Kosten von 4000 Euro und mehr sind beim Erwerb der Fahrerlaubnis inzwischen eher die Regel als die Ausnahme, außerdem brauchen junge Leute für Theorie und Praxis oft bis zu ein halbes Jahr. Die Fahrschulen führen das auf fehlende Prüftermine zurück – und kritisieren den Tüv.
Steigende Wartezeiten auf Prüfungstermine, eine offenbar mangelhafte Online-Buchung und das Fehlen von konkreten Ansprechpartnern – wer sich in diesen Wochen mit Fahrlehrern über den Tüv unterhält, bekommt nicht viele gute Worte über die Prüforganisation zu hören.
Von „Streichkonzert“ und „Planungschaos“ ist nach der zum Jahreswechsel erfolgten Umstellung der Buchungssystematik die Rede, geklagt wird nicht nur über fehlende Verbindlichkeit, sondern auch über den vom Tüv auf die Fahrschulen abgewälzten Organisationsaufwand für die Planung von Terminen für die Führerscheinprüfung.
Viele Fahrlehrer sehen im „Tüv-Monopol“ die Wurzel allen Übels
„Ich brauche jeden Abend mindestens eine Stunde, um meinen Fahrschülern zu erklären, was jetzt alles wieder nicht geklappt hat“, beschwert sich der Schorndorfer Fahrlehrer Thomas Schaal über die aus seiner Sicht immer komplizierter werdenden Abläufe und die fast schon verzweifelte Suche nach freien Terminen. Und sein Esslinger Kollege Erich Trugenberger sieht in der Monopolstellung der Prüforganisation die Wurzel allen Übels: „Unsere Probleme gehen dem Tüv doch am Arsch vorbei. Die wissen genau, dass wir ja gar nirgends anders hin können“, zieht der rein optisch nicht als übermäßiger Nutzer von Kraftausdrücken wirkende Fahrlehrer vom Leder.
Deutlich macht das Zitat, wie tief der Frust bei der Branche sitzt. Denn den Unmut von Jugendlichen und ihren Eltern über die Tatsache, dass der Führerschein immer länger dauert und immer mehr kostet, bekommen die Fahrschulen ab. Laut Jennifer Spazier, Chefin einer Fahrschule am Stuttgarter Marienplatz, sind Kosten von 4000 Euro und mehr eher die Ausnahme als die Regel. Und bis der Pappendeckel im Geldbeutel steckt, geht meist fast ein halbes Jahr ins Land.
Die Terminnot führt schon zu einem Prüfungs-Tourismus in die Nachbarschaft
Dabei versuchen sich die Fahrschulen schon jetzt mit Tricks gegen die Terminnot zu wehren. Fürs Ablegen der Theorie-Prüfung werden die Jugendlichen vom Schorndorfer Thomas Schaal inzwischen oft nach Schwäbisch Gmünd geschickt, weil es im Ostalbkreis offenbar zügiger geht als in der Region Stuttgart. Ein ähnlicher Fall von Führerschein-Tourismus war jüngst im Landkreis Ludwigsburg bekannt geworden, wo den Fahrschülern der Weg in den Nachbarkreis Heilbronn ans Herz gelegt wird. Weil Prüftermine vor Ort offenbar kaum zu finden sind, wird durchs Ausweichmanöver auf eine Zeitersparnis gehofft.
Den Schuh allerdings, für die Misere mit den Wartezeiten alleine verantwortlich zu sein, will sich der Tüv allerdings nicht anziehen. Zwar räumt die Prüforganisation ein, dass es wegen massiven Personalmangels in der Vergangenheit mit der Zahl der Führerscheintermine „nicht zufriedenstellend“ lief. Doch für Verzögerungen hätten auch Bearbeitungsfristen von zwei bis drei Monaten in den Landratsämtern und die ungleiche Verteilung von Prüfterminen auf die einzelnen Fahrschulen gesorgt.
Während manche Betriebe bei der Anmeldung der jungen Leute händeringend nach zusätzlichen Terminen suchen mussten, hätten andere Fahrschulen aus dem Vollen geschöpft. Außerdem wachse die Zahl der Führerscheinanfänger – ganz im Gegensatz zu der landläufigen Meinung, dass heutzutage junge Menschen mit Blick auf den Klimaschutz auf ein Auto verzichten und lieber Bus und Bahn nutzen.
Von einem Verzicht auf den Führerschein kann bei jungen Leuten keine Rede sein
„Wir machen mehr – aber wir kommen mit dem Mehr nicht mehr hinterher“, drückt es Marcellus Kaup vom Tüv Süd aus. Er sieht in den ersten Monaten des Jahres einen Aufwärtstrend, durch die Aushilfe von Prüfern aus benachbarten Marktgebieten hätten in der Region Stuttgart immerhin 16 Prozent mehr Führerschein-Termine abgewickelt werden können. Zuversichtlich ist er auch, dass bis Sommer ein halbes Dutzend offener Stellen besetzt sein könnte.
Tüv: „Wir machen mehr, aber kommen mit dem Mehr nicht mehr hinterher“
Bisher gibt es im Ballungsraum 26 Vollzeitstellen für die Führerscheinabnahme. Statt mit den Fahrschulen zugeordneten Fixterminen arbeitet der Tüv mittlerweile mit einem Online-Buchungssystem, die Zahl fest zugesagter Termine wurde einzelnen Betrieben teilweise um mehr als die Hälfte gekürzt. Zur Sprache kam das bei einem Krisengespräch, zu dem der CDU-Landtagsabgeordnete Christian Gehring diese Woche in sein Schorndorfer Wahlkreisbüro geladen hatte. Angezettelt von Thomas Schaal, der für die CDU im Stadtrat sitzt, sollten diverse Fahrschulen die Chance haben, auf die Missstände bei der Führerscheinprüfung hinzuweisen – und dem Tüv als alleinbeauftragtem Anbieter die Meinung zu sagen.
Sauer sind die Fahrlehrer schließlich auch, weil die Prüforganisation nicht zuletzt die hohen Durchfallquoten für die Terminnot verantwortlich macht. Tatsächlich ist die Zahl der Führerscheinbewerber, die durch die Prüfung rasseln, so hoch wie nie. Landesweit schafften vergangenes Jahr 44 Prozent die Theorie nicht, bei der Praxis ist mit einer Durchfallquote von 29 Prozent ebenfalls viel Luft nach oben. Die Fahrlehrer sehen den vom Tüv gern gemachten Hinweis auf die Zahlen allerdings als Kritik an ihrer Ausbildung – und fühlen sich pauschal angegriffen.