Krankenpfleger Denny H. hat sich jahrelang als Arzt ausgegeben. Foto: Symbolbild/dpa

Falsche Ärzte, Politiker, Piloten und Anwälte: Immer wieder geben sich Menschen als etwas aus, das sie nicht sind. Was steckt hinter dem Phänomen?

Stuttgart - Jahrelang arbeitete der Krankenpfleger Denny H. als Arzt. Er stellte Diagnosen, therapierte Krankheiten, verschrieb Medikamente. Zuletzt behandelte der 41-Jährige mehr als 1300 Patienten auf einem Kreuzfahrtschiff – bis der Schwindel aufflog. Am Montag sprach das Berliner Landgericht Denny H. wegen Betrugs, gefährlicher Körperverletzung, Titelmissbrauchs und Freiheitsberaubung im Zusammenhang mit durchgeführten Narkosen für schuldig und verurteilte ihn zu drei Jahren Haft. Patienten kamen durch seine Behandlung nicht zu Schaden.

Denny H. ist kein Einzelfall: Immer wieder tauchen Berichte über falsche Ärzte, Piloten oder Professoren auf. Erst kürzlich sorgte die SPD-Politikerin Petra Hinz für Schlagzeilen, als herauskam, dass die Abgeordnete weder Abitur noch ein abgeschlossenes Jurastudium absolviert hat – obwohl dies so in ihrem Lebenslauf stand. Was hinter dem Phänomen der Hochstapelei steckt, klären zwei Experten.

Was treibt Menschen dazu, sich als etwas auszugeben, das sie nicht sind?
Denny H. hatte eine gefälschte Arztzulassung und einen angeblichen Doktortitel – so konnte er als Anästhesist und Intensivmediziner arbeiten. Die Lebenslüge habe er sich aufgebaut, „um sich selbst aufzuwerten und weil ein Arzt mehr Geld verdient“, erklärte das Gericht nach achttägiger Verhandlung. Gründe für eine derartige Täuschung gebe es viele, sagt Peter Walschburger, Psychologieprofessor an der Freien Universität Berlin. „Grundsätzlich ist es so, dass wir Menschen in unserem Selbstwertgefühl sehr stark vom Applaus der Gesellschaft abhängig sind“, sagt Walschburger. Wir möchten uns selbst gerne in einem guten Licht präsentieren und inszenieren uns deshalb gerne - der eine weniger, der andere mehr. In ganz besonderem Maße gelte dies für Hochstapler, wir deshalb besonders ablehnen, weil sie charmant und mit Einfühlung unser Vertrauen – den Grundbaustein unseres sozialen Lebens – gewinnen, um diese Vertrauen dann skrupellos zu mißbrauchen. Eine Lüge, ein Betrug eine Dokumentenfälschung erscheint ihnen als schneller Weg und probates Mittel zur sozialen Anerkennung, gerade auch dort, wo ein abgeschlossenes Studium etwa oder ein Doktortitel hilfreich wäre.
Welche Bereiche sind von dem Phänomen besonders häufig betroffen?
Je renommierter ein Berufsbild, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich potenzielle Hochstapler davon angezogen fühlen. Sie arbeiten etwa als Ärzte, Piloten, Anwälte oder Ingenieure.
Wie gehen Hochstapler vor?
Das Gros der Betrügerkarrieren fängt im Kleinen an: Mit einem geschönten Lebenslauf etwa oder dem mit Lügen erschlichenen Praktikum. Wenn ein Hochstapler merkt, dass die Strategie funktioniert, wendet er diese mit hoher Wahrscheinlichkeit immer häufiger an – die von außen erfahrene Anerkennung bestärkt ihn in seinem Vorgehen. „Die meisten Hochstapler fangen in einem noch jungen Alter mit den Lügen an“, sagt Jürgen Margraf, Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. „Sie denken oft nicht darüber nach, welche Konsequenzen ihr Handeln nach sich zieht.“ Je weiter sich das Lügennetz spanne, desto schwerer falle es ihnen jedoch, wieder zurückzurudern. Manche Hochstapler verstrickten sich selbst so sehr in ihre Lüge, dass sie am Ende selbst daran glaubten. „Menschen sind erstaunlich gut darin, sich zu belügen“, sagt Margraf. „Vor allem, wenn es um Dinge geht, die wir gerne hören wollen.“
Sind Hochstapler psychisch krank?
Viele, aber nicht alle Hochstapler und Betrüger weisen eine narzisstische Persönlichkeitsstörung auf. „Das sind oft intelligente Leute mit sehr guter Menschenkenntnis, bei denen aber die Balance zwischen ihrem Anspruch auf Selbstentfaltung und der Bindung an ihre Mitmenschen gestört ist und die es nicht geschafft haben, mit der nötigen Disziplin im Berufsleben die Position zu erreichen, die ihren Wünschen und Sehnsüchten entspricht“, sagt Walschburger. Ein Mangel an ethischen Standards und eine gewisse kriminelle Energie gehöre auch dazu, sagt Walschburger: Risiken für andere, wie sie bei falschen Ärzten vorkommen, spielen für diese Menschen eine geringe Rolle und werden durch Rechtfertigungen aller Art weggewischt.
Wie kann ein gefälschter Lebenslauf jahrelang unbemerkt bleiben?
Nach der erfolgreichen Bewerbung und Anstellung müssen sich Hochstapler in ihrem Umfeld beweisen, sich in Gesprächen mit Kunden oder Patienten und Kollegen Tag für Tag bewähren. Um das zu schaffen, müssen sie sich vor allem an die Regeln halten, die ihr Umfeld bestimmt. Dass ihr Schwindel jahrelang unbemerkt bleibt, liegt vor allem bei narzisstischen Persönlichkeiten daran, dass sie auf andere besonders umgänglich und hilfsbereit erscheinen. „Diese Menschen können sehr gewinnend sein“, sagt Margraf. Häufig werden die Betrüger wegen Kleinigkeiten erwischt – im Falle Denny H. flog der Schwindel auf, als der falsche Arzt einen neuen Ärzteausweis beantragen wollte.
Was passiert mit dem Betrüger, wenn der Schwindel auffliegt? Hat dies für ihn auch psychische Konsequenzen?
Wie ein Hochstapler mit der Enttarnung umgeht, hängt von seiner Persönlichkeit und seiner Konstitution ab. Hat er nicht nur sein Berufsfeld belogen, sondern auch Freunde und Familie, kann es sein, dass alles um ihn zusammenbricht, sagt Margraf. „Menschen sind soziale Wesen. Wendet sich unser Umfeld ab, kann das eine Suizidgefahr nach sich ziehen.“ Ein weiterer Faktor ist die berufliche Perspektivlosigkeit: Wer einmal wegen Betruges oder Urkundenfälschung angezeigt wurde, hat es schwer.
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