Seit Januar 2020 stickt die Esslinger Künstlerin Gaby Burckhardt jeden Tag einen QR-Code – Kreuzstich für Kreuzstich. „Stixel“ nennt sie diese Werke, die wie ein tägliches Telegramm wirken. Bei der Ostrale-Biennale O21 in Dresden zeigt sie derzeit 366 gestickte Quadrate, gerahmt in 15 Bilderrahmen.
Esslingen - Seit dem 1. Januar 2020 hat Gaby Burckhardt jeden Tag einen QR-Code gestickt, Kreuzstich für Kreuzstich. Ein „Daily Telegramme“, ein tägliches Telegramm. Wer die kleinen textilen Kunstwerke mit dem Smartphone einliest, erkennt einen Satz des japanischen Konzept-Künstlers On Kawara: „I am still alive. Ich bin noch am Leben.“ Eine Botschaft, die im Pandemie-Jahr 2020 eine ganz besondere Bedeutung erhielt. Die Arbeit im ersten Projekt-Jahr – 366 gestickte Quadrate, gerahmt in 15 Bilderrahmen – ist jetzt bei der Ostrale-Biennale O21 in Dresden, einer der größten internationalen Ausstellungen für zeitgenössische Künste in Deutschland, zu sehen. „Für mich ist das eine große Ehre, von einer internationalen Jury ausgewählt worden zu sein und gemeinsam mit 140 Künstlern aus 34 Ländern auszustellen“, freut sich die Esslinger Künstlerin über diese Anerkennung.
Kantine wird zum Kunstsalon
Vor ihrem Besuch in der Dresdner Schau hatte Gaby Burckhardt durchaus bange Fragen: „Wie wird das Werk präsentiert? In welcher Umgebung hängt es? Kann sich meine Arbeit gegen die anderen Kunstwerke im Raum behaupten?“ Der erste Blick aufs ausgestellte Werk bestätigte ihr Vertrauen in die erfahrenen Ausstellungsmacher: „Das ist fachmännisch, klug und sensibel gehängt.“ Die quadratischen QR-Codes aus Kreuzstichen, die Burckhardt „Stixel“ nennt – ein Kunstwort aus „sticken“ und „Pixel“ – sind in der Robotron-Kantine, der ehemaligen Betriebsgaststätte des größten Computerherstellers der DDR, zu sehen.
Gesammelte Zeit
Die Ostrale-Biennale findet traditionell in leerstehenden Industrie- und Kulturbrachen der sächsischen Hauptstadt statt, und die „täglichen Telegramme“ aus zweifädigem Sticktwist zeigen in den improvisierten Galerie-Räumen Präsenz: An einer großen weißen Wand wirken sie trotz ihrer Zartheit, und sie demonstrieren, dass vergangene Zeit keine verschwundene Zeit sein muss, sondern auch gesammelte Zeit sein kann. Die Arbeit passt zu dem Zitat des Dichters Paul Celan, mit dem die diesjährige Ostrale-Biennale unter dem Motto „Atemwende“ überschrieben ist: „In den Flüssen nördlich der Zukunft/werf ich das Netz aus.“
Kurze Texte erläutern die Kunst-Projekte für interessierte Besucher. „Einer Dame, die die Arbeit sehr genau anschaute, konnte ich erklären, dass und wie sie die gestickten QR-Codes mit Smartphone und App einlesen kann“, erzählt Gaby Burckhardt. „Die Schau ist sehr groß, sehr umfassend und sehr spannend. Es ist eine große Bandbreite zu sehen, viele Video- und Klanginstallationen in den ehemaligen Lager- und Kühlräumen im Keller, Witziges, Neues, Verblüffendes. Von manchen Arbeiten war ich hin und weg.“ Nach der langen pandemiebedingten Zwangspause, in der der Besuch von Galerien, Museen oder Ateliers nicht möglich war, hat die Esslinger Künstlerin die Reise nach Dresden besonders genossen: „Nach den Lockdowns war ich kulturell regelrecht ausgehungert.“
Langzeit-Kunstprojekt
Gaby Burckhardts Langzeit-Kunstprojekt ist noch nicht abgeschlossen: „Ich bin jetzt schon im zweiten Jahr.“ Und weil On Kawara sein Statement ab 1970 rund 900-mal als Telegramm verschickte, könnte sich Gaby Burckhardt durchaus vorstellen, sich an dieser Zahl zu orientieren: „900 Stück? Vielleicht sticke ich drei Jahre lang? Jetzt gucken wir erst mal. Man muss die Zeit auch mit Leben füllen“, weiß sie, die in einem kleinen Beutel Nadeln, Garn, weiße Stoffquadrate und die Stick-Vorlage immer mit dabei hat. Um ein Stixel-Quadrat anzufertigen, braucht sie durchschnittlich etwa eine Stunde. „Diese Zeit nehme ich mir jeden Tag, und diese Stunde gibt ein Tag auch her, und wenn es abends neben dem ‚Tatort‘-Gucken oder beim Hören eines Hörbuchs ist“, hat sie festgestellt. Aber auch nach so langer Zeit des täglichen Stick-Programms ist die 66-Jährige überzeugt: „Das ist mir immer noch nicht langweilig geworden, es lässt mich zur Ruhe kommen, und ich kriege dabei wunderbar den Kopf frei.“
Gaby Burckhardt und ihr Langzeit-Projekt
Künstlerin
Gaby Burckhardt hat Kunsterziehung, Germanistik und Anglistik studiert und als Lehrerin gearbeitet, bevor sie einen Sommer lang im Bauwagen auf der Schwäbischen Alb unterwegs war, um Theater zu spielen. Nach Projekten als Regie-Assistentin an der Württembergischen Landesbühne war sie Dramaturgin, Regisseurin und Schauspielerin bei der freien pfälzischen Theatergruppe Chawwerusch. Nach einer Fortbildung zur Webmasterin arbeitete sie im Esslinger Buchladen „Die Zeitgenossen“. Seit 2013 ist sie als Programmiererin tätig.
Ausstellungen Gaby Burckhardts Langzeit-Projekt „Daily Telegramme“ ist bis 3. Oktober bei der Ostrale-Biennale O21 in Dresden zu sehen, die Schau wird in der Robotron-Kantine (Zinzendorfstraße 5) gezeigt. Auch zur sehenswerten Ausstellung „Taschentücher – Trost & Tränen im Quadrat“, die bis 26. September im Museum im pfälzischen Herxheim zu sehen ist, hat Gaby Burckhardt eine Arbeit beigesteuert. In jede Ecke eines Taschentuchs hat sie ein QR-Quadrat gestickt mit dem Poesiealbum-Spruch „In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken“.
Infos www.ckdt.de