Am Stuttgarter Fernsehturm werben Retter für den Euronotruf 112. Foto: Europe Direct/.

Vor 30 Jahren ist der Beschluss zur EU-weiten Notrufnummer 112 gefallen. Doch noch immer wissen viele nicht, wo sie gilt. Besonders in Stuttgart will man das ändern.

Stuttgart - In Zeiten von Smartphones ist der Apparat in Vergessenheit geraten. Jüngere Menschen wissen gar nicht mehr, dass es ihn je gegeben hat, denn heute mutet er an wie aus dem Museum. Und doch ist es noch gar nicht so lange her, dass die Menschen Telefone mit Wählscheiben benutzten. Unter anderem diesem Umstand ist es zu verdanken, dass an diesem Donnerstag ein eher stilles Jubiläum gefeiert wird, das aber vielen Menschen das Leben gerettet hat.

 

Vor genau 30 Jahren beschloss der Ministerrat der Europäischen Gemeinschaft, der heutigen EU, dass in allen Mitgliedsstaaten einheitlich die Notrufnummer 112 gelten soll, wenn man Hilfe vom Rettungsdienst oder der Feuerwehr benötigt – im Zweifel wird man auch zur Polizei verbunden. Vorangegangen waren jahrzehntelange Überlegungen, ursprünglich ausgelöst von den europäischen Verwaltungen für Post und Fernmeldewesen. Der Prozess begann bereits in den 70er-Jahren – einer Zeit, in der in Deutschland gerade mithilfe der Björn-Steiger-Stiftung aus Winnenden die 112 bundesweit eingeführt wurde, nachdem sie zuvor nur regional gegolten hatte.

112 hatte gegenüber 110 Vorteile

Diese Nummer hatte entscheidende Vorteile. Denn auf den damals gebräuchlichen Wählscheibentelefonen waren die 1 und die 2 so angeordnet, dass das Wählen schneller ging als beispielsweise bei der 110. Außerdem schaute man in Europa darauf, welche der nationalen Notrufnummern die größte Verbreitung hatte – und das war ebenfalls die 112 in BRD und DDR. Und so wurde schließlich die deutsche Nummer als Kandidatin für alle Mitgliedsstaaten erkoren.

Genutzt weit über die EU hinaus

Die Umsetzung dauerte in den verschiedenen Ländern unterschiedlich lange – und eine Informationskampagne hielt man wohl nicht für nötig, gerade in Deutschland, wo sich ja scheinbar nichts änderte. Heute allerdings erreicht man unter der 112 in vielen Ländern schnelle Hilfe. Der Euronotruf gilt in der kompletten EU, aber auch weit darüber hinaus. Großbritannien etwa ist trotz Brexits bei der 112 geblieben. Dazu kommen viele weitere Länder Europas wie Andorra, die Färöer-Inseln, Island, Liechtenstein, Norwegen, San Marino, die Schweiz, die Türkei, Bosnien und Russland.

Auch außereuropäische Länder wie Israel, Südafrika oder Kasachstan nutzen sie. Und wer in Übersee Rettung braucht, kommt ebenfalls ans Ziel: In den USA und Kanada werden Anrufe unter der 112 an die nationale Notrufnummer 911 weitergeleitet.

Die 112 ist also eine Erfolgsgeschichte. Oder? Es gibt seit Jahren einen Makel. Umfragen zeigen regelmäßig, dass besonders die Reiseweltmeister aus Deutschland gar nicht wissen, dass sie auch im Ausland die Nummer wählen können, wenn sie Hilfe brauchen. Die Werte schwanken, zeitweise lagen sie unter 20 Prozent. Innerhalb Europas geht der Kenntnisstand weit auseinander. Zuletzt, meldet die EU, seien sich 49 Prozent darüber bewusst gewesen, dass sie überall Anschluss unter der 112 finden.

Stuttgart geht voran

Dass die Werte sich leicht verbessern, ist auch auf Aktivitäten in der Region Stuttgart zurückzuführen. Als das Europaparlament 2007 eine Deklaration zur 112 abgibt und in der Folge einen jährlichen europäischen Notruftag am passenden Datum, dem 11. Februar, ins Leben ruft, ist die Bürgerinitiative Rettungsdienst aus Stuttgart eng beteiligt und wirbt zuvor im Parlament für diese Schritte. In der Landeshauptstadt begehen dann am 11. Februar 2008 auch verschiedene Organisationen unter Federführung des Europa-Zentrums den ersten Tag des europaweiten Notrufs 112 überhaupt.

Werbung für die Nummer ist wichtig

„Für uns ist es ein großer Fortschritt, dass mehr Menschen jetzt das Wissen um diese Notrufnummer haben“, sagt Joachim Spohn von der Bürgerinitiative, die nach wie vor aktiv ist. Nachlassen allerdings, das weiß auch er, darf man bei der Bewerbung nicht. Sonst geht es der 112 womöglich wie dem guten alten Wählscheibentelefon – sie könnte in Vergessenheit geraten.