50 Grad Celsius – in Death Valley, dem heißesten Ort der Welt, ist das keine Seltenheit. Die Töchter der Familie Taylor dürfen nur in den Morgenstunden draußen spielen. Foto: www.frankbauer.com/Frank Bauer

Es ist der heißeste Ort der Erde: das Death Valley in Kalifornien. Hier ziehen Patrick und Crystal Taylor ihre fünf Töchter groß. Wie ist es, als Familie an einem Ort zu leben, an dem man es kaum aushalten kann?

Sacramento/Furnace Creek - Nachdem Kaiya, Lea, Hanna, Cora und Emma aus dem Auto geklettert sind, stellen sie sich auf und warten auf die blaue Flasche mit dem Sprühaufsatz. Grinsend sprüht Patrick Taylor feinen kühlenden Wassernebel auf ihre Gesichter. „Das erfrischt maximal eine Minute lang“, sagt Taylor, „aber das ist unser Ritual.“ Es ist 8.05 Uhr morgens, das Thermometer zeigt 36 Grad an. Die Mädchen spielen im Sand im Schatten der Düne, klettern hoch und springen hinunter, rollen und tollen. Als die Sonne über den Dünenrand kriecht, sagt Taylor: „Time to go!“ Die „Außenzeit“ ist zu Ende für die Taylor-Girls.

 

Jährliche Niederschlagsmenge: 38 Millimeter

Mit ihren fünf Töchtern leben Patrick Taylor und seine Frau Crystal am heißesten Ort der Erde. Im Death Valley, dem Tal des Todes, in Kalifornien, einer lebensfeindlichen Landschaft aus Sand, Fels und spärlicher Vegetation. Hier wurde 1913 die höchste Temperatur aller Zeiten gemessen: 56,7 Grad Celsius im Schatten. So heiß, dass sogar Vögel tot vom Himmel fielen. Erst vor ein paar Wochen war es hier 54,4 Grad Celsius heiß. Manchmal regnet es sogar. Jährliche Niederschlagsmenge: 38 Millimeter. In München sind es 930, in Hamburg 738 Millimeter. „Im Sommer sind wir Gefangene“, sagt Crystal Taylor (35), „ab Mai können wir das Haus nicht zu Fuß verlassen.“ Klimaanlage, Notstromgenerator, Wasserbehälter, abgedunkelte Fenster sind Standard.

Die Tage verlaufen eintönig

Fast alle Sommertage verbringen Kaiya (11), Lea (9), Hanna (5), Emma (2) und Cora (1) in ihrer gekühlten Festung. Ihre Mutter unterrichtet sie zu Hause. „Sonst müssten sie jeden Tag um 6.30 Uhr in den Bus steigen und fast eineinhalb Stunden in die nächste Schule fahren“, sagt Crystal Taylor. Die Tage verlaufen eintönig, nach der Schule am großen Küchentisch übt Kaiya auf ihrer Ukulele, Lea macht Turnübungen, Emma streichelt die Katze, Hanna sortiert ihre Steine. „Jede hat ihre eigene Kollektion von Felsbrocken“, sagt Crystal, „das bietet sich hier an.“ Als Kaiya davon hört, dass es in deutschen Schulen bei hohen Temperaturen hitzefrei gibt, spielt ein Lächeln um ihre Lippen: „Wir haben niemals hitzefrei. Eigentlich müssten wir das jeden Tag bekommen.“

Die Hitze ist eine Touristenattraktion

Patrick Taylor (38) ist ein ruhiger Mann mit einem schwarzen Vollbart. Seit fünf Jahren arbeitet er als Ranger im Death-Valley-Nationalpark. Der Park ist fast so groß wie Schleswig-Holstein, 1,7 Millionen Besucher kamen im Jahr vor Corona hierher, um die Landschaft zu erleben – und die extreme Hitze: „Menschen reisen um die halbe Welt, nur um diese Temperaturen am eigenen Leib zu erfahren“, sagt Taylor. Vor dem Besucherzentrum steht ein großes Thermometer. 117 Grad Fahrenheit ist zu lesen, 47 Grad Celsius. „Das meistfotografierte Motiv“, sagt Taylor.

Selbst das Trinkwasser ist lauwarm

Im Sommer dreht sich das Leben der Mädchen darum, der Hitze zu entgehen. Wasser ist heilig, Schatten überlebenswichtig, Kühlung ein Segen. Fällt der Strom für die Klimaanlage länger aus, wird evakuiert, Busse bringen die 120 Einwohner der kleinen Siedlung Furnace Creek an einen kühleren Ort, wo sie in klimatisierten Räumen warten können, bis die Stromversorgung wiederhergestellt ist. Selbst das Trinkwasser ist lauwarm, die Wasserleitungen verlaufen nicht tief genug unter der Erde.

Der nächste Supermarkt ist 105 Kilometer entfernt

Zur Hitze kommt die Abgeschiedenheit. „Einkaufen ist ein Riesen-Event“, sagt Crystal Taylor und wuchtet zwei sargähnliche Kühlboxen in den Kofferraum ihres Chevrolet Suburban, ein Achtsitzer. „Der nächste Supermarkt ist 105 Kilometer entfernt. Wir fahren da einmal die Woche hin. Die Girls lieben diese kühlen großen Hallen mit kalten Lebensmitteln.“ Wasser ist alles für die Death-Valley-Kinder. Emma planscht auf der mit Gardinen gegen die Sonne verhüllten Veranda, die älteren dürfen schon mal in einer schattigen Ecke neben dem Haus im Matsch sitzen. Wenn sie auf dem Trampolin hüpfen, spritzt ihr Dad aus einem Gartenschlauch Wasser auf die Mädchen. Selbst der Pool nutzt nur bedingt: Bricht im Park ein Feuer aus, pumpt die Feuerwehr das Wasser ab, um es zum Löschen zu verwenden.

Die Schönheit des Tals

Am Wochenende fährt Patrick Taylor mit den drei älteren Mädchen abends hoch zum Aussichtspunkt Dante’s View. Von hier geht der Blick weit über das Tal, das menschenfeindliche, das todbringende Tal, das ihre Heimat ist. Sie sehen zu, wie die Sonne hinter den Bergen versinkt. Es ist ganz still. „It’s beautiful, isn’t it?“ – also: „Ist es nicht schön?“ –, sagt er leise zu den Mädchen, die seine Hände ganz fest halten. Sie nicken stumm. Dann greift er nach der Wasserflasche und fragt: „Wer mag den ersten Schluck?“ Drei hohe Stimmen sagen gleichzeitig: „Ich!“ – und lachen sich kaputt.

Warum ist es im Death Valley so heiß?

Bergketten
Hier ist die tiefste Stelle der USA, knapp 86 Meter unter dem Meeresspiegel. Dazu gibt es mehrere Bergketten, an denen sich die warme Luft vom Pazifik abgeregnet hat, so dass kaum Feuchtigkeit hierhergelangt. Es gibt kaum Vegetation, die die Hitze absorbieren könnte, und das Tal ist lang und schmal. Dies verhindert, dass es gut von der Luft durchströmt werden kann.

Nationalpark
Der Death-Valley-Nationalpark liegt in der Mojave-Wüste und ist der trockenste Nationalpark in den USA. Er liegt südöstlich der Sierra Nevada, zum größten Teil auf dem Gebiet Kaliforniens und zu einem kleineren Teil in Nevada. 1933 wurde das Death Valley zum National Monument ernannt. 1994 wurde es, stark erweitert, zum Nationalpark aufgewertet.