Herbert Renz-Polster hat sein neues Buch überschrieben mit dem Titel „Mit Herz und Klarheit“. Ende Februar ist es erschienen. Foto: Marco Mehl

Der Kinderarzt und Publizist Herbert Renz-Polster erklärt im Interview, was Kinder stark macht, wie Eltern ihnen Wurzeln und Flügel geben können – und warum wir bessere Betreuungseinrichtungen brauchen.

Er ist einer der bekanntesten Erziehungsexperten in Deutschland: Herbert Renz-Polster hat der bedürfnisorientierten Erziehung seinen Stempel aufgedrückt und fasst in seinem neuen Buch „Mit Herz und Klarheit“ seine grundlegenden Arbeiten zusammen. Dabei räumt er der Medienproblematik besonders viel Raum ein. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

 

Herr Renz-Polster, brauchen Eltern einen Erziehungsratgeber, um gute Eltern zu sein?

Das lässt sich nur mit Blick auf den Einzelnen beantworten. Und da ist es schon so, dass manche Eltern viele Fragen haben. Wir leben in einer Kultur, die nicht unbedingt per Osmose Elternschaft erlernt, wie es in anderen Teilen der Welt der Fall ist, wo du schon in der Kindheit durch ein beständiges Training gehst. Manche Eltern gehen gänzlich ohne Vorerfahrung in die Elternschaft. Und da tut es natürlich gut, einfach mal zu gucken: Was meinen denn die anderen dazu? Kann ich mich inspirieren lassen? Ich selber habe, als meine Frau schwanger wurde, auch gleich mal ein Buch gelesen, das mich damals total fasziniert hat.

Ihr Plädoyer gilt der bedürfnisorientierten Erziehung. Was genau bedeutet das für Sie?

Für mich ist das eine Erziehung, die sich an dem orientiert, was Kinder für eine gute Entwicklung brauchen. Und gute Entwicklung bedeutet, dass sie am Ende der Kindheit ihre Möglichkeiten entfalten können, dass sie gut im Leben stehen und gut gerüstet sind für alles Ungewisse, was da kommen mag. Ich richte mich also nach den Bedürfnissen der Kinder – so gut es geht.

Aber es geht nicht nur um die Bedürfnisse der Kinder, oder?

Genau, deshalb der Zusatz: „so gut es geht“. Das bedeutet, dass wir natürlich in jeder Beziehung auch das Gegenüber, das Ich und das Du und das Wir zusammenbringen müssen. Keiner darf auf der Strecke bleiben oder gar beschädigt werden. Es gibt eben auch die Familienbedürfnisse, du musst ja auch das Geld ranschaffen, der Laden muss laufen. Dein Kind muss sich wohlfühlen, aber du selbst musst es auch.

Sie sagen, Kinder brauchen Wurzeln und Flügel. Inwiefern?

Das ist mir total wichtig. Mir geht es um Balance. Die Kinder brauchen sowohl das eine als auch das andere – und jeweils viel davon. In der Geschichte der Erziehung gab es immer eine Schieflage. Man hat früher bei dem Nähebedürfnis unglaublich gespart und gesagt, das brauchen die Kinder gar nicht. Die müssen satt und sauber sein, und dann wachsen sie. Diese Kinder hatten gleichzeitig ganz viel Raum, um sich zu verwirklichen, zu spielen, draußen ihr Ding zu machen. Also viel Flügelraum. Doch sie hatten kaum Wurzelraum.

Dann ist es umgeschwungen, und man hat gesagt, die Kinder brauchen ganz viel Nestwärme. Bindung war die neue Begrifflichkeit, also gut funktionierende Beziehungen, damit sich Kinder wohlfühlen und Urvertrauen in die Welt aufbauen. Ein Fortschritt! Gleichzeitig haben sich die Kindheiten aber auch so gewandelt, dass die andere Seite, nämlich der Flügelraum, stärker eingeschränkt wurde – Stichwort: durchorganisierte Kindheiten. Kinder benötigen aber beides: ihre Wurzeln, ihre Verankerung in stärkenden, ermutigenden Beziehungen, eine Heimat. Und gleichzeitig auch die eigenen Erfahrungen, damit sie wachsen können, an dem, was sie tun, und in dem, was sie sein dürfen, also in ihrem Alltag.

Das ist eine Kritik an den Helikoptereltern, die behüten und jedes Spiel beaufsichtigen wollen.

Genau, aber den Begriff selber mag ich nicht, weil er aus einer Ecke vorgelegt wurde, in der selber helikoptert wurde. Und außerdem ist der Begriff verbunden mit einem pauschalen Vorwurf. Aber es stimmt natürlich, dass durch die Haltung „Ich geb meinem Kind alles an Beziehungen, aber ich lass mein Kind nicht seine eigenen Erfahrungen machen“ dann dieses Ungleichgewicht entsteht. Wir als Eltern dürfen eben nicht nur Heimatgeber, sondern müssen auch Ermöglicher sein.

Das sagen Sie auch mit Ihrem Bild vom vierblättrigen Kleeblatt.

Ja, das ist ein Symbolbild für diese Balance. Es ist für mich ein Sinnbild für die grundlegenden Fragen oder Bedürfnisse unserer Kinder: Sie wollen sich sicher fühlen, sie wollen Anerkennung haben und sie wollen zugehörig sein. Drei grundlegende Bedürfnisse. Wenn wir darauf gut eingehen können, dann entsteht bei dem Kind ein Gefühl von Ganzheit. Das sind für mich die Heimatblätter. Das vierte Blatt – das ich auch gerne als Glücksblatt bezeichne – ist die Forderung des Kindes nach: „Lass mich tun, lass mich machen, lass mich sein, gib mir Orientierung, damit ich das schaffe!“ Dieses Glücksblatt brauchen die Kinder eben auch! Die Heimat ist ein Raum, wo ich mich wohlfühlen kann. Aber das ist ja kein Selbstzweck, das ist eigentlich eine Ermutigung. Das Kind nutzt diese, um einzudringen in die Welt, sich daran zu reiben und zu wachsen.

Was neu reinkommt in dieses Bild vom vierblättrigen Kleeblatt ist die Mediennutzung. Warum ist Ihnen gerade dieses Thema wichtig?

So neu ist das Thema nicht, früher haben Eltern auch schon geklagt, zum Beispiel über das Fernsehen. Aber es ist noch schärfer geworden, weil die Sogwirkung der Bildschirmmedien mit dem, was dahinter an Maschinerie steht, um Kinder zu fesseln, um alle Menschen zu fesseln, ist ja viel stärker geworden. Wir wissen, dass Kinder an zu viel inhaltlich minderwertigem, passivem und hoch dosiertem Medienkonsum in ihrer Entwicklung scheitern können, egal ob sie eine gute Grundlage haben oder nicht.

Aber Sie wollen Eltern keine Tipps geben, was sie in dieser Beziehung tun sollen.

Doch, ich formuliere das klar aus, das Medienkapitel ist das längste Kapitel im ganzen Buch. Natürlich leuchte ich den Hintergrund aus, warum es für die Kinder so schwer ist, mit den Medien umzugehen, und auch, wie die heutige Medienwelt aufgebaut ist. Vielen Eltern ist ja gar nicht klar, dass das Internet nichts mehr mit der Welt zu tun hat, in der sie aufgewachsen sind. Und natürlich leite ich Hinweise ab, wie du mit deinem Kind die Balance halten kannst. Zum Beispiel die Frage: Ab wann ist ein Handy gut? Aber sicher ist meine Antwort jetzt nicht: ab dem und dem Alter. Das geht nicht, gerade bei den Medien geht es nicht.

Wie genau meinen Sie das?

Jedes Kind ist anders, du begleitest ja DEIN Kind und nicht irgendeines. Und die Medienfrage ist vielleicht die hohe Schule von dem, was ich unter Begleitung „mit Herz und Klarheit“ verstehe. Mit Herz: also dass wir in der Familie Vertrauen und Verbundenheit pflegen. Und Klarheit: dass wir den Kindern auch den Weg weisen können, weil sie manche Wege noch nicht einschätzen können. Damit das gelingt, muss ich als Elternteil von Anfang an wissen, dass ich gegenüber meinem Kind auch „Nein“ sagen darf – aber eben mit Herz und Klarheit. Also so konstruktiv wie möglich. Ich glaube das wird manchmal falsch eingeordnet: Bedürfnisorientierung heißt nicht, immer nur Ja und Amen zu sagen, auch das Nein gehört dazu. Aber eben auf das Wie kommt es an.

Neinsagen ist erlaubt, und was ist mit Schimpfen?

Das ist auch wieder so eine typische Frage. Pauschal kann man das nicht beantworten. Wenn ich schimpfe, zeige ich meine Emotionalität – und ja, das darf ich. Wie anders sollen Kinder die Welt der Emotionen kennenlernen, wenn sie nur mit Leuten zu tun haben, die wie Heilige agieren? Du bist Mensch, du hast deine roten Knöpfe, natürlich zeigst du deine Emotionen, und du setzt damit ja auch eine klare Grenze. Du zeigst etwa: Du verletzt mich, so geht es nicht. Doch Schimpfen kann auch ein Machtinstrument sein, das wir einsetzen, um den Kindern Angst zu machen und auf unsere Spur zu bringen. Das entwurzelt und entwertet. Diese Angstkultur war typisch für die frühere Erziehung. So furchtbar für beide Seiten.

Und wenn Eltern beim Schimpfen doch mal zu weit gehen?

Für mich geht es in der bedürfnisorientierten Erziehung darum, wie wir einen Grundton bewahren können, den alle okay finden. Und ja, den vermasseln wir manchmal, dann müssen wir ihn neu stimmen. Und dazu gehört, wenn was missglückt ist, dass du auch um Wiedergutmachung bemüht bist, dass du dich entschuldigst, dass du drüber reden kannst und dass du dazulernst.

Kindererziehung findet auch viel in Krippe, Kita, Hort und Schule statt. Da nutzt es doch nichts, wenn nur die Eltern zu Hause ein Gleichgewicht zwischen Wurzel- und Flügelraum herstellen.

Die Kindheit ist heute eine institutionalisierte Kindheit. Und da finde ich, wenn wir das Kleeblatt, die Balance, ernst nehmen, wurden wir ein bisschen beschissen. In den Familien haben wir Land gewonnen. Und dann schieben wir aber die Kinder in Bildungseinrichtungen, die oft noch auf einem Boden von vor zwei Generationen stehen. Wir aber dürfen nicht stehen bleiben. Wir müssen auch politisch denken und sagen: Nee, so funktioniert das nicht, wir brauchen bessere Institutionen. Es gibt gute Institutionen, aber lasst uns die in die Breite bringen. Und da darf man ruhig auch Forderungen stellen.

Grundlegende Arbeiten zur kindlichen Entwicklung

Zur Person
Herbert Renz-Polster, Jahrgang 1960, ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Publizist. Bekannt wurde er nicht nur mit seinen Büchern, sondern auch mit seinen Kolumnen im „Zeit-Magazin“, in der Zeitschrift „Eltern“ und im „Familien-Trio“ der „Süddeutschen Zeitung“. Auf seinem Blog www.kinder-verstehen.de finden sich Hunderte von Artikeln zur kindlichen Entwicklung und zu aktuellen Fragen rund um Erziehung und Gesellschaft. Auf Instagram hat er eine viel besuchte „Diensttagssprechstunde“ eingerichtet, in der er Fragen von Eltern beantwortet.

Zum Buch
In seinem neuen Buch „Mit Herz und Klarheit. Wie Erziehung heute gelingt und was eine gute Kindheit ausmacht“ fasst Herbert Renz-Polster seine grundlegenden Arbeiten zur kindlichen Entwicklung zusammen. Es ist Ende Februar im Verlag Piper erschienen, hat 432 Seiten und kostet 22 Euro.