Meistertitel in der Türkei verteidigt: Andreas Beck (Nr. 3) und Besiktas Istanbul Foto: dpa

Er spielte für den VfB Stuttgart und 1899 Hoffenheim, dieser Tage wurde Andreas Beck mit Besiktas Istanbul türkischer Meister. Ein Gespräch über Dankbarkeit, Geld, Chancen und über das Spezielle an dem Verein, der ihn prägte.

Herr Beck, herzliche Gratulation zur Titelverteidigung mit Besiktas Istanbul.
Vielen Dank. Das ist tatsächlich mehr, als ich zu hoffen gewagt habe. Natürlich wünscht man sich immer sportlichen Erfolg. Aber wir wurden vergangenes Jahr zum ersten Mal nach neun Jahren wieder Meister. Dann haben wir in einer Saison den Titel verteidigt, das ist schon was Besonderes.
Haben Sie die Feiern heil überstanden?
(lacht) Ja, kein Problem. Die Fans waren ja enthusiastisch. Auch bei uns war die Freude riesig. Aber wir haben noch eine Woche Programm. Wir feiern am Samstag nach dem letzten Saisonspiel im eigenen Stadion mit unseren Fans. Das wird gigantisch.
Was macht so ein Titel mit Ihnen als Profi?
Zunächst ist es eine große Bestätigung für die tägliche und harte Arbeit. Man ist stolz und glücklich. Das ist etwas, das bleibt. . .
. . . und sich noch dazu auf dem Konto bemerkbar macht.
Klar, das gehört auch dazu. Aber so einen Titel kann man sich nicht kaufen. Da stecken die Arbeit, die Energie und die Leidenschaft von vielen Menschen dahinter.
Dann haben Sie alles richtig gemacht, als Sie 2008 den VfB Stuttgart verlassen haben.
Der Erfolg bestätigt einen natürlich auch in solchen Entscheidungen. Der Kontakt zum VfB ist aber immer noch da. Dieser Verein hat mich geprägt.
Inwiefern?
Frieder Schrof (Anm. d.  Red.: ehemaliger Chef der VfB-Jugendabteilung, jetzt RB Leipzig) legte Wert auf höfliches Auftreten, auf Pünktlichkeit und auf ein gepflegtes Äußeres. Und er lehrte uns Demut und Dankbarkeit dafür, dass wir einem privilegierten Umfeld leben und arbeiten dürfen.
So was nennt man Erdung.
Das habe ich natürlich auch aus meinem Elternhaus. Ich weiß genau, was in Flüchtlingen vorgeht. Wir kamen als Russlanddeutsche und mussten uns alles hart erarbeiten. Ich weiß es wertzuschätzen, dass ich mich jetzt auch über den Fußball definieren darf. Wenn dann der sportliche Erfolg noch hinzukommt, ist das ein Geschenk.
Sie sind seit elf Jahren Fußballprofi. Wie hat sich die Branche Zeit verändert?
Zunächst habe ich mich als Mensch verändert. Ich habe die Komfortzone beim VfB und in meiner schwäbischen Heimat verlassen. Ich habe andere Sprachen, Denkweisen, Gewohnheiten und Kulturen kennengelernt.
Und der Fußball selbst?
Die technische Entwicklung ist enorm. Man kann heute jedes Spiel und jeden Spieler bis ins Detail analysieren. Laufwege, Sprintstrecken, Leistungsdiagnostik, Ernährung. Das ist der Blick nach innen. Nach außen haben die sozialen Medien den Spieler viel transparenter gemacht. Das alles wird sich noch weiter entwickeln.
Ist das Chance oder Belastung?
Je nach dem, wie man die Dinge sieht. Man kann das Training präziser steuern, sich noch intensiver auf den Gegner vorbereiten. Und man schafft mit den sozialen Netzwerken eine Nähe zu den Fans, die es so noch nie gegeben hat. Ich kann zum Beispiel in kürzester Zeit fast eine halbe Million Follower über Facebook, Twitter und Instagram erreichen. Aber ich werde über die digitalen Medien auch in Sekundenschnelle von vielen Menschen beurteilt. Diese neue Art der Transparenz kann man als Belastung sehen, aber auch als Chance.
Wird der Profi zwangsläufig zur virtuellen Kultfigur?
Ich würde es so sagen: Durch die schnelle und immerwährende Erreichbarkeit und die hohen Reichweiten der digitalen Medien, geht ein Stück weit die Menschlichkeit verloren. Vieles ist anonymer geworden. So wie in unserer Gesellschaft auch.
Der Profi wird sehr ordentlich entschädigt.
Das stimmt. Aber sein Fokus liegt rund um die Uhr darauf, immer Topleistung zu bringen. Daran richtet er sein ganzes Leben aus. Wenn nicht, kann es ganz schnell vorbei sein. Er muss ehrliche Arbeit abliefern. Alles andere zählt nicht.
Der Zwang zum Erfolg ist größer als früher?
Das kann gar nicht anders sein, in einem Geschäft, das von Erfolgen lebt und ständiger öffentlicher Kritik ausgesetzt ist. Ein Verein kann die bestmögliche Arbeit machen. Am Ende wird es immer so sein, dass es nur einen gibt, der Meister wird und ein paar andere absteigen müssen. Diese Entwicklung hat sich durch die digitale Kommunikationsmöglichkeiten sicher noch verschärft.
Der VfB hat mit dem Wiederaufstieg eine Panne behoben, die Fans feierten, als hätte er die Champions League gewonnen.
Ich habe das aus der Ferne verfolgt und mich sehr gefreut. Der VfB war schon immer etwas Spezielles.
In welcher Hinsicht?
Der Grad an Identifikation mit dem Club ist höher als an vielen anderen Orten. Das gilt natürlich auch für den Fall, dass es mal schlecht läuft. Dann ist die Enttäuschung umso größer. Aber ich muss dem VfB ein großes Kompliment machen. . .
. . . er dürfte in dieser Hinsicht unbegrenzt belastbar sein. . .
Es war wirklich toll zu sehen, wie der Verein durch die zweite Liga gegangen ist. Mit Respekt vor den Gegnern und immer im Bewusstsein, dass es ein hartes Stück Arbeit wird. Die Fans haben auch in Phasen, in denen es mal nicht so gut lief, eine Zuneigung zur Mannschaft ausgestrahlt, die bewundernswert ist.
Ich kenne die Details nicht. Aber klar ist: Eine gesunde finanzielle Basis ist nötig, um sportlich erfolgreich zu sein. Traditionsvereine wie der VfB, der 1. FC Kaiserslautern oder der Karlsruher SC waren vor zehn Jahren noch Clubs, an denen sich andere orientiert haben. Aber die Ausgangslage hat sich geändert. . .
. . . weil Volkswagen, Dietmar Hopp oder Dietrich Mateschitz jetzt die großen Player sind.
Ich sehe das nicht so kritisch, ich halte wenig davon in Gute und Böse zu unterscheiden. Sie nützen den Rahmen, den ihnen die Liga vorgibt. Außerdem ist Geld allein keine Erfolgsgarantie, nur eine Basis. Man muss die richtigen Entscheidungen treffen, klug damit umgehen. Tradition und Kommerz sind für mich kein Widerspruch. Sie können sich sinnvoll ergänzen.
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