte Spielplätze nun häufiger gereinigt. Es gibt mehr öffentliche Still- und Wickelmöglichkeiten, außerdem das Projekt temporäre Spielstraßen. Um die Meinungen der jungen Stadtbewohner zu hören und einzubeziehen, hat die Stadt eine Kinderversammlung eingerichtet und die Jugend befragt. Derzeit wird an weiteren Maßnahmen gearbeitet.
Die größte Baustelle in Sachen Familienfreundlichkeit ist aber wohl die Situation in den Kitas: Noch immer fehlen tausende Betreuungsmöglichkeiten. Gleichzeitig können bestehende Plätze nicht besetzt werden, reduzieren Einrichtungen die Öffnungszeiten, weil das Personal fehlt. Das Jugendamt will nun als ein Mittel dagegen Eltern fragen, wie viele Stunden Betreuung sie wirklich brauchen, und gegebenenfalls Ganztagsplätze in Sechs-Stunden-Plätze umwandeln, um so mehr Kindern eine Betreuung zu ermöglichen. Denn es gibt allein 750 Kinder in der Stadt, die vier Jahre und älter sind und noch keinen Kitaplatz haben.