In einem Industriegebiet in Esslingen ist am Donnerstag vom Werksgelände eines Unternehmens Öl in den Neckar geflossen. Zahlreiche Einsatzkräfte von Feuerwehr, Untere Wasserschutzbehörde und Wasserschutzpolizei versuchten, das Schlimmste zu verhindern.
Gegen 10 Uhr klingelte bei Esslingens Oberbürgermeister Matthias Klopfer das Telefon. In kurzen Sätzen schilderte die Feuerwehr „den Fall“: Aus einer Firma am Neckarufer sei Öl in einen Kanal geflossen. Dieser Kanal führte Wasser und Öl unmittelbar in den Neckar.
Da war die Feuerwehr bereits mit einem großen Aufgebot ins Industriegebiet Neckarwiesen ausgerückt. Zunächst versuchten die Einsatzkräfte den Zustrom des Öls in den Kanal zu stoppen. Eine weitere Sperre baute sie an der Stelle ein, wo das Öl in den Neckar floss. Damit nicht genug: Weitre Absperrungen folgten etwa zwei Kilometer flussabwärts. Das alles, „um eine Ausbreitung des Ölteppichs zu verhindern“, wie es seitens der Esslinger Stadtverwaltung hieß.
Eine Spezialfirma sollte das Öl an den Absperrungen absaugen. Doch mit wenig Erfolg: Die Strömung war offenbar zu stark, die Ölsperren konnten nach Informationen aus dem Rathaus den Ölteppich nicht aufhalten. Die Feuerwehr versuchten daher am späten Nachmittag mit der Unterstützung von zusätzlichen Einsatzkräften aus der Region das Öl mit einer weiteren Sperre in einen gesonderten Bereich der Schleuse Oberesslingen umzuleiten, um es dort abzusaugen.
Zudem wurden Luftbilder gemacht, um ein Bild zu gewinnen über die Größe des Ölteppichs und die Geschwindigkeit, mit der dieser Richtung Esslinger Innenstadt treibt. Über das Ausmaß des Unglücks gab es am Donnerstag noch keine konkreten Auskünfte. Die Polizei spricht von einer „größere Menge“ und einem Ölteppich „auf mehreren hundert Metern Länge“. Die Ermittlungen werden von der Wasserschutzpolizei Stuttgart geleitet.
Im Rathaus lebt die Hoffnung, dass das Unglück glimpflich ablief. „Wir sind erleichtert, dass wir durch das schnelle und professionelle Handeln aktuell Schlimmeres verhindern konnten“, sagte Oberbürgermeister Klopfer. Die Innenstadt sei nicht gefährdet, war aus dem Rathaus zu hören. Für die Bevölkerung bestehe keine Gefahr.
Einsatzbesprechung auf engstem Raum
Direkt am Ort des Geschehens gab es im Einsatzwagen der Feuerwehr auf engstem Raum eine permanente Einsatzbesprechung mit wechselnder Besetzung. „Das Öl ist über die Oberflächenentwässerung ins Wasser gekommen“, erklärte der Feuerwehreinsatzleiter Andreas Gundl. Offenkundig geriet das Ölgemisch in einen unterirdischen Kanal, durch den Regenwasser und das gesäuberte Wasser einer nahe gelegenen Kläranlage fließt. Bis zum Neckar ist es von dort nur ein kurzer Weg: Zwischen dem Firmengelände und dem Fluss liegen nur eine Industriestraße, ein Fußgänger- und Fahrradweg sowie ein schmaler grüner Streifen.
Die Untersuchungen, wie es zu dem Unfall gekommen ist, haben indes gerade erst begonnen. Ersten, aber nicht bestätigten Informationen zufolge kam das Öl aus einer Waschanlage, wo ölverschmutzte Behälter gereinigt werden.
Wie lange das Öl unbemerkt in den Neckar floss, ließ sich am Donnerstag noch nicht in Erfahrung bringen. Der Polizei zufolge bemerkte gegen 9 Uhr ein Angestellter der Firma, dass „aufgrund eines technischen Defekts Öl aus einer Vorrichtung austrat“. Das Unternehmen, von dessen Werksgelände mutmaßlich das Öl austrat, war bis in den späten Nachmittag nicht zu erreichen.
Das passiert in den nächsten Tagen
Wie das Esslinger Rathaus am frühen Nachmittag informierte, gibt es bereits konkrete Pläne, wie in den kommenden Tagen die Folgen des Unglücks eingedämmt werden könnten. Um die Uferbereiche vom Öl zu säubern, werde der Neckar an den Schleusen in Deizisau und Oberesslingen leicht aufgestaut. Am kommenden Dienstag soll das aufgestaute Wasser freigegeben werden. „Es entsteht dadurch eine Art Flutwelle, durch die die Uferbereiche gereinigt werden“, erklärte der Einsatzleiter Andreas Gundl. Dies sei mit der Unteren Wasserschutzbehörde abgestimmt.
Die Arbeiten dauerten über den gesamten Tag, selbst bei Einbruch der Dunkelheit waren noch zahlreiche Spezialfahrzeuge, das Einsatzfahrzeug der Feuerwehr und der Feuerwehreinsatzleiter Andreas Gundl vor Ort. Auf dem Werk wurden offenbar Kanäle gespült, zumindest führten Schläuche von Spezialfahrzeugen unter die Erde. An der Stelle, durch die das Öl in den Neckar kam, floss deutlich mehr Wasser als noch am Mittag. Der Ölteppich, der am Mittag dort noch zu sehen war, war verschwunden.
Zum Feierabendverkehr gab es hier und da etwas Stau. Einige Fahrer hupten erregt. Die Straße in dem Industriegebiet, die über eine Brücke auf die B 10 führt, wird stark von Lastwagen frequentiert.
Öl im Wasser
Unglück in Esslingen
Öl ist nicht gleich Öl, aber viele Öle sind giftige Substanzen. Welchen Schaden das Öl hinterlässt, das aus einem Betrieb in Esslingen in den Neckar geriet, ist noch unklar. Möglicherweise kam es durch das Auswaschen ölverschmutzter Behälter in das Oberflächenwasser und von dort in den Neckar.
Verunreinigung
In schlimmen Fällen kann ein einziger Tropfen Öl bis zu 1000 Liter Wasser verschmutzen. Zum Vergleich: In eine Badewanne passen rund 140 Liter. Öl gelangt oft auch von privater Hand unbeabsichtigt in den Wasserkreislauf, etwa beim Nachfüllen der Tanks von Rasenmähern und Kettensägen.
Katastrophen
Gemessen an den ganz großen Unglücken in der Welt sind die Folgen des Esslinger Unglücks sehr überschaubar. In Peru liefen beispielsweise 2022 fast zwei Millionen Liter Rohöl beim Entladen eines Tankers aus. Etwa 1400 Hektar Meer, Strände und Naturreservate wurden dadurch verschmutzt.