Reden, Kontakte knüpfen, Gespräche führen – das Schwätzbänkle an der Inneren Brücke in Esslingen ist für niederschwellige Kommunikation gedacht. In den nächsten Wochen werden hier Vertreter aus Politik, Kirche und Gesellschaft Platz nehmen.
Es fühlt sich ein wenig an wie auf dem Präsentierteller. Neugierige und mitleidige Blicke scheinen einen zu streifen. Es ist ungewohnt, neu, seltsam. Doch nach wenigen Minuten wird es besser auf dem Esslinger Schwätzbänkle. Das Wie-im-Schaufenster-Sitzen-Feeling verschwindet, der Gewohnheitseffekt tritt ein. Neugierde, Spannung und Erwartungshaltung steigen. Wer wird sich hinsetzen? Welche Themen werden angeschnitten? Welche Menschen kommen vorbei? Es ist fast normal, auf einer Bank mit einem Metallschildchen zu sitzen, auf dem unübersehbar steht: „Schwätzbänkle. Nehmen Sie hier Platz, wenn Sie schwätzen wollen.“
Ein unverbesserlicher Schmierfink hat mit schwarzem Filzstift „Haja“ daneben gekritzelt. Nicht sehr lustig. Denn hinter dem Schwätzbänkle an der Inneren Brücke zwischen Tee-Gschwendner und dem Bekleidungsgeschäft Tom Tailor steckt eine gute Absicht: Gespräche sollen geführt, Kommunikation gepflegt, Kontakte geknüpft, Bekanntschaften geschlossen werden. Einsamkeit, soziale Isolation, das Schweigen in einer modernen Gesellschaft sollen bekämpft werden. Und tatsächlich: Inzwischen hat sich ein Trio zusammengefunden, das die große Weltpolitik im kleinen Esslinger Umfeld durchkaut – Ukraine-Krise, hohe Energiepreise, viel über Inflation, ein wenig über Corona, noch einmal Energiepreise, die Niedersachsen-Wahl am Sonntag, Wohnungsnot und wieder die Energiepreise. Dann ziehen die Drei weiter.
Kommunikativer Treffpunkt
Christina Streib schaut von Berufs wegen vorbei. Die Soziologin arbeitet in der städtischen Beratungsstelle für Ältere und setzt sich für eine Stunde aufs Schwätzbänkle. Drei weitere Termine mit Esslinger Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Kirche sind in den kommenden Wochen geplant. Die 29-Jährige macht den Anfang. Bisher, sagt sie, wurde eben dieses eine Schwätzbänkle an der Inneren Brücke aufgestellt. Weitere seien in Arbeit – ihre Standorte seien aber noch nicht beschlossen. Ihrer Erfahrung nach wird das Angebot sehr gut angenommen und hat sich zu einem beliebten Treffpunkt in der Esslinger Innenstadt entwickelt. Stimmt, gibt ihr eine Passantin recht: Jeden Morgen gegen 8.30 Uhr gehe sie hier mit ihrem Hund vorbei und wirklich immer säßen Menschen auf der Bank.
Als Christina Streib sich als Mitarbeiterin der Beratungsstelle für Ältere vorstellt, gibt die Passantin ihre eigene Theorie zum Älterwerden preis. Es werde mit den Jahren immer schwieriger, in den Spiegel zu schauen: „Am liebsten möchte man sagen, haltet doch bitte die Zeit an.“ Ein wunderbares Stichwort für Streib. Jede Frau und jeder Mann könne etwas gegen den Altersblues tun, meint sie. Aktiv werden, sich bewegen, sich selbst etwas Gutes tun, sich mit der biologischen Tatsache auseinandersetzen. Normalerweise aber berät sie zu anderen Themen – Wohnen, Freizeitgestaltung, bürgerschaftliches Engagement oder Bildungsangebote für ältere Menschen. Ihre Kolleginnen in der Beratungsstelle kümmerten sich vermehrt um Fragen rund die Pflege.
Schwäbische Zurückhaltung
Ein Ehepaar kommt vorbei. Als es die Aufschrift „Schwätzbänkle“ liest, präsentiert es regional-soziologische Theorien: „Wir Schwaben tun uns schwer mit spontaner Kommunikation. Es dauert, bis wir auftauen. In einem Lokal sitzt jeder an seinem eigenen Tisch.“ Ein Senior kennt diese Berührungsängste nicht. Seit 60 Jahren, erzählt er, lebt er bereits in Esslingen. Doch seine Ehefrau werde langsam vergesslich, er habe Probleme mit den Augen, das Lesen falle ihm schwer. Aber die Tochter lese ihm immer vor. Christina Streib gibt ihm eine Broschüre mit Ansprechpartnern mit: „Ich markiere für Sie wichtige Angebote.“
Wieder setzt sich eine Seniorin. Sie lebt erst seit einem Jahr in Esslingen. Doch mit Kontakten tut sie sich noch schwer. Auch ihr kann die Broschüre wichtige Anregungen bieten. Kaum ist sie aufgestanden, bleibt ein älteres Paar stehen. Ja, meinen auch diese Eheleute, Schwaben seien halt nicht so kontaktfreudig. Außer in Besenwirtschaften; da gebe es kein Fremdeln. Da würden sie sich sofort mit jedem verstehen. Vielleicht wäre der Ausschank von Most, Sekt, Wein oder Kaffee am Schwätzbänkle eine gute Ergänzungsidee, meinen beide und lächeln.
Doch auch ohne gastronomische Serviceleistungen ist das Schwätzbänkle als Publikumsmagnet gedacht. Passanten müssen sich nur trauen und auf den Gewöhnungseffekt nach wenigen Minuten warten. Dann kann es spannend werden. Denn das Schwätzbänkle ist eine Bank wie das Leben. Hier menschelt es ganz wunderbar.
Die Schwätzbänkle
Gäste
Nach Christina Streib werden weitere Gesprächspartner auf dem Schwätzbänkle an der Inneren Brücke Platz nehmen. Am Mittwoch, 12. Oktober, von 9.30 bis 10.30 Uhr möchte sich Raphael Maier, Cityseelsorger der katholischen Kirche, mit Passanten über jedes Thema unterhalten, „das sie besprechen möchten - ganz gleich, ob das die stark gestiegenen Heizkosten oder Ihr Verhältnis zur katholischen Kirche sind“. Am Montag, 17. Oktober, von 10 bis 11 Uhr kommt Josef Birk, der Vorsitzende des Stadtseniorenrats. Und am Donnerstag, 20. Oktober, von 14 bis 15 Uhr ist Bernd Schwemm von der evangelischen Kirche an der Reihe.
Bänkle
Beim Innenstadtforum im Neckarforum im Mai wurde die Idee eines Schwätzbänkles vorgestellt. Es sollte – auch im Zuge der Bemühungen zur Aufwertung der Innenstadt – an gut frequentierten Plätzen und Orten, zum Treffpunkt für Menschen werden, die einen Gesprächspartner suchen. Im Juni wurde das erste Bänkle an der Inneren Brücke aufgestellt. Passanten sollen hier ganz ohne Verpflichtung oder Vorbereitung miteinander ins Gespräch zu kommen. Laut dem beim Innenstadtforum vorgestellten Zeitplan sollen im nächsten Jahr Gespräche mit den Bürgerausschüssen zur Aufstellung von Bänkchen an weniger zentralen Orten geführt werden.