Auf den Wettbewerb mit den Kreiskliniken würde Bernd Sieber gerne verzichten. Foto: Rudel

Zehn bewegte Jahre als Geschäftsführer des Klinikums Esslingen liegen hinter Bernd Sieber. Genug hat er noch lange nicht.

Esslingen - Über manche Entwicklung im Gesundheitswesen kann Bernd Sieber nur den Kopf schütteln. Dennoch blickt der Esslinger Klinikchef vorsichtig optimistisch in die Zukunft.

Herr Sieber, mussten Sie schon einmal selber in Esslingen unters Messer?

Unterm Messer war ich hier noch nicht. Aber einige Familienmitglieder sind schon in operativen Bereichen unseres Klinikums versorgt worden. Wir waren sehr zufrieden.

Seit zehn Jahren sind Sie nun der Geschäftsführer des Klinikums Esslingen. Zwischen der Kliniklandschaft 2009 und 2019 gibt es erhebliche Unterschiede. Was hat Ihnen damals die größten Probleme bereitet?

In medizinischer Hinsicht standen wir auch 2009 schon auf einem wirklich guten Niveau. Jedoch kamen damals die Auswirkungen des seit 2004 geltenden Fallpauschalensystems zunehmend zum Tragen. Dies bedeutete für uns als Krankenhaus, dass wir einen Teil des Risikos übertragen bekommen haben, dass Patienten eben nicht immer nur die in der Fallpauschale vorgesehene standardisierte Behandlung benötigen. Auf diese Systematik mussten wir uns einstellen, um das Klinikum Esslingen auch in wirtschaftlicher Hinsicht zukunftsfähig zu machen.

Und welches Thema brennt Ihnen heute besonders unter den Nägeln?

Ein wichtiges Thema ist die Digitalisierung. Dies betrifft sowohl die Krankenhäuser selbst, als auch die Kommunikation zwischen den am Behandlungsprozess beteiligten Partnern. Hier hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher. Ein großes Problem für uns Krankenhäuser ist, dass sich die Finanzierung unserer Leistungen, aber auch die Anforderungen an unsere Infrastrukturen häufig und sehr rasch ändern. Mittlerweile stufe ich die finanziellen Rahmenbedingungen von Krankenhäusern als kaum noch verlässlich ein und halte grundsätzliche Änderungen für erforderlich.

Woran liegt das?

Bei großen Investitionen vergehen lange Zeiten, bis die entsprechenden Förderanträge beim Land gestellt und beschieden werden können. Bei der Patientenbehandlung ist die Bezahlung der von uns erbrachten Leistungen insbesondere bei komplexen Fällen zunehmend an Nachweise und eine akribische Dokumentation gebunden, die wir gegenüber den Krankenkassen oder dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) nachweisen müssen. Wenn uns da an einer Stelle in der Dokumentation ein Häkchen oder eine Unterschrift fehlt, dann werden uns teilweise Erlöse in Höhe von 2000 bis 3000 Euro oder gar noch mehr gestrichen. Machen Sie das mal bei einer Handwerkerrechnung . . .

Trifft Sie der Fachkräftemangel?

Das Thema hat in der Tat an Bedeutung gewonnen. Ein wichtiger Ansatzpunkt dabei ist aus meiner Sicht neben den Vergütungsaspekten auch die attraktive Ausgestaltung der Rahmenbedingungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Stichwort Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Natürlich müssen wir über die letztlich untersagte Fusion mit den Kreiskliniken sprechen. Sind Sie aus heutiger Sicht froh, dass es mit der Fusion nicht geklappt hat?

Ganz klar: Nein! Ich halte es auch heute noch für eine vollkommen an der Vernunft vorbeigehende Entscheidung, die juristisch leider nicht angreifbar, aber sachfremd war. Im Krankenhausmarkt gibt es bundesweit Zusammenschlüsse und Übernahmen, nur hier im Landkreis hat es das Bundeskartellamt untersagt. Was bleibt: wir haben mit der Entscheidung immerhin einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Noch heute werde ich bei Tagungen von Kollegen darauf angesprochen.

Wie ist denn heute das Verhältnis zu den Kreiskliniken?

Wir haben zwischen den handelnden Personen ein kollegiales Miteinander und auch immer wieder gemeinsame Themen. Aber – herzliche Grüße an das Bundeskartellamt – wir stehen wieder so im Wettbewerb wie vor der Fusionsdiskussion. Das umfasst Themen wie Wettbewerb bei (Groß-)Geräten und Infrastruktur ebenso wie auch den Wettbewerb um die knappen Fachkräfte am Arbeitsmarkt.

Nun ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sich eine Stadt wie Esslingen ein eigenes Klinikum hält. Es gab auch immer mal wieder Überlegungen, das Haus zu privatisieren. Haben Sie je befürchtet, Esslingen könne das Klinikum im Stich lassen?

Sicher ist es weder eine Selbstverständlichkeit noch eine Pflichtaufgabe einer kreisangehörigen Stadt. Allerdings ist es auch keine Selbstverständlichkeit, dass ein Klinikum unserer Größe derartig gut aufgestellt ist. Ich spiele dabei durchaus auch auf unsere Focus-Platzierungen und Auszeichnungen an, aber auch auf die Möglichkeiten für die Patienten, wohnortnah Zugang zu modernster medizinischer Versorgung zu haben. Wir sind manchmal vor manch einer Universitätsklinik an Studien beteiligt. Ich bin überzeugt, dass dies bei der Stadt auch so gesehen wird.

Schauen wir doch einmal in die Zukunft: Was muss denn geschehen, damit das Klinikum auch 2029 noch erfolgreich dasteht?

Dazu wäre eine klare und längerfristige Verlässlichkeit der finanziellen Rahmenbedingungen wichtig. Die Tatsache, dass die Abrechnungsvoraussetzungen von erbrachten Leistungen rückwirkend geändert werden können, halte ich für absurd. Das wäre, wie wenn auf der B 10 rückwirkend zum Jahr 2016 Tempo 60 eingeführt würde und alle, die seither mit Tempo 80 gefahren sind, belangt würden. Wir hoffen, dass das Bundesministerium hier steuernd eingreift. Anzeichen hierfür gibt es glücklicherweise mittlerweile.

Wenn Sie an das vergangene Jahrzehnt zurückdenken. Gab es da Momente, die Sie glücklich gemacht haben?

Viele! In der Regel waren es Momente, in denen wir sehen konnten, dass wir gemeinsam Dinge erreicht haben, die wir uns vorgenommen haben – sei es die Hinzunahme von neuen Leistungsangeboten, wie etwa die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder auch neue Geräte, wie unseren Linearbeschleuniger vor einigen Jahren. Auch in den nächsten Jahren werden wir uns hier einiges einfallen lassen. Ganz besonders glücklich hat mich aber der Tag der offenen Tür im November gemacht, an dem ich beobachten konnte, wie stark unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dem Klinikum verbunden sind und auch ihren Angehörigen und Freunden mit Stolz ihren Arbeitsplatz zeigen.

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