Andrea Kern hat eine Erziehungsstelle. Sie zieht einen Jungen in ihrer Familie groß, der als Kleinkind in eine Wohngruppe kam. „Ich würde es immer wieder machen“, sagt die Sozialpädagogin. Aber die Aufgabe ist herausfordernder als sie angenommen hatte.
Drei Kinder graben im Sand – mit den Händen und mit bunten Trinkbechern. Die Minuten vergehen. Als sie fertig sind mit Buddeln, setzen sich in die tiefen Kuhlen, strecken die Beine lang ins Flusswasser. Pure Harmonie. Andrea Kern schaut ihnen zu. Sie liebt diesen Ort, den Neckarstrand in Remseck. Sie lebte mal in der Nähe. Ihr heutiger Wohnort und ihr richtiger Name dürfen nicht genannt werden. Anonymität ist Bedingung für das Gespräch. Das liegt an dem jüngsten der drei Kinder am Strand, das besonders geschützt werden muss: Wir nennen ihn Alexander.
Der Junge war zwei Jahre alt, als seine älteren Schwestern vor Hunger den Notruf wählten. Der Vater lebte nicht mehr zu Hause, die Mutter kümmerte sich nicht. Die drei Kinder wurden vom Stuttgarter Jugendamt in Obhut genommen, kamen alle in Wohngruppen. Dort wechseln die Fachkräfte oft. Alexander konnte sich nie wirklich binden. Das bekam ihm nicht gut. Einmal, so wurde es Andrea Kern zugetragen, habe er die anderen dazu angestiftet auszureißen und auf einen weit entfernten Spielplatz zu gehen. Der Junge, der jetzt so ruhig im Sand spielt, galt als nicht mehr tragbar.
Die Kinder sind oft „schwer traumatisiert“
Alexander lebt seit August 2021 bei Andrea Kern mit in der Familie. Man könnte auch sagen, der Achtjährige ist ihr Job. Die Sozialpädagogin hat eine Erziehungsstelle bei der Evangelischen Gesellschaft (Eva). Das ist ein Beruf in der Erziehungshilfe, der kaum bekannt ist. Vielleicht, weil ihn so wenige ausüben. Die Eva beschäftigt aktuell sieben Frauen auf einer Erziehungsstelle und gibt elf Kindern auf diese Art ein Zuhause.
Erziehungsstellen, erklärt die zuständige Bereichsleiterin bei der Evangelischen Gesellschaft, Ulrike Doktorczyk, seien eine besondere Form der Heimerziehung – nur sei die Einrichtung in diesem Fall keine Wohngruppe, sondern eine Familie. In dieser lebt mindestens eine Fachkraft, die sozialversicherungspflichtig bei einem Träger wie der Eva angestellt ist. Der Bedarf an Plätzen sei stark gestiegen. Pro Woche seien es bis zu zehn Kinder, für die sie angefragt würden, so Doktorczyk. Sie sucht deshalb „händeringend“ nach weiteren Familien.
Oft handele es sich um „schwer traumatisierte“ Kinder, die sich in der Gemeinschaft der Wohngruppe nicht einfügen konnten, denen ein familiärer Rahmen aber guttäte. Viele hätten „extreme Grenzüberschreitungen“ erlebt. Auch für Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Alkohol oder Drogen konsumiert haben, würden sie angefragt. Doktorczyk nennt sie „unsere kleinen Überraschungspakete“, denn, wie sich diese entwickelten, wisse man nicht. Der fachliche Hintergrund sei bei Erziehungsstellen enorm wichtig. Diesen steht zudem rund um die Uhr ein Fachdienst zur Seite.
Der Junge sagt: „Ich will hier nie mehr weg.“
Andrea Kern hatte sich ursprünglich vier eigene Kinder gewünscht, doch lange wohnten sie dafür zu beengt. Nach dem Umzug in ein Reihenhaus mit Garten berief sie den Familienrat ein und ließ über ihren Plan abstimmen, ein Kind bei sich aufzunehmen. Ihr Mann, der in Stuttgart in der Jugendhilfe arbeitet, stimmte zu. Auch die Oma und die ältere Tochter waren dafür, Maja, die jüngere Töchter zuerst nicht. „Zuerst war ich nicht erfreut“, sagt die heute Elfjährige selbst. Aber nach ein paar Tagen habe sie doch ihr Okay gegeben, weil sie wollte, dass „Mama glücklich ist“ und weil sie dann vielleicht jemanden zum Spielen hätte. Heute stellt sie ihn anderen als ihren Bruder vor.
Nach dem Familienrat dauerte es neun Monate, bis Alexander zu ihnen kam – so lange wie bei einer Schwangerschaft. Sie brauchten eine Betriebsgenehmigung, der Brandschutzbeauftragte kam ins Haus. Es folgte das behutsame Kennenlernen. Anfang August 2021 schlief Alexander zum ersten Mal in seinem Zimmer, in einem Bett in Form eines Autos. Am nächsten Morgen sagte er: „Ich will hier nie mehr weg.“
Der Achtjähriger ist ein Kind mit „zwei Gesichtern“
Alexander habe wahnsinnig viel Potenzial, sagt die 47-Jährige. Er sei sportlich und sehr intelligent. Er spielt gerne Schach. Rechnen fällt ihm leicht. Er ist im Fußballverein, habe Freunde in der Nachbarschaft. Aber er sei auch ein Junge „mit zwei Gesichtern“. Er ist der starke Schüler, der den Unterricht bereichert. Und er ist der Junge, der auf einen anderen eintritt, der schon am Boden liegt. Seine Lehrerin mag ihn, muss ihn jedoch oft verwarnen. Einmal habe er sogar Maja geschlagen, aus Eifersucht. Sie hatte Besuch von einem Freund, damit konnte er nicht umgehen. „Bei uns wird nicht geschlagen, nicht geschimpft und nicht geflucht“, hat sie ihm damals klargemacht. „Er musste das alles lernen.“ Bei seinem Einzug war sein Berufswunsch noch „Gangster“ gewesen.
Das mit der Gewalt sei besser geworden. Doch seine Emotionen habe er weiter nicht im Griff. Sie hofft, dass er bald bei einem Kinderpsychologen einen Platz bekommt, sie brauche „zusätzliche Hilfe“. Kürzlich hat er sie angeschrien, er wolle lieber bei der Oma leben, weil er da alles dürfe. Es hat ihr einen Stich versetzt. Ausgerechnet die Oma, die ihn so oft versetzt. Beim letzten Treffen habe die ihn am späten Nachmittag abgeholt. Ausgemacht war 10 Uhr.
Den Namen der Mutter hat sie ihm beigebracht
Sie sei Alexanders Familie mit Herzlichkeit begegnet. Inzwischen sei es eine „fachliche Beziehung“. Alexander ist einen Samstag im Monat bei der Oma. Die Zeit dort verbringt er vor dem Fernseher, sieht Filme voller Gewalt. Beim nächsten Besuch wird deshalb der Kinderschutzbund dabei sein. Wenn seine Mutter ebenfalls zur Oma kommt, stehe diese nur in der Ecke und rauche. Sie umarme ihre Kinder nie. Alexander kannte, als er bei ihnen einzog, nicht mal ihren Namen. „Wir haben ihn geübt“, erzählt Andrea Kern.
Die „Liebe und Aufmerksamkeit“, die er als Kind nie bekommen hat, versuchten sie als Familie ihm zu schenken. Der Achtjährige ist im Alltag kein verkuscheltes Kind, aber er liebe es, ins Bett gebracht zu werden. Sie deckt ihn zu und singt ihm vor. Er genieße das und verlange immer nach mehreren Liedern, bis sie bei einer langen Weise ankommen. Danach ist er bereit zu schlafen.
Mit Alexander entdeckten sie die Welt neu. Wie im Sommer 2021, als sie mit ihm das erste Mal einkaufen ging. Er war noch nie in einem Supermarkt gewesen. „Er hat alle gegrüßt und ist zu der Kassiererin gegangen: ,Hast du aber viel Geld in der Kasse‘“. Sie selbst würde sich „einen größeren finanziellen Spielraum“ wünschen. Das Essensgeld, das sie für Alexander bekommt, sei zu niedrig bemessen. Auch im Urlaub legten sie drauf. Sie bekämen für ihn gerade mal zehn Euro am Tag an Urlaubsgeld. Viel mehr als ein Eis mit Sahne bekomme man dafür nicht. Dennoch: „Ich würde es immer wieder machen“, sagt Andrea Kern. Die Arbeit sei „sehr erfüllend“ und „sinnstiftend“.
Sie würde es „immer wieder machen“
Alexander läuft durch den Sand, wirbelt diesen auf. „Alexander, lass das, hier essen Leute“, sagt die Sozialpädagogin. Er läuft weiter, verbreitet Sandstaub. „Alexander, lass das bitte!“ Er schaut sie an: „Aber das macht Spaß!“ Dennoch solle er damit aufhören. Da kommt er zurück, schnappt sich einen Apfelschnitz. Wenig später spielt er mit Maja und deren Cousin wieder friedlich am Neckarufer. Andrea Kern schaut ihn an. Sie habe es Alexander schon oft gesagt: Er könne so viel Gutes schaffen, er dürfe nur nicht vergessen, was das Gute ist.
Inobhutnahmen sind gestiegen
Unterschied
Es gibt auch sozialpädagogische Pflegefamilien. Dort ist die Pflegemutter oder der Pflegevater ebenfalls eine Fachkraft. Diese ist aber nicht bei einem Träger fest angestellt wie bei der Erziehungsstelle. Im Rahmen einer Erziehungsstelle kann man ein Kind (50-Prozent-Stelle) oder zwei Kinder (100-Prozent-Stelle) aufnehmen. Nähere Informationen zu den Erziehungsstellen gibt es bei Ulrike Doktorczyk von der Eva unter Telefon 07 11/67 41 06 03 oder per E-Mail an ulrike.doktorczyk@eva-stuttgart.de.
Bedarf
Der Bedarf ist auch deshalb so hoch, weil die Inobhutnahmezahlen stark gestiegen sind . 1076 Aufnahmen waren zum Beispiel in Stuttgart im Jahr 2022 zu managen (2021 waren es dagegen 658 ) . 457 Kinder hat das Jugendamt in 2022 aus Kinderschutzgründen aus der Familie genommen, die übrigen waren minderjährige unbegleitete Geflüchtete.