Echte Familienzeit ist bei Besuchen im Gefängnis nur schwer möglich. Foto: imago//Viktoryia Verstak

Valentina Sarino bringt ihre Kinder immer wieder ins Gefängnis, damit sie ihren Vater sehen. Aber mehr als ein paar Stunden sind nicht erlaubt. Ein Porträt aus unserer Reihe "Lesenswert aus 2023"

Dreimal im Monat fährt Valentina Sarino die knapp 80 Kilometer von Karlsruhe nach Offenburg. Mit dabei sind jeweils zwei ihrer vier Kinder; zwischen zwei und sieben Jahren alt, mehr dürfen es bei den Besuchen nicht sein. Sie gehen durch schwere Türen, über lange Gänge, werden durchsucht, um dann mit anderen Familien in einem nüchternen Raum zu landen, die Wachen immer in der Nähe, maximal 90 Minuten lang. So sieht Familienzeit bei den Sarinos aus, irgendwo hinter den hohen Betonmauern, die die Justizvollzugsanstalt Offenburg von der Außenwelt trennen.

 

Valentina Sarinos Mann sitzt dort gerade eine dreijährige Haftstrafe ab, es ist nicht seine erste. Für eine Tat, bei der Drogen im Spiel waren, Näheres soll hier nicht verraten werden, auch nicht Valentina Sarinos echter Name. Eine Drogentherapie hat der Häftling abgebrochen, so hätte er die Haft verkürzen können. Das bedeutet: Valentina Sarino muss weiter Besuche in der Justizvollzugsanstalt (JVA) planen, sich ein paar Tage vorher ankündigen, mit Schul- und Betreuungszeiten in Einklang bringen. Keine Chance für die Kinder, den Papa mal spontan zu sehen.

„Die meisten Frauen hauen einfach ab“

Valentina Sarino hockt in einem Café in Karlsruhe, als sie ihre Geschichte erzählt. Die Sonne vertreibt gerade die kühle Morgenluft, Autos, Roller und die Straßenbahn poltern ein paar Meter weiter über eine mehrspurige Straße. Bevor Sarino ihr Frühstück anrührt, klemmt sie Zigarettenpapier mit Filter und Tabak in einen kleinen Plastikapparat, stopft eine Kippe. „Die meisten Frauen hauen einfach ab“, sagt sie. Aber sie und ihr Mann schreiben sich Briefe, er ruft sie täglich an, obwohl dafür Extrakosten anfallen, die sich ins knappe Budget der Familie schneiden. Die Kinder würden sich darum streiten, wer als Erstes mit ihm telefonieren darf. Aber im Alltag ist sie mit den Kindern alleine.

Etwa 80 000 bis 100 000 Kinder wachsen in Deutschland auf, während ein Elternteil in Haft ist, so Schätzungen. In Baden-Württemberg seien es etwa 10 000, heißt es vom Netzwerk Straffälligenhilfe Baden-Württemberg. 75 Prozent dieser Kinder berichten laut der sogenannten Coping-Studie des Uniklinikums Dresden und des Vereins Treffpunkt über negative Folgen der Inhaftierung eines Elternteils. Knapp die Hälfte der Eltern beschreiben ihre Kinder als auffällig psychisch belastet.

Die Kinder würden mitbestraft, heißt es von Verbänden

Der Verlust von Vater oder Mutter könne Ängste, Enttäuschungen und Scham auslösen, heißt es in einem Bericht einer vom Bundesjustizministerium eingesetzten Arbeitsgruppe. Kinder inhaftierter Eltern hätten zudem selbst eine höhere Wahrscheinlichkeit, später straffällig zu werden und in Haft zu landen. Viele Sozialverbände sehen es deswegen so: Kinder würden für das Verhalten ihrer Eltern mitbestraft.

Valentina Sarino erzählt in dem Karlsruher Café weiter, vor ihr dampft ein Cappuccino. Die beiden Kleinsten würden die Situation noch nicht verstehen, sagt sie. Die Zweitälteste würde glauben, ihr Vater wohne an diesem etwas eigentümlichen Ort, an dem sie ihn immer wieder besuchen. „Aber die Große weiß, dass er da reinmusste, weil er etwas angestellt hat.“ Sie sei ein extrem lebensfrohes Kind, aber es bestünde auch Verdacht auf ADHS, sie sei aufbrausend, brauche wahnsinnig viel Beschäftigung.

Sonst merke sie den Kindern keine Belastung an, sagt sie. „Die Kinder freuen sich schon auf dem Weg nach Offenburg, dass sie den Papa sehen“, sagt Mariella Balog, die als Sozialarbeiterin des Vereins für Jugendhilfe Karlsruhe die Familie betreut. „Aber der Trennungsschmerz nach den eineinhalb Stunden ist auch groß.“

Die Bedürfnisse der Kinder werden ausgeblendet

Es ist nicht nur dieser emotionale Stress, den Kinder erfahren, wenn ein Elternteil weggesperrt ist. Das psychische Wohlbefinden ist bei fast der Hälfte der Mädchen mit inhaftiertem Elternteil besonders gering, der Anteil ist fast fünfmal so hoch wie bei durchschnittlichen Mädchen, auch das geht aus der Coping-Studie hervor. Jungen, bei denen Mutter oder Vater in Haft ist, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine Angststörung oder Depression zu entwickeln, ergab eine Studie zweier Wissenschaftler der Uni Cambridge von 2008. „Oft treten Ängste dadurch auf, dass Kinder die Inhaftierung miterlebt haben“, sagt Balog. Es gebe also gute Gründe dafür, den Vollzug so familienfreundlich wie möglich zu machen. Empfehlungen gibt es dafür genug. Das Wohl des Kindes sei bei allen Maßnahmen vorrangig zu betrachten, heißt es etwa in Artikel 3 der UN-Kinderrechtskonvention. In Artikel 9 geht es zudem um das Recht des Kindes auf unmittelbare und regelmäßige persönliche Kontakte zu dem Elternteil. Auch der Europarat schrieb 2018 Empfehlungen zum Umgang mit Kindern inhaftierter Eltern. Darunter: Besuche sollten grundsätzlich einmal pro Woche erlaubt sein, mindestens. In der Realität der deutschen Justizvollzugsanstalten sieht das anders aus.

Mindestbesuchsdauer im Südwesten: Eine Stunde pro Monat

In Baden-Württemberg liegt die Mindestbesuchszeit bei einer Stunde pro Monat. Wie viel man darüber hinausgehen darf, entscheiden die JVAs selbst. In anderen Bundesländern sind es regulär bis zu vier Stunden.

Das sogenannte Eltern-Kind-Projekt bietet im Südwesten Familien die Möglichkeit, sich monatlich einmal öfter zu sehen. Auch Valentinas dritter Monatsbesuch ist nur so möglich. Mariella Balog ist bei diesen Besuchen zur Unterstützung dabei. Reicht die Zeit aus? „Es wäre schön, wenn ein Kind nach seinen Bedürfnissen selbst entscheiden könnte, wann es Papa sehen möchte.“ Wie viel Zeit wäre für eine gute Beziehung nötig? „So viel wie irgendwie möglich“, sagt Balog. „Mindestens zwei- bis dreimal wöchentlich wäre gut.“

Auch die Durchsuchung bei den Besuchen in der JVA könnte man einfühlsamer und kindgerechter gestalten, sagt Axel Diefenbacher, Leiter der Straffälligenhilfe beim Verein für Jugendhilfe Karlsruhe. „Man könnte erklären, warum wird das Kind jetzt abgetastet und durchsucht, warum passieren hier Dinge, die sonst nirgends in der Lebenswelt eines Kindes passieren“, sagt Diefenbacher. „Das lebt natürlich davon, ob die Beamten Zeit haben.“ Das heißt: Für all das wäre mehr Personal in den JVAs notwendig.

Eine zentrale Anlaufstelle fehlt

Das baden-württembergische Justizministerium hat in diesem Jahr sechs neue Stellen geschaffen im Sozialdienst der Haftanstalten im Südwesten. Reicht das? Man wolle in Abstimmung mit dem Justizministerium das Angebot des Eltern-Kind-Projekts erweitern, teilt Uta-Micaela Dürig mit, Vorständin des paritätischen Landesverbands und Sprecherin des Netzwerks Straffälligenhilfe in Baden-Württemberg. Ein vorsichtig umschriebenes Nein. Bei Betroffenen gebe es zudem unterschiedlichen Hilfebedarf – mit der Haft eines Elternteils könne es auch zu finanziellen Problemen, drohender Wohnungslosigkeit oder Schwierigkeiten in der Kinderbetreuung kommen. Eine zentrale Anlaufstelle, an die sich alle Familien in der Situation wenden können, würde die Beratungssituation verbessern, so Dürig.

Es gebe ein Bewusstsein für dieses Thema in der Politik, sagt Axel Diefenbacher. „Die Landtagsfraktionen sind sich, mit einer Ausnahme, bei dem Thema einig. Aber es wird nicht in der Konsequenz umgesetzt, wie es gut wäre für die Kinder“, sagt Diefenbacher.

Valentina Sarino schreibt indes ihre Situation in einem Buch auf. „Es ist schwer, es ist scheiße, aber es geht“, sagt Sarino.