Zum 1. Januar 2025 sollen die vier evangelischen Kirchengemeinden in Böblingen fusionieren. Was mit welchen Gebäuden passiert, ist noch unklar. Doch die Kirche muss sich sicherlich von Immobilien verabschieden.
Die evangelische Kirche befindet sich im Umbruch. Die Pfarrstellen werden gekürzt, Gemeinden müssen sich zusammentun, viele Gebäude stehen zur Disposition. Gerade ist in Sindelfingen verkündet worden, dass die Versöhnungskirche auf dem Goldberg samt Gemeindehaus bis 2027 abgerissen wird und einem Schulneubau des Landkreises Platz machen soll.
Ganz so weit ist man in Böblingen noch nicht, und doch steht eins bereits so gut wie fest: Die vier evangelischen Kirchengemeinden – Stadtkirche, Paul-Gerhardt-, Martin-Luther- und Christuskirchengemeinde – werden auf 1. Januar 2025 zu einer. „Ein schmerzhafter Prozess“, sagt Markus Frasch, Dekan des Kirchenbezirks und geschäftsführender Pfarrer in Böblingen, „aber es gibt auch die Einsicht, dass er notwendig ist.“
Weil bis 2030 landesweit gut ein Drittel der Pfarrstellen wegfallen soll, reicht es künftig nicht mehr für einen evangelischen Pfarrer pro Gemeinde. In Böblingen ist der Aderlass seit einigen Jahren besonders groß. Seit 2018 verlor die Große Kreisstadt bereits zwei volle Stellen, von den verbliebenen 4,5 Stellen werden bis 2030 nur noch drei bleiben – dass dann ein gleichmäßiges Angebot für vier Kirchengemeinden unmöglich wird, versteht sich von selbst. Parallel laufen der Kirche die Gläubigen weg. Seit 2012 ist die Zahl der evangelischen Gemeindeglieder in Böblingen von 12 200 auf aktuell 8900 gefallen – um fast 30 Prozent.
Markus Frasch hat den Fusionsprozess bereits vor über einem Jahr angestoßen. Seitdem sind die vier Kirchengemeinderäte im Gespräch, viele Mitglieder sind wohl hin- und hergerissen. „Da sitzen Leute, die sich mit hohem Engagement für ihre Kirchengemeinde einsetzen“, gibt Markus Frasch zu bedenken, „und müssen beschließen, ihr Gremium aufzulösen.“ Da brauche es Zeit und die höhere Einsicht, dass der Schritt wirklich notwendig ist.
Im Moment gibt es 47 Kirchengemeinderäte in den vier Gemeinden, ab 2025 soll es nur noch ein Gremium mit zwölf oder 16 Mitgliedern geben – also mit drei bis vier Vertretern aus jeder bisherigen Teilgemeinde. Dabei betont Frasch, dass die Fusion insbesondere auf dieser organisatorischen Ebene einen fundamentalen Charakter habe. Für die Öffentlichkeit dagegen ändere sich nicht so viel, glaubt er. Man könne zwar nicht mehr in der althergebrachten Gemeinde Konfirmation oder Hochzeit feiern, dennoch würden die Angebote ja grundsätzlich bestehen bleiben. Mehr noch: „Vier verschiedene Kirchengemeinden in einer Stadt – das verstehen viele Menschen gar nicht mehr.“
Am Mittwoch, 10. April, um 19 Uhr soll im Haus der Begegnung (Berliner Straße 39) eine Gemeindeversammlung stattfinden, in der die Pläne öffentlich vorgestellt werden. Erst dann kann der finale Beschluss in den vier Kirchengemeinderäten fallen. Bis zum 13. Mai soll das geschehen sein. „Ende des Jahres würden wir den neuen Kirchengemeinderat wählen lassen“, erläutert Frasch.
Doch damit gehen den Böblinger Protestanten die Herausforderungen nicht aus – im Gegenteil. Noch viel gravierender ist die Frage, welche Gebäude aus Kostengründen aufgegeben werden müssen. Gut möglich, dass da sogar eine Kirche dabei ist. Doch Markus Frasch beteuert, dass in dieser Frage noch nichts entschieden sei. „Wir haben noch kein Gesamtkonzept“, sagt der Dekan.
Unterstützung in der Entscheidungsfindung kommt von der Landeskirche. Vor geraumer Zeit haben die Oberen vorgeschrieben, dass alle Kirchengebäude in Zukunft klimaneutral sein sollen. Böblingen hat sich früh für die Oikos-Studie beworben, bei der die Landeskirche die Gebäude vor Ort von Experten begutachten lässt. „Die Ergebnisse müssten wir im April oder Mai erhalten“, kündigt Frasch an. Dann bekomme man einen Eindruck, wie hoch der Sanierungsbedarf ist. Doch eins weiß der Dekan schon jetzt: „Die Kosten werden uns niederdrücken.“
Sprich: Man komme nicht darum, sich von Gebäuden zu verabschieden – ein überaus emotionales und heikles Thema. „Wichtig ist, mit möglichst vielen Betroffenen ins Gespräch zu gehen“, glaubt Frasch. Doch dass auch diese Entscheidungen erneut schmerzhaft werden, steht außer Frage.