Estland hat sich von der russischen Besatzung längst befreit. Man orientiert sich nach Westen – zur EU. Doch so einfach lassen sich die Traumata der Vergangenheit nicht abschütteln.
Tallin - Zwanzig Mädchen, jedes nicht älter als zehn Jahre, stehen in einem schmucklosen Klassenzimmer aufgereiht nebeneinander und proben für den bisher größten Auftritt ihres Lebens. Das Kinn emporgehoben, die Arme fast militärisch angelegt. Ins Haar haben einige eine Blume gesteckt. Sobald die Musik vom Band ertönt, singen sie über die Freiheit und die Schönheit ihres Landes – estnische Volkslieder für das Fest Laulupidu. Das Liederfest ist eine der größten Veranstaltungen für Laienchöre weltweit. Früher, als das Land von den Sowjets besetzt war, sangen die Esten die Lieder als Zeichen des inneren Widerstands. Jetzt, fast 30 Jahre später, singen sie auch russischstämmige Kinder, die Estland als ihre Heimat bezeichnen.
Langsam finden die Volksgruppen zueinander
In Estland, einem Land mit 1,4 Millionen Einwohnern am Rande der EU, ist jeder Vierte russischsprachig. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen die Sowjets das Land annektieren und schickten Tausende von Russen dorthin, um sich abzusiedeln. Lange lebten die Zuwanderer und die Einheimischen wie Bewohner zweier Paralleluniversen nebeneinander – mit eigenen Sprachen, Schulen und Fernsehsendern. Selbst das Ende der Sowjetunion konnte daran nichts ändern. Erst jetzt finden die jungen Generationen beider Volksgruppen zusammen.
Die 18-jährige Diana Valueva ist Abiturientin einer russischen Schule in Tartu, einer Studentenstadt zwei Stunden von der Hauptstadt Tallinn entfernt. Auch sie kennt die Lieder der Kinder von den blühenden Feldern Estlands und ihren Bauern, die nach Freiheit dürsten. Vor acht Jahren trat sie als Tänzerin bei Laulupidu auf – vor 30 000 Zuschauern im Stadion und den Augen der Fernsehzuschauer einer ganzen Nation.
Das Liederfest ist vor allem seit der „Besetzung“, wie viele hier die Jahre unter den Sowjets nennen, eine kulturelle Bastion der estnischen Identität. Zwar war Estnisch als Sprache während des Regimes nicht verboten, doch fühlten sich viele in ihrem eigenen Land wie Bürger zweiter Klasse: von den Russen gegängelt und misstraut.
Assimilation? Für die Russen kein Thema
Dass ausgerechnet Kinder einer russischsprachigen Schule an dem Fest teilnehmen, findet Diana richtig. „Auch wir lieben dieses Land“, sagt sie. Ihr ganzes Leben hat sie in Tartu verbracht. Sie liebt die estnischen Traditionen, die Feste, die Sprache, sie hat einen estnischen Pass, und falls sie Kinder bekommen sollte, werden sie in Estland aufwachsen – da ist sich Diana sicher. Trotzdem sei sie Russin, sagt sie und überlegt einen Moment, bevor sie hinzufügt: „Vielleicht weil meine Eltern russisch sind.“
Seit der Unabhängigkeit hatten alle estnischen Regierungen versucht, die eigene Kultur im Land zu stärken. In den russischen Schulen ist Estnisch deutlich aufgewertet worden, auf Ämtern werden nur noch Dokumente in estnischer Sprache akzeptiert. Das geht auf Kosten vieler älterer russischstämmiger Bewohner, die nie Estnisch gelernt haben. Die Arbeitslosigkeit unter ihnen ist höher, die Lebenserwartung um sechs Jahre niedriger. Nicht wenige denken, dass die unsichtbare Kluft zwischen ethnischen und russischsprachigen Esten noch lange fortbestehen wird. Karsten Brüggemann, ein deutscher Historiker, der in Tallinn forscht, fühlt sich angesichts der Parallelgesellschaften an das Verhältnis von Deutschen und Deutschtürken erinnert. „Eine Assimilation steht für viele Russen hier nicht zur Debatte“, sagt Brüggemann. In Krisenzeiten könnte seiner Meinung nach der Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen wiederaufflackern. Mit ungewissem Ausgang.
Obskure Guerilla-Aktion
Wie labil die scheinbar fest gefügte gesellschaftliche Stabilität ist, zeigte ein Vorfall im März. Vor den Parlamentswahlen tauchten in Tallinn über Nacht Plakate auf – mit zweierlei Aufschrift. „Hier sind nur Esten“, stand auf einem Teil der Plakate, „hier sind nur Russen“, auf dem anderen. Unter den in estnischer und russischer Sprache geschriebenen Bannern standen Telefonnummern. Wer dort anrief, hörte eine Stimme vom Band: „Achte unbedingt darauf, dass du auf der richtigen Seite stehst!“
Nach wilden Anschuldigungen aus sämtlichen politischen Lagern bekannte sich eine Oppositionspartei zu der Guerilla-Aktion. „Wir leben schließlich in einer gespaltenen Gesellschaft“, sagte die verantwortliche Politikerin Kristina Kallas.
Artjem Vassiliev hält solche Aktionen für rückwärtsgewandt. Wenn der 33-Jährige von seinem Schreibtisch aus nach draußen blickt, sieht er jeden Tag ein bisschen mehr, wie sich das Land verändert. Im alten Areal des Industriebahnhofs in Tallinn verschmelzen Beton, Stahl und Glas zu futuristischen Bürobauten. Auf den unverputzten Mauern der alten Bahnhofsbauten wachsen über den Köpfen der Touristen turmhohe Graffiti-Kreaturen.
Wie nirgendwo anders merkt man hier den Wandel Estlands vom Agrarstaat zur Start-up-Nation. Hier wurde einst Skype gegründet. Auch Tausende andere Firmen siedelten sich an und träumen vom Welterfolg. „Es herrscht eine große Euphorie im Land“, sagt Artjem. Auch er als russischstämmiger Este ist Gründer eines kleinen Unternehmens. Es residiert gemeinsam mit vielen anderen Start-ups unter dem Dach von Lift 99, einem sogenannten Gründerhub in Tallin. Dort lassen sich Unternehmensgründer von Profis in Sachen Organisation, Event-Marketing und Kommunikation beraten. Bei Lift 99 sind die Hälfte der 120 Leute Esten, nur eine Handvoll spricht Russisch. Das ist nicht viel, aber mehr als vor einigen Jahren. Weil ihm das Land zu klein und verkrustet erschien, verließ Artjem Estland nach der Schule, wie fast alle seine Freunde auch. Er studierte in Finnland, reiste durch die Welt und landete schließlich in London. Man würde Artjem wohl als einen Weltbürger bezeichnen. Aber auch einem Weltbürger stellen sich manchmal die Frage nach seiner Herkunft.
Quälende Entwurzelung
„Mir war es egal, ob ich mehr Russe bin oder Este“, erinnert sich Vassiliev. Im Ausland aber gewann diese Frage für ihn an Bedeutung. Er besitzt die estnische Staatsbürgerschaft, aber sein Leben ähnelte jenen Russen in Sankt Petersburg, die Tolstoi lesen, russisches Fernsehen schauen und Pelmeni kochen. Es schien ihm, als zerrten zwei Identitäten an ihm. Er litt immer stärker unter dieser Entwurzelung. Die wirtschaftliche Aufbruchstimmung und die niedrigen Steuersätze in Estland taten ihr Übriges: Artjem packte die Koffer und flog zu den Eltern zurück. Das war vor sieben Jahren.
Seitdem merkt er, wie die estnische Seite in ihm die russische zurückdrängt. Er liest Bücher über die Geschichte von Tallinn und kritisiert Putins Politik, weil sie Umweltstandards mit Füßen tritt und zu sehr auf Öl und Gas setzt. Er lobt die Entwicklung Estlands in den vergangenen Jahren, erzählt das aber fast flüsternd, als traue er seinen eigenen Worten nicht.
Der Groll zwischen Russen und Esten, der sich einst sogar in Schlägereien auf dem Schulhof niederschlug, ist heute einem Miteinander gewichen, das mitunter Züge von Gleichgültigkeit gegenüber der jeweils anderen Volksgruppe trägt. Fast niemand unter den jüngeren Esten würde sich heute im Falle eines Krieges mit Russland dem mächtigen Nachbar im Osten anschließen. Fast alle sehen in der Europäischen Union einen Raum der Chancen. Sie träumen den Traum vom Westen – egal, ob sie Russisch oder Estnisch sprechen.