Die schwächsten Teilnehmer am Straßenverkehr sind kleine Kinder. Immer wieder kommt es auch in Stuttgart zu brenzligen Situationen. Meist gehen sie glimpflich aus. Foto: dpa/Patrick Pleul

Im vergangenen Jahr sind 30 Kinder auf dem Weg von oder zu der Schule verletzt worden, zwei davon schwer. Gemeinsam mit Elternvertretern werden Unfallstellen begutachtet und wird nach Lösungen für mehr Sicherheit gesucht.

Am 9. März ist eine Achtjährige in der Leitzstraße in Feuerbach auf dem Heimweg von der Raiffeisen-Schule zwischen zwei geparkten Autos auf die Fahrbahn getreten und von einem Ford erfasst worden. Mit schweren Verletzungen am Kiefer kam sie in ein Krankenhaus, musste operiert werden. „Mittlerweile geht es ihr aber so weit wieder gut“, sagt die Mutter.

 

Unfallzahlen in etwa konstant Es ist der letzte schwere Unfall, der sich in Stuttgart auf einem Schulweg ereignet hat – er stellt eher die Ausnahme dar, wie ein Blick in die Unfallstatistiken des Polizeipräsidiums Stuttgart zeigt. Voriges Jahr wurden 28 Kinder bei Schulwegunfällen leicht verletzt, zwei schwer. 2021 waren es 16, eines schwer. „Jeder dieser Unfälle ist tragisch und einer zu viel“, sagt der Polizeisprecher Sven Burkhardt. Zugleich betont er, dass Stuttgarts Straßen nicht gefährlicher für junge Verkehrsteilnehmer geworden seien. Jahr für Jahr gebe es leichte Schwankungen. Dass sich die Zahlen beinahe verdoppelt haben, habe aber einen anderen Grund: Die Polizei legt einen höheren Fokus auf die Erfassung von Schulwegunfällen.

Erwartungen an Vororttermine groß

Polizei informiert die Stadt Immer, wenn es einen Schulwegunfall gibt, informiert die Polizei die städtische Straßenverkehrsbehörde. „Diese überprüft dann, ob die Verkehrsregelung eindeutig ist und ob Verbesserungen möglich sind“, sagt der Stadtsprecher Harald Knitter. „Standardisierte Verfahren gibt es dabei nicht. In jedem Einzelfall wird je nach Art des Unfallgeschehens die jeweilige Situation vor Ort überprüft.“

Hohe Erwartungen von Eltern Im direkten Umfeld sind die Erwartungen an diese Begehungen, an der auch die Polizei teilnimmt, meist groß, Enttäuschungen die Folge, wenn Eltern das Gefühl haben, dass nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt worden sind, um etwas zu verbessern. Ein Problem sei, dass viele Interessen gegeneinander abgewogen werden müssten, sagt Raiko Grieb, der Bezirksvorsteher in Stuttgart-Süd. Er betont aber, dass die Verkehrssicherheit von Kindern ein hohes Gut sei. Erst kürzlich war er deshalb mit den städtischen Schulwegplanern und Elternvertretern in Heslach unterwegs, um einen Unfallort zu begutachten.

Kind frontal von Auto erfasst Am 15. Dezember 2022 wurde ein Fünfjähriger in der Karl-Kloß-Straße auf Höhe der Liebigstraße frontal vom Auto eines 56-Jährigen erfasst und über den Wagen geschleudert. Laut Polizei wollte der Junge, der sich mit seiner Mutter auf dem Heimweg vom Kinderturnen befand, bei Grün über die Ampel gehen. „Mit einer Blutung unter der Schädeldecke war er eine Nacht im Olgäle auf der Intensivstation und weitere vier Nächte stationär in der Neuropädiatrie“, schildert Svenja Dostal die schweren Verletzungen ihres Sohnes. Dass an der Unfallstelle keine Maßnahmen ergriffen wurden, verärgerte die Mutter zunächst. „Muss erst etwas Schlimmes passieren? Er hatte unglaublich Glück, hätte aber auch tot sein können“, klagte sie noch im Februar. Mittlerweile haben sich die Wogen etwas geglättet.

Begehung seitens des Elternbeirats Bei der Begehung wurde dem Elternbeirat der Lerchenrainschule erklärt, weshalb viele Ideen nicht umsetzbar sind. Unter anderem hatten sie gefordert, dass eine bei schlechter Witterung schwer einsehbare Ampel ein Stück weit verdreht wird. „Das ist offenbar nicht möglich, weil sie dann Autofahrer aus anderen Richtungen irritieren könnte“, sagt Dostal. Auch Blinklichter oder die Schilder, die auf die Ampel hinweisen, seien abgelehnt worden. Einen kleinen Erfolg konnten sie erzielen. An der Fußgängerampel in der Karl-Kloß-Straße werden die Signalzeiten angepasst, dass die Fußgänger schneller Grün bekommen. Das bestehende Schülerprogramm soll zeitlich ausgeweitet werden.

Eltern bringen Kinder im Eiltempo zur Schule

„Es wird geschaut, was rauszuholen ist“, sagt Bezirksvorsteher Grieb, der einen Lösungsansatz in der Reduzierung des Durchgangsverkehrs sieht. „Man muss die Fahrt durch Stadtteile wie Heslach mit baulichen Maßnahmen unattraktiver machen, damit unter anderem der Schwerlastverkehr auf Umgehungsstraßen ausweicht.“ Zum Teil müsse man sich aber auch an die eigene Nase fassen. „Es wird im Kreuzungsbereich und in zweiter Reihe geparkt. Man erschwert somit den Kindern die Sicht. Auch Elterntaxis, die oft zu schnell unterwegs sind, stellen nach wie vor ein großes Problem dar“, so Grieb. Als Erwachsener müsse man sich zudem seiner Vorbildfunktion bewusst sein, wenn man über eine rote Ampel gehe.

Zwei Unfälle innerhalb weniger Wochen Mehr Sicherheit auf Schulwegen wird auch in Botnang gefordert. Dort wurden am 20. Oktober und am 17. November 2022 in der Furtwängler- und in der benachbarten Bauernwaldstraße zwei Mädchen angefahren. Glücklicherweise wurden die beiden siebenjährigen Kinder dabei lediglich leicht verletzt. „Es wird dort viel zu schnell gefahren. Der Schleichverkehr zur Bundesstraße ist ein Problem“, sagt Nora Hansen, die stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende der Kirchhaldenschule.

Von dem Vororttermin mit den städtischen Schulwegbeauftragten hätte sie sich mehr erwartet als zwei neue Piktogramme, die auf den Fahrbahnen auf die Höchstgeschwindigkeit 30 hinweisen. Einige Vorschläge wurden von den Verkehrsplanern zurückgewiesen, weil die Maßnahmen die Sicherheit der Kinder nicht verbessern würden oder sogar rechtlich nicht zulässig seien. „Die gesetzlichen Vorschriften wurden hier eingehalten“, sagt Mina Smakaj. Die Botnanger Bezirksvorsteherin freue sich, dass man zu diesem Ergebnis gekommen sei und zusätzlich Hinweise angebracht würden. „Sie können eventuell nachhelfen, dass die Autofahrer sensibler werden“, sagt Mina Smakaj.

Stadt spricht von „unglücklichen Umständen“

Harald Knitter, der Sprecher der Stadt, betont, dass es sich bei beiden Unfällen in Botnang laut den Unfallberichten der Polizei jeweils um unglückliche Umstände gehandelt habe, bei denen ein Kind unvermittelt – ohne auf den Straßenverkehr zu schauen – auf die Fahrbahn gerannt sei, sodass die „Fahrzeuglenker trotz angepasster Geschwindigkeit nicht mehr bremsen konnten“. In der Karl-Kloß-Straße sei ein Autofahrer hingegen über eine rote Ampel gefahren. „Dies bedauern wir sehr. Es gibt aber keine verkehrsrechtlichen Maßnahmen, um solche Unglücksfälle zu verhindern.“

Manchmal reicht auch ein Halteverbot Und wie sieht es in der Leitzstraße in Feuerbach aus? Auch dort hat bereits eine Vorortbegehung stattgefunden, und der Bezirksvorsteher Johannes Heberle hat gute Neuigkeiten für Kinder, die in die Raiffeisen-Schule gehen. Die bereits seit Januar in der Planung befindlichen Gehwegnasen, die eine geeignete Querungshilfe darstellen, sollen zügig weiterverfolgt werden. Als Sofortlösung wurde an der Einmündung des Fußwegs, an dem sich der Unfall ereignete, ein Haltverbot ausgewiesen, um die Sicht zu verbessern. Ein Zebrastreifen sei in dem Industriegebiet, in dem Tempo 50 gilt, indes keine Option. „Er vermittelt oft eine vermeintliche Sicherheit“, sagt Heberle.