Eine bedenkliche Entwicklung: Jeder zweite Kinderunfall passiert mit dem Fahrrad – und zu 70 Prozent sind die Jüngsten selbst Verursacher. Was steckt dahinter?
Stuttgart - Alles scheint sicher, als der zehnjährige Bub mit seinem Fahrrad den Zebrastreifen überquert. Doch das weiße Auto hält nicht an. Der Fahrer, der in der Plieninger Straße in Möhringen den Kreisverkehr verlässt, hat das Kind nicht gesehen. Eine Kollision, der Junge stürzt, verletzt sich. Der Autofahrer steigt aus und schaut nach dem Rechten. An seinem Fahrzeug. Offenbar gibt es kaum Beulen, und der Mann Ende 50 fährt auf und davon.
Einer von zahlreichen Unfällen in den letzten Tagen, bei denen Kinder auf dem Fahrrad verunglückt sind. Und nicht der einzige, bei denen die Betroffenen allein zurückbleiben. In der Gutenbergstraße im Stuttgarter Westen etwa rangiert der Fahrer eines dunklen Pkw plötzlich rückwärts, bringt einen zwölfjährigen Radler mit dem Außenspiegel zu Fall. Der Autofahrer flüchtet. Der Zwölfjährige muss stationär ins Krankenhaus. Ähnliche Rangierunfälle gibt es in der Ulmer Straße in Wangen oder in der Reichenbachstraße in Bad Cannstatt. Die Gefahr für Kinder, mit dem Fahrrad zu verunglücken, ist offenbar deutlich gestiegen. Und das aus mehreren Gründen.
Heikle Zone: vom Gehweg auf die Fahrbahn
Im Coronajahr 2020 hat die Stuttgarter Polizei 108 Kinderunfälle registriert, genauso viele wie im noch normalen Verkehrsgeschehen im Jahr 2019. Allerdings mit einem deutlichen Unterschied: Die Hälfte der Kinder, nämlich 54, verunglückte im vergangenen Jahr mit dem Fahrrad – im Jahr davor betrug der Anteil mit 36 radelnden Kindern nur ein Drittel. Der Großteil war da noch zu Fuß oder als Mitfahrer im Auto betroffen.
Dabei fällt außerdem auf: Kinder sind meistens und sogar immer öfter auch selbst die Verursacher der Fahrradunfälle. Der Anteil stieg zuletzt von 55 auf 70 Prozent. „Dabei wird das Einfahren vom Gehweg auf die Fahrbahn zwischen geparkten Autos oft in den Unfallberichten erwähnt“, sagt Polizeisprecherin Elena Marino. Weitere Ursachen: zu schnelle Fahrweise, die Vorfahrtsregeln nicht beachtet. Die Kinder – nicht nur Opfer, sondern auch Hauptverursacher?
Unfallflucht im Unteren Schlossgarten
Da ist etwa dieser Junge im Grundschulalter, ohne Helm, mit knallrotem BMX-Rad im Unteren Schlossgarten beim Spielhaus unterwegs. Unachtsam kreuzt er den Hauptradweg auf der Seite der Cannstatter Straße, zwingt eine 42-jährige Radlerin zur Vollbremsung. Die Frau stürzt und wird schwer verletzt. Das Kind radelt auf und davon. Es bleibt unbekannt – wie übrigens auch die geflüchteten Autofahrer in Möhringen und Stuttgart-West.
Doch offenbar werden die Radunfälle durch Kinder auch durch mangelhafte Fahrfähigkeiten ausgelöst. Thomas Schneider, Leiter der Verkehrserziehung und Prävention bei der Stuttgarter Verkehrspolizei, bekommt dies besonders bei der Radfahrausbildung der Viertklässler an den Schulen vor Augen geführt. „Da sind ganz große Unterschiede bei den Fähigkeiten vorhanden“, sagt er. Eine Zunahme mangelnder motorischer Fähigkeiten sei dabei schon seit mehreren Jahren feststellbar, so der Hauptkommissar. Manche Kinder besäßen nicht einmal ein Fahrrad und seien somit auch nicht in der Lage, Fahrrad zu fahren, wenn sie in die Jugendverkehrsschule kommen.
Einhändig fahren können – nicht selbstverständlich
Die Ausbildungseinheiten sollten daher möglichst mit zwei Polizeibeamten absolviert werden, weil ein Teil der zehn bis elf Jahre alten Schülerinnen und Schüler schnell überfordert sei. „Bevor ich mit Handzeichen und Umschauen richtig abbiegen lernen kann, muss sich erst einmal sicher geradeaus und einhändig fahren können“, so Schneider über das Grundproblem der Anforderungen.
Der Präventionsbeamte schätzt den Anteil der völligen Fahranfänger auf etwa 20 Prozent. In früheren Jahren hatte die Stuttgart Polizei sogar noch Laufräder beschafft, um diese den Schulen als Trainingsgerät vor der Jugendverkehrsschule zur Verfügung zu stellen. Inzwischen sind diese Räder nicht mehr im Einsatz.
Deutliche Lücken in der Verkehrserziehung
Dabei hat sich das Problem der Nichtradler durch die Pandemie weiter verschärft. „Denn durch Corona haben lange Zeit weder Schul- noch Vereinssport stattgefunden, und die Kinder sind regelrecht im Homeschooling am PC versauert“, sagt Thomas Schneider. Im März 2020 hatte das Kultusministerium die Radfahrausbildung an den Schulen bis zum Herbst eingestellt.
Das hat Lücken in den Kampf für mehr Verkehrssicherheit gerissen: Waren 2019 noch 5073 Schüler im Radler-Training, so sank diese Zahl drastisch auf 2100 ab. Mithilfe der Verkehrswacht konnten 780 Viertklässler das Training in den Sommerferien nachholen.
In diesem Jahr wird es auch nur gebremst weitergehen, immerhin mit Nachholterminen im Sommer. „Die Statistik wird zeigen, dass die Radunfälle weiter zunehmen werden“, fürchtet Schneider. Die Gesamtzahl hatte im Coronajahr 2020 ein trauriges Plus von zwölf Prozent.