In Stuttgart gibt es so viele Kleinkinder wie lange nicht mehr. Doch bis zu 200 Kitastellen sind unbesetzt. Die Häuser müssen mitunter lang auf neue Erzieherinnen warten. Foto: dpa

Keine Resonnanz aufs Bewerbungsschreiben? Ablehnung trotz Bestnote? So lautet die Kritik von Bewerbern um eine Erzieherinnenstelle. Die Stadt verteidigt ihr Auswahlverfahren und setzt auf Verbesserungen.

Stuttgart - Eine 50 Jahre alte Frau will beruflich umsatteln und bewirbt sich um einen praxisintegrierten Ausbildungsplatz (Pia) als Erzieherin bei der Stadt Stuttgart. Sie hat die Zusage einer Fachschule in der Tasche. Doch vom Jugendamt bekommt sie eine Absage: „Bedauerlicherweise müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihre Bewerbung nicht zum Zuge kam. Wir wünschen Ihnen für Ihren weiteren Lebens- und Berufsweg alles Gute.“

Die Absage kam für die Frau, die ihren Namen nicht öffentlich äußern möchte, angesichts des Erzieherinnenmangels ebenso überraschend wie für eine 47 Jahre alte Frau, die der Werbung um den Wiedereinstieg in den Beruf gefolgt und ebenfalls abgelehnt wurde. „Ich habe es bis heute nicht verstanden“, schreibt sie, „zeitgleich hat man verzweifelt versucht, Fachkräfte aus dem Auslandanzuwerben, und ich stand da mit meinem super Abschluss (1,8), meiner Lust zu arbeiten und meinem Hartz IV“.

8000 Bewerber pro Jahr

Lange Bearbeitungszeiten, unbegründete Ablehnungen – „darüber klagen Neueingestellte bei der Begrüßungsveranstaltung der Stadt immer wieder“, bestätigt die Jugendamtsleiterin Susanne Heynen, „das ist natürlich nicht in unserem Interesse“.

Jedes Jahr bewerben sich durchschnittlich rund 8000 Menschen um eine Tätigkeit im Jugendamt, davon 400 Bewerber um Arbeit in Kitas. Hinzu kämen jährlich 90 Pia-Bewerber und 50 Mal eine Vermittlung in Anerkennungspraktika für Schüler, die die dreijährige Fachschule bereits hinter sich haben. Heinrich Korn, Stellvertreter im Jugendamt Amt, plädiert dabei fürs „vorher sortieren statt kündigen in der Probezeit“.

Die genaue Prüfung der Qualifikation braucht Zeit und folgt im Jugendamt genauen Abläufen. Nach Schilderung Korns lade das Amt innerhalb von zwei Wochen zum Gruppengespräch ein. „Eine Erzieherin soll und muss mit klarem Blick und klarer Linie mit Eltern kommunizieren. Gleichzeitig muss sie in einem Team klarkommen. Da hilft es nicht, wenn nur ein Teil erfüllt ist“. Passt alles, suche man gemeinsam nach einer passenden Kita für ein Vorstellungsgespräch. An dieser Stelle räumt er Verzögerungen ein: lange Wartezeiten bis zu einem Vorstellungstermin in der Kita, langer Neudurchlauf, wenn Bewerber und Kita nicht zueinander passen, schnellere Abläufe auch in Krankheitsfällen – „das wollen wir verbessern“, so Korn.

Der Personalrat des Jugendamts, der jährlich 2500 Personalentscheidungen prüfen und zustimmen muss, hält das System für „relativ gut funktionierend“; „Ich bekomme mehr Infos darüber, was geklappt hat, als über Misserfolge“, sagt der Vorsitzende Martin Agster. Allerdings wünsche er sich die Modernisierung der Technik: „Wir arbeiten mit Feuerstein und Papyrus.“

Es gibt weitere Unwägbarkeiten, worauf die Beteiligten, das Jugendamt und Fachschulen zur Erzieherinnenausbildung keinen Einfluss haben. Einem Auszubildenden mit einem Lehrvertrag wird automatisch ein Schulplatz in der Berufsschule zugewiesen. Die Pia-Erzieherinnen hingegen müssen zwei getrennte Bewerbungen für die Schule und die Praxisstelle abgeben. „Wir erteilen Bewerberinnen und Bewerbern, die die formalen Voraussetzungen für die Ausbildung erfüllen und die uns geeignet erscheinen, eine vorläufige Schulplatzzusage. Sobald ein Praxisplatz nachgewiesen wird, wird die vorläufige Zusage in eine definitive Schulplatzzusage umgewandelt“, schildert Birgit Deiss-Niethammer, die Leiterin der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in Botnang, wie dort das Problem gelöst wird.

Koordinationsprobleme zwischen Trägern und Schulen

Michael Klebel, Leiter der Katholischen Fachschule für Sozialpädagogik, erlebt die Realität ebenfalls anders, als es die Landesverordnung vorsieht. „Im Jahr 2017 mussten wir eine zweite Klasse für Pias aufmachen, weil Stuttgart und die freien Träger, zeitlich versetzt, ihre Pia-Stellen aufgestockt haben.“ Das Jugendamt ist mittlerweile nicht nur mit den drei großen traditionellen Stuttgarter Fachschulen in Kontakt, sondern mit zehn von inzwischen 25. „Die haben keinen Dachverband. Wir wissen oft nicht, in welcher Zeit dort die Auswahl der Schüler stattfindet“, sagt Korn. Die Schulen hätten eine jährliche große Runde vorgeschlagen. „Wir wollen 2019 klarere Absprachen treffen“, so Korn.

150 bis 200 offene Stellen gibt es laut Korn zurzeit in den Kitas, 520 Plätze konnten aus Fachkräftemangel nicht belegt werden (Stichtag 31. März 2017). 460 Bewerbungen gingen zuletzt auf die 90 Pia-Plätze bei der Stadt ein. „Da gibt es Absagen und Enttäuschungen“, so Korn. Trotzdem „müssen wir uns mit einer besseren tarifliche Eingruppierung der Pias beschäftigen, mit neuen Förderstrukturen und Hilfen zur Personalgewinnung für kleine Träger.“

Isabel Fezer, Bürgermeisterin für Jugend und Bildung, will laut Korn noch vor der Sommerpause eine Vorlage zum Themenbereich Kitas, Betreuung und Personal im Jugendhilfeausschuss einbringen.

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