Neues Element: Als Triathlet muss Ex-Radprofi Stefan Schumacher nun auch schwimmen. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Stefan Schumacher ist nun Triathlet. Der ehemalige Radprofi genießt die Herausforderungen in seiner zweiten Karriere – auch wenn er seine Dopingvergangenheit nicht los wird.

Kailua Kona - Stefan Schumacher hat viel erlebt als Radprofi. Er holte Etappensiege bei Tour de France und Giro d’Italia, fuhr in Gelb und Rosa, war Dritter bei der Heim-WM 2007 in Stuttgart, gewann Klassiker und Rundfahrten. Dann folgte der Absturz. Er wurde als Doper überführt, leugnete, gestand dann doch, ehe er vor Gericht musste, kämpfte mit Alkohol, Drogen, Depressionen. Und macht nun ganz neue Erfahrungen. In einem anderen Sportlerleben. Immer noch als Profi, nun allerdings im Triathlon. An diesem Samstag (18.25 Uhr/ARD) startet Schumacher beim Ironman auf Hawaii. „Dieses Rennen ist für mich wie ein Symbol“, sagt er, „es zeigt, dass ich noch da bin. Als Athlet, aber auch als Mensch.“

 

Stefan Schumacher (38) hat kein Problem damit, über seine Vergangenheit zu sprechen. Über die Zwänge des Systems Profiradsport, die Heuchler, seine Fehler. Aber er wehrt sich dagegen, darauf reduziert zu werden. Aktuell fühlt er sich wie ein Abenteurer, der die Chance hat, noch einmal Neues zu entdecken. Und dadurch das Alte immer weiter hinter sich zu lassen. „Ich habe Bock auf Triathlon und weiter extreme Freude am Wettkampf“, sagt er, „ich will zeigen, was ich sauber kann und anders wahrgenommen werden. Mein Sohn soll einmal stolz sein können auf mich, und nicht ständig Anfeindungen erleben, sein Vater sei ein Doper gewesen – zehn Jahre vor seiner Geburt.“

Hawaii ist seine Lieblingsinsel

Müde gewesen ist Schumacher am Ende seiner Radkarriere. Es war nur noch ein Job, nicht mehr seine Leidenschaft. Ende 2017 stieg er ab. Aber nicht aus. Er hatte Bilder gesehen vom Ironman auf Hawaii, seiner Lieblingsinsel, auf der er dreimal mit seiner Frau im Urlaub war. Er fragte sich, wie man sich nach 3,8 Kilometern Schwimmen auf dem Rad fühlt? Wie man nach 180 Kilometern im Sattel noch einen Marathon laufen kann? Und wie er sich schlagen würde beim Triathlon? Mittlerweile kennt er die Antworten.

Schumacher wusste, dass er keine Zeit zu verschenken hat. Deshalb löste er nach seinem Abschied vom Radsport sofort eine Lizenz als Triathlonprofi. Er verdient kein Geld mehr im Sport, doch wichtiger ist ihm, sich mit den Besten zu messen. Erst mal ging es allerdings darum, Erfahrung zu sammeln. „Triathlon ist so komplex“, sagt der Neuling, „man kann enorm viel falsch machen.“

Zunächst bestritt Schumacher drei Halbdistanz-Rennen, bezahlte für seine Unerfahrenheit mit vielen kleinen Verletzungen. Und feierte Ende 2018 doch seine Premiere auf der Langdistanz. Beim Ironman in Argentinien. Dort lief es besser als erwartet. Der Nürtinger wurde Sechster, war zweitschnellster Radfahrer, rannte den Marathon unter drei Stunden, schlug Konkurrenten, die ein paar Wochen zuvor auf Hawaii unter die besten zehn gekommen waren – und qualifizierte sich selbst für den wichtigsten Ironman-Wettkampf der Welt: „Ab diesem Moment fühlte ich mich als echter Triathlet.“ Das Auf und Ab ging trotzdem weiter.

Rad-Rekord in Wales

Es folgten neue körperliche Probleme, den Langdistanz-Wettkampf in Hamburg Ende Juli musste Schumacher abbrechen. „Eine extremere Belastung als Triathlon gibt es für den Körper nicht“, sagt er, „wer sich an einem Tag für längere Zeit kaputt machen will, für den ist ein Ironman optimal geeignet.“ Letztlich hat Schumacher geholfen, sein Training zu verändern. Er lässt mittlerweile die ganz langen Läufe weg, seither ist er weitgehend beschwerdefrei. Auch deshalb legte er am 15. September in Wales die perfekte Generalprobe hin: Platz vier, neuer Rekord auf der Radstrecke, allen Schwierigkeiten getrotzt: „Am Ende ist ein Triathlon immer gnadenlos. Aber auch das macht diesen Sport so faszinierend.“

Und jetzt Hawaii. Die ultimative Herausforderung. Schumacher ist einer von 56 qualifizierten Profis, 13 sind Deutsche. Jan Frodeno, Patrick Lange, Sebastian Kienle – er sagt, es sei ein „geiles Gefühl“, gegen die Stars antreten zu können. Ziele? Äußert er mit großer Zurückhaltung. „Alles andere wäre vermessen, nach nur zwei Langdistanz-Rennen.“ Im Schwimmen wäre er schon froh, nicht Letzter zu werden. Dann hofft er auf extremen Wind, was seine Vorteile auf dem Rad („Hier sollte es keinen Besseren geben“) vergrößern würde. Und im Marathon geht es darum, „nicht zu platzen“. Danach weiß Schumacher, wohin ihn die Reise führt. Zwei, drei Jahre will er als Profi noch erleben, mit dem Ziel, auf Hawaii unter die besten zehn zu kommen. „Ich habe im Schwimmen und Laufen Potenzial, mich weiter zu verbessern“, sagt er, „bisher ist nur die Basis gelegt.“

„Im Triathlon gab es schon genügend positive Fälle“

Klar ist allerdings auch: Je besser Schumacher wird, umso kritischer wird er beäugt. Weil er die Vergangenheit zwar hinter sich lassen, sie aber nicht auslöschen kann. Schon jetzt spürt er – zuvorderst in Deutschland – Vorbehalte. Tenor: Was will ein Ex-Doper im Triathlon? Die nächste Sportart kaputt machen? Schumacher kann mit diesen Vorwürfen leben. Sie ärgern ihn aber trotzdem. „Ich bin noch kein Insider“, sagt er, „aber Triathlon besteht aus den drei Hochrisiko-Sportarten Schwimmen, Radfahren und Laufen. Es gibt keinen Grund, warum Triathlon sauberer sein sollte als eine seiner Teildisziplinen, und es gab ja auch schon genügend positive Fälle. Ich selbst kann für mich nur sagen, dass ich seit elf Jahren sauber bin und keine Lust mehr habe, eine solche Scheiße noch einmal zu erleben. Das würde ich nicht durchstehen.“

Nicht als Sportler. Und erst recht nicht als Mensch.