Geschäftsaufgabe nach 30 Jahren: Doch Andrea Mergenthaler von Mergenthaler Blumen in Esslingen möchte keine Trauerstimmung aufkommen lassen. Foto: Horst Rudel

1992 hat Knut Mergenthaler das Ladengeschäft übernommen, zum Jahresende schließt Mergenthaler Blumen die Pforten: Steigende Kosten, Personalmangel, und die Coronapandemie haben laut dem Inhaber-Ehepaar zur Geschäftsaufgabe geführt.

Esslingen - Abschiedsschmerz hängt in der Luft. Doch Schwermut möchte Andrea Mergenthaler bei aller Traurigkeit nicht aufkommen lassen: „Es zerreißt mir das Herz“, kommentiert sie die Geschäftsaufgabe des Blumenladens, den ihr Mann Knut Mergenthaler 30 Jahre lang in Esslingen betrieben hat. Donnerstag und Freitag sind noch Verkaufstage, dann werden die Ladentüren geschlossen. Doch es gebe auch positive Signale, betont Andrea Mergenthaler: Eine gute Nachfolgeregelung wurde gefunden. In die frei werdenden Geschäftsräume in der Blumenstraße wird die Sozialstation Esslingen einziehen.

 

30 Jahren Blumenträume

Zwei kunstvolle Rosenblüten verschönern die Halskette von Andrea Mergenthaler. Sie ist Floristin aus Berufung. 1979 absolvierte sie ihre Ausbildung in der heutigen Blumenhandlung Mergenthaler, die damals noch einen anderen Besitzer hatte. Nach verschiedenen beruflichen Stationen in anderen Städten und dem Besuch der Meisterschule kehrte die gebürtige Esslingerin in ihren Lehrbetrieb zurück. 1992 hat Knut Mergenthaler das Geschäft übernommen. Fast 30 Jahre lang ließ das Ehepaar zusammen mit einem eingespielten Team hier Blumen sprechen.

Kein Nachfolger gefunden

Doch die Geschäfte blühten am Ende nicht mehr so gut wie in den Vorjahren. Das Ehepaar Mergenthaler verweist auf Nachwuchsprobleme, Fachkräftemangel, die schwierige Suche nach Auszubildenden. Alle Mitarbeitenden seien in Teilzeit beschäftigt, Vollzeitkräfte seien kaum zu bekommen. „Wir konnten trotz aller Bemühungen keinen Nachfolger finden“, bedauert Andrea Mergenthaler. Viele junge Menschen würden die unregelmäßigen Arbeitszeiten, die starke Belastung gerade vor Sonn- und Feiertagen, die sozial schwer verträglichen Einsatzzeiten und die wenig attraktive Bezahlung abschreckten. Trotz Nachfragen bei der IHK, Anzeigen in Fachzeitschriften und privater Recherche im Kollegenkreis habe niemand gefunden werden können, der das Traditionsgeschäft direkt beim Ebershaldenfriedhof hätte weiterführen können.

Kundenkreise brechen weg

Die wirtschaftlichen Aussichten von Blumenläden seien zudem alles andere als rosig. Die Preise hätten angezogen, sagt die Floristikmeisterin. Zwar habe sie stets auf möglichst regionale Produkte geachtet, doch die steigende Inflationsrate, die höheren Energiekosten und die zunehmenden Lohnausgaben würden zu Buche schlagen. Unterbrochene Lieferketten, fehlende Rohstoffe sowie der Mangel an Frachtmöglichkeiten, Containern und Lastwagenfahrern hätten die Situation nicht verbessert. Corona kam hinzu. Familienfeiern fielen aus oder wurden nur in sehr kleinem Kreise gefeiert, Gastronomie und Hotellerie mussten schließen und hatten Existenzprobleme, Betriebsjubiläen und Firmenveranstaltungen fielen flach – damit brach ein wichtiger Kundenkreis weg. Urnenbegräbnisse kamen ohne opulenten Blumenschmuck aus, Beerdigungen erfolgten in eingeschränkterem Rahmen.

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Besondere Wünsche wurden erfüllt

Dabei hält Andrea Mergenthaler ein würdiges Abschiednehmen für wichtig. Sie erinnere sich an viele Beerdigungen, die durch ihren feierlichen Rahmen Trost in der Trauer gespendet hätten. Einmal habe das Mergenthaler-Team einen Fahrradreifen mit Blumenschmuck verziert, als ein leidenschaftlicher Biker zu Grabe getragen wurde. Und ein anderes Mal wurde für einen verstorbenen Naturfreund mit einem ausgeprägten Faible für Wald und Wiesen die ganze Kirche in ein Blumenmeer verwandelt.

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Solche Wünsche hat das Ehepaar Mergenthaler mit seinen Mitarbeitenden gerne erfüllt. Drei Minijobber, drei Teilzeitkräfte, Knut Mergenthaler als Betriebsleiter und Andrea Mergenthaler sind derzeit im Laden beschäftigt. Die Auszubildende könne ihre Lehre im Januar noch abschließen, betont Andrea Mergenthaler. Die anderen Mitarbeitenden haben andere berufliche und private Pläne. Sie selbst möchte nach den anstrengenden Berufsjahren mit 60-Stunden-Arbeitswochen erst einmal zur Ruhe kommen und sich neu orientieren. Gesundheitliche Probleme seien ein weiterer Grund für die Geschäftsaufgabe gewesen, sagt sie. Knut Mergenthaler möchte sich künftig in der Beratung von Friedhofsgärtnern in Württemberg engagieren.

Blumen sind Trostspender

In ihrem Büro hinter den Verkaufsräumen hat Andrea Mergenthaler Erinnerungsstücke herausgesucht – Fotos, Kundenreaktionen, Urkunden, Sinnsprüche. Eine Kundin hatte ihr geschrieben: „Blumen sind Wunderwerke, Freudenschenker, Augenschmeichler, Hingucker, Duftversprüher, Farbtupfer, Fröhlichmacher, Trostspender.“ Dem kann sich Andrea Mergenthaler nur anschließen. Im Ladengeschäft werden die letzten Blumensträuße gebunden. Doch Traurigkeit will sie nicht aufkommen lassen.

Die Zukunft der Räumlichkeiten von Mergenthaler Blumen

Die Zukunft
 In die frei werdenden Ladenräume von Mergenthaler Blumen in der Blumenstraße in Esslingen wird die Sozialstation Esslingen als Mieterin einziehen. Zum genauen Zeitplan möchte Geschäftsführer Johannes Sipple noch nichts sagen. Es müssten noch einige Formalitäten abgeklärt werden.

Weitere Nutzung
 In den Räumlichkeiten von Mergenthaler Blumen möchte die Sozialstation Esslingen nach eigenen Angaben ihren Menüdienst „Essen auf Rädern“ betreiben. Zudem sei ein Laden-Café geplant. Die Lage sei auch durch die Nähe zur Geschäftsstelle der Sozialstation in der Urbanstraße ideal.

Die Sozialstation
Die Sozialstation Esslingen ist ein ambulanter Pflegedienst mit etwa 250 Mitarbeitenden. Ziel der Arbeit sei es, Menschen solange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung zu lassen. Angeboten werden Pflege, ein Hausnotruf, hauswirtschaftliche Betreuung, Beratungen und „Essen auf Rädern.