Im Juni hatte die Polizei in Backnang alle Hände voll zu tun, um auf einer Facebook-Party das Schlimmste zu verhindern. Foto: dpa

Polizei: Hausbesuche sollen Jugendliche von Facebook-Partys abhalten – Landtag befasst sich mit Thema.

Stuttgart/Backnang - Es klingelt an der Haustür. Die Mutter öffnet und trifft auf zwei Polizisten, die sich mit ihrem Kind unterhalten möchten. Für viele Eltern der 130 besuchten Jugendlichen in Backnang war das erst einmal ein Schock. Was hatten die Sprösslinge denn angestellt? Sie wollten feiern – auf einer Facebook-Party.

Im Juni fand in Backnang die erste Facebook-Party mit 1000 Teilnehmern statt. Als zu einer zweiten Party aufgerufen wurde, habe die Polizei beschlossen, „die Zügel anzuziehen“, erklärt ein Sprecher der Backnanger Polizei. Um präventiv gegen Facebook-Partys vorzugehen, besuchten die Beamten „potenzielle Störer“, die sich zur Party angemeldet hatten, zu Hause und machten sie auf die Konsequenzen einer Teilnahme aufmerksam. „Wir wollten damit die Jugendlichen vor sich selbst schützen“, so der Polizeisprecher weiter.

Doch schützt die Polizei Jugendliche tatsächlich, wenn sie bei der Arbeit oder in der Schule auftaucht, wo Vorgesetzte und Lehrer die Belehrung mitbekommen? Die Polizei gehe mit großer Sensibilität vor und erscheine in Zivil, rechtfertigt der Sprecher die Besuche. Man wolle „vernünftig“ mit den Jugendlichen reden.

Hausbesuche als wirksame Methode

Auf Vernunft und Dialog setzten die Beamten auch bei ihren Einsätzen. Die meisten Jugendlichen kämen allerdings schon alkoholisiert zur Party und „schießen dann über das Maß hinaus“, meint der Backnanger Polizist. Die präventiven Maßnahmen sollten dazu dienen, den Trend zu stoppen. Die Hausbesuche hätten sich bis jetzt auch als sehr wirksam herausgestellt, zieht der Polizeisprecher Bilanz. Bei der zweiten geplanten Feier traf die Polizei nur auf eine Handvoll Jugendliche, die sie bereits am Bahnhof abfangen hatte und zur Heimfahrt bewegen konnte.

Bisher setzt die Polizei nur in Backnang auf Hausbesuche. Doch vielleicht macht das Modell ja bald Schule. Schließlich drohen ausufernde Facebook-Partys prinzipiell in jedem Dorf der Republik. In Konstanz und Freiburg haben feierwütige Jugendliche der Polizei unlängst ebenfalls große Probleme bereitet.

Laut einem Sprecher von Innenminister Reinhold Gall (SPD) sind landesweite Hausbesuche derzeit aber nicht vorgesehen. Jede Polizeidienststelle entscheide dies selbst. Galls Sprecher hält die zusätzlichen Einsätze indes nicht für übertrieben. „Der Einsatz der Polizei steht im Verhältnis zu den Folgen, die entstehen, wenn die Facebook-Party ausufert“, rechtfertigt er den hohen personellen Aufwand.

SPD befürwortet Diskussion über Hausbesuche

Im Landtag gehen die Ansichten über Hausbesuche der Polizei auseinander. Uli Sckerl, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen, meint: „Man muss nicht auf jedes neue Phänomen reflexartig mit neuen Gesetzen reagieren.“ Im präventiven Bereich müsse man sich aber verstärkt engagieren. „Neue Formen der Internetkommunikation ziehen die verstärkte Notwendigkeit von Aufklärungsarbeit in Schulen nach sich“, so Sckerl.

Aus Sicht der SPD lohnt es auf jeden Fall, über Hausbesuche zur Abwendung ausufernder Massenpartys zu diskutieren. Der innenpolitische Sprecher der Fraktion, Nikolaos Sakellariou, will das Thema demnächst im Landtag beraten. „Das deeskalative Einsatzkonzept aus Backnang hat sich bewährt. Wenn es irgendwie möglich ist, sollte die Polizei versuchen, im Vorfeld schon ersichtliche Konflikte auszuräumen“, meint er.

„Die Idee, auch Teilnehmer ins Visier zu nehmen, ist abstrus“, sagt Hauk

Die CDU sieht die Angelegenheit kritisch. Die Polizei müsse sich auf diejenigen konzentrieren, die zu Facebook-Partys einladen, findet Fraktionschef Peter Hauk. „Die Veranstalter müssen für eventuell entstandene Kosten auch zur Kasse gebeten werden. Die Idee, auch Teilnehmer ins Visier zu nehmen, ist abstrus. Ein bürokratischer und finanzieller Aufwand, der das Problem nicht löst.“

Hans-Ulrich Rülke, Fraktionsvorsitzender der FDP, glaubt, dass die Facebook-Partys den Landtag noch länger beschäftigen werden. „Eine Aufklärung über mögliche Konsequenzen ist sicherlich ein ganz wichtiger Schritt. Dass die Veranstaltung durch Kontaktieren der Interessenten abgesagt werden kann, ist ebenfalls wichtig.“ Das Vorgehen der Backnanger Polizei sieht Rülke allerdings kritisch. „Wir müssen der Frage nachgehen, ob beim Aufsuchen potenzieller Partyteilnehmer den Persönlichkeitsrechten ausreichend Rechnung ­getragen wurde.“