Frank Sellmer (links), seine Frau Annette und sein Bruder Oliver Sellmer führen das Familienunternehmen. Foto: Leonie Thum

Schon der erste Adventskalender nach dem Krieg kam in Deutschland aus Stuttgart-Rohr. Doch was macht der Adventskalenderverlag eigentlich das ganze Jahr über?

Rohr - Auf den ersten Blick wirkt das Gebäude an der Schmellbachstraße wie ein normaler, obgleich etwas großzügiger Familienwohnsitz. Direkt dahinter beginnt der Wald, es ist eine ruhige Gegend auf der Rohrer Höhe. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man das Schild mit der Aufschrift „Richard-Sellmer-Verlag“ und kann durch die Fenster einen Blick auf große Maschinen und übereinandergestapelte Gegenstände erhaschen. Es sind Adventskalender, die zu Tausenden auf die Versendung an ihre künftigen Besitzer warten. Überall auf der Welt öffnen Kinder heute das erste Türchen.

„Manchmal kommen Anwohner zu mir, die erst nach 30 Jahren von dem Verlag in ihrer Straße erfahren haben“, sagt Annette Sellmer. Dabei liefert der Richard-Sellmer-Verlag seine bunten Drucke jedes Jahr millionenfach in die ganze Welt. Gegründet wurde er 1945 von Richard Sellmer, dem Großvater der heutigen Geschäftsleiter Frank und Oliver Sellmer. In Rohr wurde der erste Adventskalender Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg produziert. Durch eben diese Villa führt nun Annette Sellmer, die Frau von Frank Sellmer. An den Wänden und auf den Tischen türmen sich die Adventskalender auf. Im November ist Hochsaison. Im Dezember – für viele Geschäfte der absolute Höhepunkt an Weihnachtsstress – kehrt dort allerdings Ruhe ein. Schließlich müssen die Kalender dann schon an Ort und Stelle in Wohnzimmern aufgestellt oder über Kinderbetten gehängt sein. Doch die Ruhe im Verlag währt nur kurz.

Es begann mit dem Verkauf von Postkarten

„Oft fragen mich die Leute, was ein Adventskalenderverlag eigentlich das restliche Jahr über macht“, sagt Annette Sellmer. Dabei sei der Familienbetrieb zu jeder Jahreszeit mit den bunten Drucken beschäftigt. „Im Dezember müssen schon die Entwürfe für die Kalender des nächsten Jahres stehen“, sagt sie. Die Grafiker seien meist schon im Spätsommer oder Herbst mit den neuen Designs beschäftigt. Im Januar werde auf Papier- und Spielzeugmessen geworben, danach schon gedruckt und produziert. „Im März gehen die ersten Ladungen auf Schiffen an Großhändler in der ganzen Welt. Danach folgen im Laufe des Jahres die europäischen Händler und zuletzt die Einzelhändler in Deutschland“, berichtet Sellmer. Der Verlag liefere in etwa 30 Länder weltweit. Besonders beliebt seien die Drucke in England, wo sogar eine eigene Mitarbeiterin angestellt ist. Aber auch im Rest Europas und den USA sind die nostalgischen Kalender nachgefragt. Hinzu kommen exotischere Ziele wie Japan oder Brasilien. Verkauft werden die Kalender hauptsächlich in Buchläden.

Der Sellmer-Verlag ist der einzige Verlag, der sich ausschließlich auf Adventskalender spezialisiert hat. Zurückführen lässt sich das auf sein langes Bestehen. Da Adventskalender während des Naziregimes verboten waren ergriff nach dem Krieg Richard Sellmer die Gunst der Stunde. Aus Berlin war er nach Stuttgart geflohen, wo er mit dem Rest seiner Verwandtschaft zusammenzog. Er versuchte sein Glück zunächst als Postkartenverkäufer, wurde dann jedoch von einem Freund auf die Idee mit dem Adventskalender gebracht. „Er veröffentlichte unseren ersten Kalender, Modell Nummer hundert, den wir bis heute produzieren“, sagt Annette Sellmer und nimmt ein Exemplar mit einer bunten, von Schnee umhüllten Häuserfront in die Hände. Es war der Anfang des Familienbetriebs, von da an ging es schnell voran.

Der Sellmer-Verlag erfindet die Glimmermaschine

Auf einer Messe lernte Richard Sellmer einen Amerikaner kennen, den das in den Vereinigten Staaten noch unbekannte Produkt begeisterte. Mit ihm gelangte die Adventskalenderliebe über den Atlantik. Im Rahmen einer Wohltätigkeitsaktion ließen sich in den darauffolgenden Jahren sogar die Präsidenten Richard Nixon und Dwight D. Eisenhower mit Sellmer-Kalendern fotografieren, was sein Übriges für die Popularität der Kalender tat.

Trotz der riesigen Auflagen und des internationalen Handels produziert der Familienbetrieb immer noch vor Ort. Gedruckt wird in Leinfelden-Echterdingen, in der Villa an der Sellmerstraße werden die Vorder- und Rückseiten zusammengesetzt, mit Glimmer verziert und verpackt. „Anfangs wurde noch fast alles von Hand gemacht, heute läuft das meiste maschinell“, sagt Sellmer und führt die im Hause entworfene Glimmermaschine vor. Über einen Silikonschnitt werden bestimmte Bereiche des Kalenders geleimt und danach mit Glimmer bestreut.

Warum sich die nostalgischen Kalender auch in Zeiten von immer mehr und immer größeren Geschenken noch so gut verkaufen? Darauf hat Sellmer eine Antwort: „Die Menschen wollen sich an Weihnachten rückbesinnen.“ Dafür sprechen würde auf jeden Fall eines: Das beliebteste Modell des Verlags ist immer noch das Modell Nummer hundert, das Richard Sellmer nach dem Krieg drucken ließ.

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