Der Angeklagte hat nicht nur Drogen verkauft, sondern auch selbst konsumiert. Foto: dpa

Ein 43-Jähriger soll Drogen in Flüchtlingsunterkünften verkauft haben. Jetzt steht er vor Gericht. Ein bereits verurteilter Mann hatte die Polizei auf die Spur des ehemaligen Komplizen gebracht.

Esslingen - Am zweiten Verhandlungstag gegen einen mutmaßlichen Dealer aus Esslingen hat ein Beamter der Kriminalpolizei in Esslingen berichtet, wie er und seine Kollegen dem 43-Jährigen auf die Schliche gekommen sind. Demnach ist der Albaner, der laut der Staatsanwaltschaft Stuttgart im ersten Halbjahr 2018 „gewinnbringend und gewerbsmäßig“ mit größeren Mengen Marihuana und Kokain gehandelt haben soll, von einem Mittäter verraten worden. Laut dem Polizisten des Rauschgiftdezernats habe dieser seinen stark drogenabhängigen Komplizen eher vor sich selbst schützen wollen, weil er befürchtete, der 43-Jährige hätte „sonst keine Überlebenschance“.

Tatsächlich sei der Angeklagte bei seiner Festnahme am 26. Juni vergangenen Jahres psychisch und physisch in einem „schlechten Zustand“ gewesen, berichtete der Rauschgiftermittler am Montag vor der 17. Großen Strafkammer des Landgerichts Stuttgart. Apathisch habe er gewirkt, er sei abgemagert gewesen und in jedem Fall stark unter Drogen gestanden. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden die Beamten Marihuana, Kokain, mutmaßliches Dealergeld, diverse Rauschgiftuntensilien, Verpackungsmaterial, einen geladenen Schreckschussrevolver und einen auf den Angeklagten ausgestellten griechischen Führerschein, der sich laut dem Kripobeamten als „Totalfälschung“ herausgestellt hat.

Jenaer Polizistin leistet Amtshilfe

Die Amtshilfe einer Kollegin aus Jena hat die Esslinger Ermittler auf die Spur des 43-Jährigen geführt. Im thüringischen Suhl war ein inzwischen zu einer Bewährungsstrafe verurteilter Mann festgenommen worden, der einräumte, gemeinsam mit dem Angeklagten im Landkreis Esslingen illegale Geschäfte gemacht zu haben. Daraufhin sei der Belastungszeuge nach Esslingen gebracht worden, um ihn vor Ort zu vernehmen, berichtete der Polizeibeamte. Dabei habe sich herausgestellt, dass die beiden Männer mehrere Asylunterkünfte mit Rauschgift beliefert hätten. Anfang Januar des vergangenen Jahres beispielsweise hätten sie in einem Flüchtlingsheim in Wernau insgesamt 15 Kilogramm Marihuana an ihre Kundschaft weiterverkauft.

Eine weitere Übergabe von Marihuana im Kilogrammbereich an bisher unbekannte Schwarzafrikaner habe gemeinsam mit dem Angeklagten in einer Asylunterkunft in Esslingen-Zell stattgefunden. Zeitweise habe der Angeklagte in seiner Esslinger Wohnung rund 100 Kilogramm Marihuana und ein Kilogramm Kokain „gebunkert“, habe der in Thüringen verhaftete Mann laut dem Kripobeamten in der Vernehmung ausgesagt. Auch der Kronzeuge habe beim Angeklagten Rauschgift zum Weiterverkauf bezogen – allerdings auf Kommission. Kennengelernt hatten sich die beiden offenbar, als sie 2015 bei einer Behörde jeweils Asyl beantragt hatten.

Notlage durch Drogenkonsum

Die Frage der Verteidigerin, ob sich der aussagefreudige Dealer mit den für ihren Mandanten sehr belastenden Angaben einen Vorteil habe verschaffen wollen, verneinte der Rauschgiftermittler. Er habe ihm auch nicht in Aussicht gestellt, im Falle einer Aussage gegen den 43-Jährigen bezüglich des zu erwartenden Strafmaßes oder für seine Aufenthaltsgenehmigung zu profitieren. „Ich würde nie etwas versprechen, was ich letzen Endes nicht halten kann. Da bin ich schon für einen fairen Umgang miteinander.“

Er sei überzeugt, dass der Mittäter seinem ehemaligen Komplizen „das Leben retten“ wollte. Er habe wohl nur durch seine Aussage die Möglichkeit gesehen, dem Angeklagten aus seiner durch den extremen Drogenkonsum verursachten Notlage zu helfen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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