Seit 20 Jahren hilft Sabine Binder Familien, die aus dem Lot geraten sind. Ihr Ziel ist, dass sie nicht mehr gebraucht wird. Zu Besuch bei einer Alleinerziehenden, für die vor fünf Jahren viel auf dem Spiel stand. Wie es weiter ging, ist eine schöne Geschichte.
Eine Frau mit langen geflochtenen Zöpfen öffnet ihre Wohnungstür. Es ist 10.30 Uhr an einem Donnerstag. Sie hält ein Smartphone in der Hand und strahlt ihr Gegenüber an: „Ich muss Schluss machen, Frau Binder ist da“, ruft sie in ihr Telefon. Mabel Namakula winkt den Besuch in ihr Wohnzimmer. Schon sitzen sie sich wieder gegenüber – die Familienhelferin und die Alleinerziehende. Unter völlig anderen Vorzeichen als vor rund fünf Jahren, als Sabine Binder das erste Mal hier geklingelt hatte.
Damals traf die Sozialarbeiterin auf eine Frau, die nach eigenen Angaben „nichts mehr mit dem Jugendamt zu tun“ haben wollte. In die Wohnung war sie gerade erst eingezogen, es fehlte an vielem. Mabel Namakula war hochschwanger mit ihrem dritten Kind. Es ging ihr nicht gut. Sie stand unter Druck. Einen Monat später würde das Familiengericht entscheiden, ob ihre beiden Söhne in Obhut genommen werden. Das Jugendamt sah den Kinderschutz gefährdet.
Noch eine Trennung hätte sie nicht ertragen
Sie sei damals kurz davor gewesen, ihrem Leben in Deutschland und allem, was sie sich bereits aufgebaut hatte, den Rücken zu kehren, erzählt Mabel Namakula. Sie überlegte, mit ihren Söhnen in die Heimat zu fliegen. Als ihr Ältester ein Jahr alt war, hatte sie ihn in Uganda bei der Familie lassen müssen. Sie ging als Au-Pair zu einer deutschen Familie, kümmerte sich um deren Kinder. Als er sechs Jahre alt war, konnte sie ihren Sohn endlich zu sich holen. Noch eine Trennung hätte sie nicht ertragen.
So war die Situation, als die Familienhelferin bei ihr klingelte. Es habe „sofort gepasst“, sagt die 36-Jährige. Denn: „Frau Binder arbeitet mit Herz.“ Und auch die Familienhelferin hatte ein gutes Gefühl. Sie habe sehr viel Kapazität und Potenzial bei der Mutter gespürt. Ihre Erfahrung hat sie eines gelehrt: den Menschen immer mit Offenheit zu begegnen. „Wie sind Sie in diese Situation gekommen?“ Das fragt sie immer als Erstes, wenn sie in eine Familie kommt. Manche erzählten dann zwei Stunden lang. Auch Mabel Namakula hatte viel loszuwerden.
Es sei wichtig für Kinder, ihre eigene Geschichte zu verstehen
„Ich brenne wirklich für diesen Beruf“, sagt Sabine Binder beim Vorgespräch in ihrem Büro. Diesen Herbst sind es 20 Jahre, die sie als Familienhelferin arbeitet und zu Müttern, Vätern und weiteren Erziehungsberechtigten nach Hause geht, wenn das Jugendamt die Notwendigkeit zu Erziehungshilfe sieht. Momentan ist sie bei zehn Familien im Einsatz. Jeder könne in eine Lebenssituation kommen, „in der es nicht mehr funktioniert“. Nur wisse nicht jeder, wo man Hilfe bekommen kann. Chancen zu eröffnen und Familien zu stärken, empfindet sie als erfüllend. Natürlich gebe es auch Situationen, in denen es nicht reiche. Doch selbst da könne man Eltern in die Frage einbeziehen, wo ein guter Ort für das Kind sein könnte.
Seit sie ihren ersten Fall als Familienhelferin hatte, wollte Sabine Binder nichts anderes mehr machen: Ein fünf Jahre altes Mädchen sollte von ihren Großeltern in Pflege genommen werden, weil die Eltern sich nicht kümmern konnten. Doch plötzlich starb die Oma. „Wir haben es trotzdem gut hinbekommen, auch den Übertritt in die Grundschule“, erinnert sie sich. Es sei noch gar nicht lange her, da habe sie wieder Kontakt gehabt. Aus dem Mädchen ist die Mutter eines Kleinkinds geworden, die eine Frage quälte, weshalb sie sich auf die Suche nach ihr machte: „Warum konnte meine Mutter nicht gut für mich sorgen?“ Sabine Binder hat die alten Protokolle aus der Akte besorgt, und sie sind sie gemeinsam durchgegangen. Heute gestaltet sie in solchen Fällen für Pflegekinder Lebensbücher, in denen auch die leiblichen Eltern ihren Raum haben. „Es ist wichtig für Kinder, ihre eigene Geschichte zu verstehen“, sagt sie.
Der Vierjährige hatte noch keinen Kindergartenplatz
Jede Geschichte, jede Familie sei anders: Mal hat eine psychische Krankheit oder eine Suchterkrankung dazu geführt, dass ein Elternteil aus der Spur geraten ist. Mal ist das Kind selbst auffällig, hat zum Beispiel ADHS, was zu einer Überforderung führt. Mal sind die Wohnverhältnisse extrem belastend. Wie bei einer Familie mit sechs Kindern, bei der sie die Hilfe gerade abschließen konnte und die endlich umgezogen sei. Sie lebten zuvor in einer von Kakerlaken befallenen Dreizimmerwohnung ohne Heizung.
Bei Mabel Namakula waren es die Trennung vom Partner und ihre Wohnsituation damals noch in einer Notunterkunft, die zu einer Krise führten. Nachbarn verständigten das Jugendamt nach einem Streit „mit dem Papa“. Danach lief es erst mal verquer. Die Mitarbeiterin habe angenommen, sie lasse ihre Kinder alleine, erzählt die Mutter. Weil sie eine Arbeit im Einzelhandel hatte, der damals vierjährige Sohn aber keinen Kindergartenplatz. Es kam zu gravierenden Missverständnissen, zum Beispiel, als die Mitarbeiterin den älteren Sohn am Fenster sprach – die Mutter war arbeiten. Sie habe ihre Kinder nicht alleine gelassen, betont Mabel Namakula und schüttelt den Kopf. Es sei dann immer jemand aus ihrer Kirchengemeinde bei den Kindern gewesen.
„Du kannst alles schaffen, was Du willst“, schreibt die Praktikantin dem Sohn
Vier Wochen nach dem ersten Kennenlernen schrieb Sabine Binder einen ersten Bericht. Er fiel positiv aus. „Ich habe gesehen, dass sie ihre Kinder im Blick hat.“ Der Bericht ging auch ans Familiengericht. Das entschied: Die Kinder bleiben zu Hause, die Kinderschutzakte wird geschlossen.
Da konnte ihre Arbeit dann richtig losgehen: Fast drei Jahre stand Sabine Binder Mabel Namakula zur Seite. Alle drei Monate haben sie sich neue Ziele gesetzt. Zu Beginn haben sie jede Menge Anträge geschrieben, den Kitaplatz für den Zweitgeborenen organisiert, später den Krippenplatz fürs dritte Kind. Sabine Binder hat das Netzwerk der Alleinerziehenden vergrößert. Den ältesten Sohn vermittelte sie in ein Lernprojekt. Dem mittleren Sohn, der spät sprechen gelernt hat, stellte sie eine Praktikantin zur Seite. Inzwischen ist er in der dritten Klasse – „und top“, erzählt die Mutter stolz. Die frühere Praktikantin ist seine Patin.
Der älteste Sohn ist „Käpsele des Jahres“
Ihren Ältesten hatte dessen Grundschullehrerin auf der Hauptschule gesehen, wegen Sprachproblemen. Mabel Namakula hat sich für ein bilinguales Gymnasium entschieden. Der heute 16-Jährige hat sich selbst das Keyboardspielen beigebracht, ist Kapitän seiner Fußballmannschaft und wegen seiner guten Noten und seines Engagements 2022 als „Käpsele des Jahres“ ausgezeichnet worden. Pilot will er mal werden.
Kürzlich hat sie die Jugendamtsmitarbeiterin aus ihrem alten Bezirk zufällig wiedergetroffen. „Sie können so stolz auf sich sein“, habe diese gesagt. Das hat gutgetan. Auch Sabine Binder ist stolz auf die Familie, die ihr ans Herz gewachsen ist. Vor zwei Jahren hat sie die Hilfe beendet. Darum gehe es schließlich bei ihrer Arbeit. Dabei zu helfen, wieder loszukommen vom Amt. „Das ist ein Riesenkompliment, wenn man sagt: Du brauchst die Hilfe nicht mehr.“
Zahlen zur Familienhilfe und zu Inobhutnahmen
Zahlen
Um die 1000 Familien erhalten im Schnitt ambulante, sozialpädagogische Familienhilfe in Stuttgart – im Jahresvergleich sind die Zahlen stabil. Zum Stichtag 31. Dezember 2022 waren es laut Jugendamt 1078 Fälle und damit fast genauso viele wie 2021 (1051 Fälle). Zu Jahresbeginn lag die Zahl bei 1025 (960 in 2021) . Bei 661 Familien wurde die Hilfe im vergangenen Jahr beendet, bei 714 neu aufgenommen. In 2021 kamen 709 neue Familien hinzu, bei 618 wurden die Hilfen beendet.
Erziehungshilfe
Die Familienhilfe gehört zur Abteilung Erziehungshilfe des Jugendamts. Das Ziel ist, die Familien zu stärken. Aber klar ist: Nicht immer kann eine Inobhutnahme verhindert werden und nicht immer kann man die Familienhilfe abwarten. Die Inobhutnahmezahlen sind 2022 in Stuttgart massiv gestiegen. 1076 Aufnahmen waren zu managen (2021 waren es 658 ), darunter waren 457 aus Kinderschutzgründen. 619 minderjährige unbegleitete Geflüchtete wurden aufgenommen. vv