Gruppenbild mit Externem: Yvonne Hansmann, Helmut Fischer, Andreas Fischer, Roland Fischer, Stefan Seipel und Benjamin Fischer vor der Altweibermühle. Foto: Avanti//Ralf Poller

Es gibt viele Parallelen zwischen dem Erlebnispark Tripsdrill und dem Branchenführer Europapark bei Rust. Vor allem die Familienkonstellation ist ziemlich ähnlich. Doch am Ende tickt man eben doch anders.

Der Raum gleich hinter der Theke verbreitet den Charme der 1980er Jahre: ein massiver Furniertisch, eine dunkle Einbauschrankwand, Linoleumboden. Nur der Röhrenfernseher wurde vor ein paar Jahren durch einen Flachbildschirm ersetzt. In diesem bescheidenen kleinen Hinterzimmer im Gasthaus an der Altweibermühle fallen die Entscheidungen über Großinvestitionen, Achterbahnen, Nervenkitzel im Erlebnispark Tripsdrill. Dazu gibt es Ofenkartoffeln und schwäbische Maultaschen.

 

Tagtäglich versammelt sich die Familie Fischer in dem ehemaligen Wohnzimmer des Großvaters zum Mittagessen. Und das folgt einer eingeübten Regie. Als erster trifft Roland Fischer ein, der jüngere der beiden Seniorchefs. Als gelernter Koch schaut der 68-Jährige noch kurz in die Töpfe, probiert Soßen, Spätzle und Kartoffelsalat. All das wird selbst gemacht, die Brühe vom Knochen ausgekocht. Die entscheidenden Kniffe hat Roland Fischer nicht von seinem Lehrherr. „Die sind von der Oma.“

Eine Sage hilft bei der Gründung

Ihre Kochkünste, die Geschäftstüchtigkeit ihres Mannes Eugen Fischer und eine Sage stehen am Anfang des Freizeitparks, der in diesem Jahr schon 95 Jahre alt wird. In einer Gartenlaube am Michaelsberg zwischen Cleebronn und Bönnigheim bewirtete das Paar die Wanderer. Die erkundigten sich immer wieder nach der Altweibermühle, die dort stehen und alte Frauen verjüngen sollte. Also baute Eugen Fischer eine. Am 30. Juni 1929 wurde sie eröffnet, mitsamt einer Rutsche. Dass die Mühle wirklich magische Kräfte besaß, darf bezweifelt werden. Das Mühlrad wurde elektrisch angetrieben. Aber wenn es sich drehte und dazu die Musik spielte, füllte sich der Tanzboden.

Inzwischen ist viertel Eins, wie es hier heißt, wenn man 12.15 Uhr meint, und das nächste Familienmitglied schlupft ins Nebenzimmer. Es ist Rolands Tochter Yvonne Hansmann. Die 40-Jährige ist für die Personalabteilung zuständig. Rund 100 Menschen arbeiten ganzjährig bei Tripsdrill. In der Saison sind es 450.

20 Pfennig fürs Rutschen

Früher mussten vor allem die eigenen Kinder mithelfen. Roland Fischer erinnert sich noch genau, wie er nach der Schule am Zapfhahn stand oder fürs Rutschen 20 Pfennig kassierte. 1946 war die Mühle abgebrannt. Rolands Vater Kurt ließ eine zweite bauen. Sie entwickelte sich zum Ausflugsziel für die vergnügungshungrige Wirtschaftswundergesellschaft. 1960 kam das erste Fahrgeschäft dazu, eine ausrangierte Bergwerksbahn. Die Besucher mussten dabei noch selbst in die Pedale treten.

Mittlerweile ist es halb eins, und das Hinterzimmer füllt sich. Yvonnes Cousin Andreas (43) gesellt sich dazu. Er ist verantwortlich für den Tierpark. Auch der war Kurt Fischers Idee. Er wollte den Kindern seiner Gäste etwas bieten. 1957 wurde der Zoo eröffnet, damals mit 300 Tieren, darunter Exoten wie Löwen und Tiger. Heute präsentiert man die heimische Tierwelt. Luchse, Wölfe, Hirsche sind zu sehen, außerdem Greifvögel und Störche, die in der Umgebung brüten und als „freie Mitarbeiter“ die Flugshows bereichern.

Der Junior will eigentlich Pilot werden

Kurze Zeit später sitzt auch Yvonnes Bruder Benjamin am Tisch. Eigentlich wollte der 38-jährige Pilot werden. Doch der Ruf des Familienunternehmens war stärker. Nach einer Ausbildung im Sinsheimer Verkehrsmuseum und einem Tourismusstudium landete auch er wieder in Tripsdrill. Jetzt ist er für die Zubauten verantwortlich. Auch über die neueste Attraktion für die kommende Saison, eine riesige Hollywoodschaukel, wurde hier am Mittagstisch zuerst geredet. „Wir müssen schnell zuschlagen“, sagte Benjamin. Sonst stehe das Gerät schon bald bei der Konkurrenz. „Wilde Gautsche“ wird es heißen. Ein schwäbischer Name muss sein.

Es ist eins durch, wenn auch Helmut Fischer zum Mittagstisch erscheint. Nicht selten wird er von Stammkunden aufgehalten. „Wir sind viel im Park unterwegs und hören den Besuchern zu“, sagt der 69-Jährige. Er ist so etwas wie der Firmenpatriarch, das schwäbisch-bescheidene Gegenstück zu Roland Mack, den weltläufigen Chef im Europapark mit seinen guten Kontakten in die Politik.

Echter Sandstein statt Pappmaschee

Fischer steht da eher in der zweiten Reihe. Aber: „Man kennt sich und schaut aufeinander“, sagt er selbstbewusst. „Wir sind die zwei starken Parks im Süden.“ Was beide auszeichnet, ist ihr klares Konzept – in Rust ist es Europa, in Tripsdrill „Schwaben um 1880“. Und das nehmen die Fischers genau. „Wir bauen hier nicht bloß Kulissen.“ Was im Park steht, ist nicht aus Pappmaschee. Wird ein Fachwerkhaus gebaut, ist der Sockel aus Sandstein.

Manches hat man sich von den Großmeistern in Rust abgeschaut. Auch in Tripsdrill will man im Übernachtungsbereich wachsen. Doch auch hier wählt man die schwäbisch-bescheidene Variante. Statt großer Hotels wurden Baumhäuser im Wald beim Tierpark aufgebaut. „Wir wollen uns in die Landschaft einpassen“, sagt Helmut Fischer.

Ein Mann von außen rückt an die Spitze

Am meisten aber ähnelt sich die Familienkonstellation in den beiden Unternehmen. Wie bei den Macks in Rust haben auch hier zwei Brüder das vom Vater ererbte Unternehmen groß gemacht. Hier wie da sind sie um die 70, hier wie da steht die nächste Generation bereit. Doch in Tripsdrill hat man sich anders entschieden.

In dem kleinen Nebenzimmer sitzt jetzt noch ein weiterer Mann. Stefan Seipel, vormals Marketingleiter und Prokurist bei der Stuttgarter Brauerei Dinkelacker, wurde in die Geschäftsführung aufgenommen. Mittelfristig soll er allein an der Spitze stehen. „Wir wollten den Blick von außen“, sagt Helmut Fischer.

Und was wird aus dem Hinterzimmer?

Sollte die jüngere Generation das enttäuschen, dann versteckt sie das zumindest gut. „Ich habe mich selbst für diese Lösung stark gemacht“, sagt Benjamin Fischer. Das Entscheidende sei ja, dass alle die gleiche Vorstellung vom Ziel des Unternehmens hätten: einem organischen Wachstum als Freizeitpark für Jung und Alt.

Dafür wird es nicht genügen, jedes Jahr eine neue Attraktion in den Park zu stellen. Seipel soll auch alte Zöpfe abschneiden, an die sich ein Familienmitglied wohl nicht getraut hätte. Nur das kleine Gaststättenhinterzimmer steht unter Denkmalschutz, das ist klar. „Vor drei Jahren wollten wir es renovieren und neue Möbel kaufen“, sagt Benjamin Fischer. Aber dann gab es doch nur neue Sitzkissen. „Wir standen hier drin, und fanden: Nein, genau so muss es bleiben.“

Tripsdrill im Vergleich

Auszeichnungen
Tripsdrill zählte im vergangenen Jahr 850 000 Besucher, das ist ein Zuwachs von neun Prozent seit 2019. Zum Vergleich: der Europapark steuert auf sechs Millionen Besucher zu. Das Gelände erstreckt sich für Erlebnispark und Wildpark über 77 Hektar, der Europapark misst 95 Hektar. Beide Parks wurden mehrfach als beste Erlebnisparks ihrer Größenordnung ausgezeichnet.

Preissystem
Eröffnung ist für beide Parks am 23. März. Karten gibt es für Tripsdrill im Internet ab 39 Euro. Allerdings steigt der Preis, je mehr Tickets am jeweiligen Tag verkauft sind. Auch der Europapark hat ein flexibles Preissystem. Dort geht es für Erwachsene bei 61,50 Euro los.