Joachim Hahn steht vor dem Haus in der Tannenstraße 50, in dem Gretchen Mayer mit ihrer Familie gelebt hat. Foto: Roberto Bulgrin

Joachim Hahn, Kenner der jüdischen Geschichte in Südwestdeutschland, hat die Geschichte einer an Schizophrenie erkrankten Plochingerin erforscht. Er kommt zu dem Schluss, dass Gretchen Mayer 1941 in der Anstalt Winnenden ermordet wurde.

Plochingen - Lange, schwarze Zöpfe soll Gretchen Mayer gehabt haben. Das hat eine der letzten Zeitzeuginnen dem Pfarrer Joachim Hahn erzählt. Die Eltern seien oft mit der Tochter spazieren gegangen. Ihre geistige Behinderung habe man ihr angesehen. Das Mädchen wurde am 10. November 1901 in Plochingen geboren und wohnte mit ihren Eltern und Geschwistern in der Tannenstraße 50. In den frühen Morgenstunden am 1. Oktober 1941 soll sie in der Heilanstalt Winnental –dem heutigen Klinikum Schloss Winnenden – ganz plötzlich an einem Kreislaufversagen gestorben sein soll. Eine Fotografie der Frau gibt es nicht.

 

Ausgiebige Recherchen

Im Jahr 1988 war Joachim Hahn, der frisch als Gemeindeseelsorger nach Plochingen gekommen war, in das damalige Pfarrhaus in der Tannenstraße eingezogen. Hahn lebt dort schon lange nicht mehr. Das Haus steht mittlerweile leer, denn die Kirche hat im Jahr 2020 die Pfarrstelle aufgegeben. Joachim Hahn, ein profunder Kenner und Autor zahlreicher Publikationen zur Geschichte der Juden in Südwestdeutschland, hatte schon früh erfahren, dass im Erdgeschoss des Hauses einst eine Familie Mayer gewohnt hat. Und dass deren an Schizophrenie erkrankte Tochter in der NS-Zeit umgebracht worden sein muss.

Zu diesem Schluss ist Joachim Hahn nach ausgiebiger Recherche in den Archiven und Amtsstuben in der Region gekommen. Mit der Beurteilung des Obduktionsbefunds durch den Neurologen Ulrich Jobst und der Einschätzung der damaligen Situation in Winnenden durch Martin Eitel-Müller, den früheren langjährigen Chefarzt und Stellvertretenden Ärztlichen Direktors des Zentrums für Psychiatrie Winnenden, und weiterer Fachleute sieht er seine Ergebnisse untermauert: Gretchen Mayer ist ermordet worden. Das steht selbstredend weder in den Krankenakten noch im Leichenpass. Mutmaßlich war eine medikamentöse Überdosierung im Spiel, vielleicht mit dem Schlafmittel Luminal. Denn eine toxikologische oder pharmakologische Untersuchung der Toten hat es nie gegeben.

Nichtssagende Todesursachen

Joachim Hahns Recherchen zufolge gehört Gretchen Mayer aus der Plochinger Tannenstraße damit zu den Zehntausenden chronisch kranken Langzeitpatienten, die zwar die systematische Ermordung von mehr als 70 000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen unter Leitung der Zentraldienststelle T4 in den Jahren 1940 und 1941 überlebt haben, die aber im Anschluss daran dezentral in den einzelnen Einrichtungen ums Leben gebracht wurden.

Das wurde im Einzelfall – wie auch bei Gretchen Mayer – gut vertuscht. „Erkrankung der Kreislauforgane“ steht als Todesursache in ihrem Leichenpass, eine auf den ersten Blick nichtssagende, aber dann doch auch wieder vielsagende Diagnose über den plötzlichen Tod einer gerade einmal 40 Jahre alten Frau, die erst am Abend zuvor in die Anstalt eingewiesen wurde. Sie reiht sich ein in „Blinddarmentzündungen“, „Lungenentzündungen“ oder ähnliche Krankheitsbilder, die zum Tod der Betroffenen geführt haben sollen.

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„In Wahrheit sind die Patientinnen und Patienten zum Beispiel an einer Medikamenten-Überdosierung oder an Vernachlässigung gestorben. Viele hat man auch einfach verhungern oder verdursten lassen“, sagt Hahn. Zumal in der Heilanstalt Winnenden zwischen 1941 und 1945 nachweislich überdurchschnittlich viele Patientinnen und Patienten gestorben sind. Das weist für Hahn ganz klar „auf eine ,dezentrale Euthanasie’ in dieser Heilanstalt“ hin. Auch Gretchen Mayers Familie war überzeugt davon, dass sie umgebracht wurde. Der Vater Karl August Mayer, geboren 1863 in Esslingen und Prokurist bei der Plochinger Firma Dettinger, ist 1937 gestorben. Auch die beiden Söhne haben nicht lange gelebt. Mutter Bertha Emilie, geborene Haug, 1865 in Esslingen geboren, war seit dem Tod ihres Mannes bei den Kosten für Betreuung und Unterbringung ihrer psychisch kranken Tochter auf die Unterstützung ihrer zweiten Tochter Gertrud angewiesen, die ebenfalls bei der Firma Dettinger arbeitete.

Mit 20 zum ersten Mal auffällig

Der Patientenakte zufolge war Gretchen Mayer im Alter von 20 Jahren zum ersten Mal „auffällig, war nachts unruhig, tagsüber kaum zu halten. . .“ Im Jahr 1924 kam dann der erste stationäre Aufenthalt in der Göppinger Heilanstalt Christophsbad mit der Diagnose „geisteskrank“. Nach wenigen Wochen wurde sie „ungebessert“ nach Hause entlassen wurde. 1934 und 1936 wurde sie wochenlang in der Nervenklinik in Tübingen behandelt, dann von Oktober 1936 bis September 1938 fast zwei Jahre lang in Winnenden. In diese Zeit fiel auch ihre Zwangssterilisation im Kreiskrankenhaus Waiblingen. Gretchen Mayers Mutter wusste nicht, wie sie die Kosten dafür bezahlen sollte.

Die finanzielle Not ihrer Familie hatte Gretchen Mayer möglicherweise vorerst das Leben gerettet. Denn sie war wieder zuhause, als die „Aktion T4“ allein in Winnenden dazu führte, dass 74 Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Grafeneck bei Münsingen deportiert wurden. Mehr als 300 weitere folgten. 250 Männer und Frauen wurden zudem in die Tötungsanstalt Hadamar in Hessen transportiert.

Am 30. September 1941 wurde Gretchen Mayer dann wieder nach Winnenden gebracht. Wenige Stunden später war sie tot. Um das Andenken an Gretchen Mayer zu bewahren, hat sich Joachim Hahn mit dem Künstler Gunter Demnig in Verbindung gesetzt, der seit 1996 zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus Stolpersteine vor deren einstigen Wohnungen verlegt. „Die Anregung, vor dem Haus in der Tannenstraße einen Gedenkstein für Gretchen Mayer zu setzen, kam von der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde“, erzählt Hahn.

Die Zustimmung des Gemeinderats steht zwar noch aus. Aber alle Zeichen deuten darauf hin, dass Demnig ihn am 22. Oktober verlegen wird. Auf der Messingplatte wird dann aller Voraussicht nach zu lesen sein:

Hier wohnte

Gretchen Mayer

Jg. 1901

Heilanstalt Winnental

Ermordet 1.10.1941