Viele Austritte, weniger Pfarrstellen, Sanierungsbedarf: Die Kirche muss sich neu aufstellen. In Böblingen ist im Gespräch, die vier evangelischen Gemeinden zusammenzulegen. Zudem wird wohl mindestens eine Kirche aufgegeben.
Der evangelische Dekan Markus Frasch ist erst seit Oktober 2019 im Amt – und muss als geschäftsführender Pfarrer der Böblinger Gesamtkirchengemeinde nun bereits gravierende Veränderungen anstoßen. „Es war klar, dass da schwierige Entscheidungen anstehen“, sagt der 57-Jährige, „der Prozess ist traurig, aber unvermeidbar.“ Weil die Kirchen immer weniger Mitglieder haben, Pfarrstellen gekürzt werden und es großen Sanierungsbedarf bei kirchlichen Gebäuden gibt, müssen sich die Verantwortlichen etwas einfallen lassen.
Der Plan Der Böblinger Gesamtkirchengemeinderat hat zuletzt einen Beratungsprozess angestoßen, der bis Sommer 2024 andauern wird. Zentrales Anliegen: Die vier bislang autarken Gemeinden Stadtkirche, Martin Luther, Paul Gerhardt und Diezenhalde auf 1. Januar 2025 zusammenzulegen. Zudem geht es wohl ans Eingemachte, was die Kirchengebäude betrifft. Der Sanierungsbedarf muss genau geprüft werden – alle Einrichtungen auf den neuesten Stand zu bringen, käme zu teuer. Zudem fehlt zunehmend das Personal, die Gebäude überhaupt zu betreuen. „Wir wissen schon jetzt, dass es wirtschaftlich nicht möglich sein wird, alle vier Kirchen zu erhalten“, sagt Frasch. Wegfallen könnten „eine oder schlimmstenfalls zwei Kirchen“, samt der zugehörigen Gemeindehäuser. Eine umfassende Analyse soll in den nächsten Monaten Klarheit bringen.
Die Ausgangslage Die Zahl der evangelischen Gemeindeglieder ist in Böblingen seit 2012 von rund 12 200 auf etwa 9200 gesunken – das sind etwa 25 Prozent weniger. Es ist zu befürchten, dass es in zehn Jahren unter 7000 sein werden. Das macht sich im Gemeindeleben insgesamt bemerkbar, ganz konkret aber auch bei der Kirchensteuer. Die geburtenstarke 1960er-Jahrgänge, die aktuell gut verdienen und relativ viele Steuern abführen, mildern den finanziellen Verlust derzeit zwar noch ab, doch die Kirche muss langfristig mit immer weniger Geld auskommen. Die Inflation tut ihr Übriges. Bereits seit einigen Jahren reagiert die Landeskirche darauf mit der Kürzung von Pfarrstellen – was in Böblingen bereits Thema war und weiter bleibt. Voraussichtlich werden von den aktuell noch viereinhalb Pfarrstellen bald nur noch drei übrig sein. Damit muss sich die Bezirkssynode an diesem Freitag auseinandersetzen. Zudem sinkt die Zahl der ehrenamtlichen Helfer. „Wir können so auf Dauer keine vier Gemeindezentren mehr mit Leben füllen“, sagt Markus Frasch.
Der Zeitplan In der vergangenen Woche hat der Böblinger Gesamtkirchengemeinderat beschlossen, dass bis Februar 2024 keine größeren Ausgaben vorgesehen werden – bis mehr Klarheit herrscht. Deshalb ruhen auch die Geldsammelaktionen für neue Stühle in der Stadtkirche oder die neue Orgel in der Martin-Luther-Kirche. Parallel sollen eine Bestandsaufnahme und ein Analyseprozess zeigen, wie viel Sanierungsbedarf bei welchen kirchlichen Gebäuden besteht. Ähnliches passiert in der ganzen Landeskirche – alles kommt auf den Prüfstand. Bis zum Sommer soll in den vier Kirchengemeinden über die Pläne beraten werden. „Die Entscheidung über einen Zusammenschluss muss dort jeweils gefällt werden“, betont der Dekan. Zudem sollen die Gemeindeglieder mit Gesprächsforen beteiligt werden. Im Sommer 2024 muss die Gesamtkirchengemeinde jedenfalls ihren Entschluss dem Oberkirchenrat mitteilen – ein Fusion könnte zum 1. Januar 2025 Realität werden.
Die Chancen „Wir müssen die Strukturen grundlegend überdenken“, sagt Frasch, „ich will mithelfen, dass wir einen guten Weg finden.“ Ärger sei programmiert, aber immerhin versuche man, den Prozess transparent zu gestalten. Darin würden auch Chancen liegen, glaubt der Dekan. Die vier Gemeinden könnten aus der Fusion neue Stärke ziehen. „Ein Schrumpfungsprozess ist unausweichlich, aber die Kirche kann weiterhin wirkungsvoll sein – ich bin da zuversichtlich.“
Die Nachbarn In Sindelfingen ist man bereits weiter, dort drückt der finanzielle Schuh stärker. Anfang März gab Pfarrer Jens Junginger bekannt, dass die Versöhnungskirche auf dem Goldberg, die Gemeindehäuser von Johanneskirche und Christuskirche und ein Teil des Hinterweil-Zentrums aufgegeben oder umgenutzt werden. Dort sind die Entscheidungen bereits gefallen, was für Unmut auf der Infoveranstaltung sorgte.
Weitere Reformen Neben Finanzen, Pfarrstellen und Gebäuden haben die Kirchenverantwortlichen noch ein weiteres Thema auf dem Tisch. Die Landeskirche will die Verwaltungen umbauen und zentralisieren. Dann würde es im Kreis Böblingen nur noch eine evangelische Kirchenverwaltung geben, die Dekanate Böblingen, Herrenberg und Leonberg sowie die große Sindelfinger Gemeinde müssten dies aus der Hand geben. Was für den gemeinen Kirchgänger unerheblich scheint, birgt hinter den Kulissen einiges an Sprengstoff – noch zusätzlich.
Die evangelischen Kirchenbezirke
Organisation
Während das katholische Dekanat deckungsgleich mit dem Kreis Böblingen ist, sind die Protestanten anders aufgestellt. Hier gibt es im Landkreis drei Kirchenbezirke: Böblingen, Herrenberg und Leonberg, die jeweils für das umliegende Gebiet verantwortlich sind. Die Sindelfinger Gemeinden gehören dabei zum Böblinger Dekanat.
Dekan
Nachdem Dekan Bernd Liebendörfer 2020 in den Ruhestand gegangen war, blieb die Stelle ein starkes Jahr vakant. Im Oktober 2021 übernahm Markus Frasch die Leitung des Kirchenbezirks und parallel der Gesamtkirchengemeinde Böblingen. Der gebürtige Ludwigsburger war zuvor elf Jahre geschäftsführender Pfarrer in Welzheim.