Esslingen von oben Die Äcker waren nicht breiter als Handtücher

Von Ulrich Stolte 

Die Flurbereinigung hat die Landschaft entscheidend verändert. Größere Äcker und Aussiedlerhöfe prägen die Landschaft heute. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec
Die Flurbereinigung hat die Landschaft entscheidend verändert. Größere Äcker und Aussiedlerhöfe prägen die Landschaft heute. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec

In einer Serie zeigen wir Luftbilder von 1955 und von 2015 aus dem Kreis Esslingen. Heute: Denkendorf.

Denkendorf - Nicht nur die Städte haben sich tiefgreifend gewandelt, auch das Land. Ein Beispiel? Oben ist der Südrand von Denkendorf aus der Luft zu sehen. Die A 8 zieht sich durch das Bild. Nördlich davon liegt das Kloster Denkendorf, wo man glauben könnte, die Zeit sei 500 Jahre lang stehen geblieben. Ist sie aber nicht. Einen großen Wandel auf dem Land hat die Flurbereinigung gebracht. Sie sollte in den 70er-Jahren die Landwirtschaft intensivieren. Auf dem Bild links sieht man schmalste Ackerstreifen, die oft auch noch geteilt sind. Aus der Luft wirken sie fast, wie das alte Testbild des Fernsehens. Heute sind die Äcker größer und flächiger geworden, damit man sie besser und billiger mit Maschinen bearbeiten kann.

Neu sind die Aussiedlerhöfe

Neu sind auch die Aussiedlerhöfe, die man im Nordwesten und Nordosten des neuen Luftbildes sieht. Durch die Aussiedlerhöfe wurde die Landschaft zersiedelt, gleichzeitig wurden die Ortskerne leerer und einsamer.

Ökologisch war die Flurbereinigung ohnehin eine Katastrophe. Mit dem Wegfall von Hecken, Hainen und Mauern nahm der Tier- und Pflanzenbestand rapide ab. Aber auch dieser Versuch, die deutsche Landwirtschaft mit der Brechstange zu modernisieren, hat das Höfesterben nicht verhindern können. Wer in der Landwirtschaft bleiben wollte, der musste sich spezialisieren. Jetzt gibt es dort einen Biolandhof und einen Pferdehof.

Große Streuobstwiesen gab es zwischen der Autobahn und dem Ortsrand. Diese Flächen sind heute kleiner geworden und dort, wo sie erhalten geblieben sind, stehen immer weniger Bäume drauf. Am württemberger Apfel, einst ein Exportschlager in Europa, war auf einmal nichts mehr zu verdienen. Im Verkauf sanken die Preise auf zwei Euro pro Zentner Fallobst, wer nicht gerade ein Liebhaber war, der ließ das Mosten einfach bleiben und die ganze andere Arbeit, die damit anfällt: Wiesle mähen, düngen, Bäume schneiden.

Äcker gefressen haben auch die Verkehrswege. Wo sich in den 50er-Jahren noch die betonierte Autobahn 8 schnurgerade entlang zog, die aus der Luft beinahe leer und idyllisch anmutete, streckt sich heute eine dreispurige Autobahn, die trotz ihrer drei Fahrbahnen dafür berüchtigt ist, dass sich die Autos ständig stauen. Baustellen und die Verkehrsüberlastung sind die Ursachen der Misere. Eine kleine Entlastung wird vielleicht Stuttgart 21 bringen. Die Baustelle sieht man auch schon im rechten Luftbild am Autobahnrand.

Berühmt durch Bengel und Hölderlin

Eine lange Geschichte hat das Kloster Denkendorf. Durch einen Nachbau des Jerusalemer Grabs wollten die findigen Chorherren vom Heiligen Grab in Denkendorf einen einnahmeträchtigen Wallfahrtsort schaffen. Doch die Reformation stoppte diese Quelle abrupt. Nun hätte das Kloster wie viele andere verfallen können, aber ein glücklicher Zufall half. Es wurde zu einer kirchlichen Klosterschule. Der große Theologe Albrecht Bengel wirkte hier, und der nicht weniger berühmte Friedrich Hölderlin bekam seinen Unterricht in Latein und Theologie. Doch auch die Klosterschule wurde wieder geschlossen, und nach einer wechselvollen Geschichte musste sich das Kloster den neuen Anforderungen der Gesellschaft stellen. Gerade wird es zu einem Altersheim umgebaut. Bleiben wird die Klosterkirche. Sie ist eine der wenigen romanischen Basiliken in der Gegend und immer einen Besuch wert, besonders wenn man die Reise nach Jerusalem scheut.

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