Ein kleines Loch markiert den Durchbruch beim Tunnelbau in Oberboihingen. Foto: Ines/ Rudel

Auf Drängen des Landes sind die Stuttgart-21-Pläne bei Wendlingen geändert worden. Statt nur eines Tunnels sind dort zwei Röhren gebaut worden. Die Mineure haben nun ein wichtiges Etappenziel erreicht.

Tunnelbauer haben am Dienstag ein weiteres Mosaiksteinchen im komplexen Schienenpuzzle fertiggestellt, das im Rahmen von Stuttgart 21 entsteht. Bei Oberboihingen (Landkreis Esslingen) feierten sie den Abschluss der Vortriebsarbeiten eines rund 660 Meter langen Tunnels, der zur sogenannten Großen Wendlinger Kurve gehört. Im Neckartal entsteht eine Verknüpfung zwischen der Neubaustrecke Stuttgart-Ulm und der bestehenden Bahnstrecke Plochingen-Tübingen. Die neu geschaffene Verbindung kommt – einmal in Betrieb – vor allem dem Regionalverkehr zwischen Tübingen und Reutlingen auf der einen und dem Stuttgarter Flughafen und dem neuen Stuttgarter Hauptbahnhof auf der anderen Seite zu Gute.

 

Ursprüngliche Pläne geändert

Ursprünglich war diese Verknüpfung nur eingleisig in den Stuttgart-21-Plänen vorgesehen. Experten erkannten darin einen Flaschenhals, weil Züge in verschiedene Richtungen dasselbe Gleis hätten benutzen müssen und auch das Ein- und Ausfädeln aus der Schnellfahrstrecke Richtung Stuttgart Gegenverkehr verursacht hätte. Eine Ansicht, der sich auch Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) schon früh in der Diskussion anschloss. Auf Drängen des Landes plante die Bahn schließlich um. Aus der eingleisigen „Kleinen Wendlinger Kurve“ wurde die zweigleisige „Große Wendlinger Kurve“. Seit 2019 wurde daran gebaut. Insgesamt sind damit für Stuttgart 21 im Talkessel, auf den Fildern und im Neckartal mehr als 59 Kilometer Tunnel gebaut worden.

Komplexes Bahnbauwerk im Neckartal bei Wendlingen Foto: Krause

Beim symbolischen Tunneldurchschlag erinnerten verschiedene Redner an die wechselvolle Planungsgeschichte des Bauwerks. Michael Pradel, technischer Geschäftsführer der Bahn-Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm wies auf die gerade einmal 1722 Tage hin, die zwischen der Unterzeichnung der Absichtserklärung und dem Tunneldurchschlag vergangen seien. Diese vergleichsweise kurze Zeit zur Realisierung eines größeren Bauvorhabens könnte „beispielhaft auf Bundesebene sein, was möglich ist, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen“. Wohl noch rund ein Jahr nimmt der Ausbau der Röhre zu einem fertigen Bahntunnel in Anspruch.

Land will Regionalverkehr stärken

Peter Morhard, der im baden-württembergischen Verkehrsministerium für Schienengroßprojekte, den Schienenknoten Stuttgart und die Digitalisierung der Schiene zuständig ist, zeigte sich zufrieden, dass mit der Großen Wendlinger Kurve „eine gute Ergänzung des Projekts Stuttgart 21 gelungen ist“. Es wäre mehr als schade gewesen, „wenn hier ein Flaschenhals zementiert worden wäre“. Der nun entstandene großzügigere Ausbau der Wendlinger Kurve diene auch dem vom Land ausgegebenen Ziel, die Fahrgastzahlen im Regionalverkehr zu verdoppeln. „Durch den Ausbau ist die Wendlinger Kurve fit für die Verkehrswende“.

Das Land greift für diese zusätzliche Planung ebenso in die Tasche wie die Regionalverbände Stuttgart und Neckar-Alb. Die Zuschüsse der letzteren sind gedeckelt. Bei Vertragsabschluss standen Kosten von 40 Millionen Euro im Raum. Eine Summe, die kaum ausreichen dürfte. Wie hoch die Endabrechnung ausfallen wird, konnte oder wollte keiner der am Bau Beteiligten bei der Durchschlagsfeier sagen.

Weniger Geld als vielmehr Nerven hat der Bau die unmittelbaren Nachbarn gekostet, die sich über Jahre hinweg mit dem Lärm und dem Dreck der Baustelle haben arrangieren müssen. Einen besonderen Dank für den bewiesenen Langmut gab es daraufhin von Oberboihingens Bürgermeister Ulrich Spangenberg. Der Rathaus-Chef erinnerte die Vertreter der Bahn auch daran, dass zwar mit der Wendlinger Kurve die Verbindung nach Stuttgart besser werde, das Neckartal aber mit der Inbetriebnahme von Stuttgart 21 die schnelle Regionalzugverbindung Richtung Alb und Ulm zu verlieren drohe. Spangenberg hofft auf ein Umdenken bei der Bahn.

Wann geht das Ganze in Betrieb?

Bleibt abzuwarten, wann tatsächlich auch die ersten Züge über die neue Infrastruktur rollen. Peter Morhard baut auf das Jahr 2026, am Rande der Feierlichkeit machte aber auch die Zahl 2025 die Runde. Die Wendlinger Kurven können erst in Betrieb genommen werden, wenn in Stuttgart der Durchgangsbahnhof fertiggestellt ist. Vor allem dessen Ausrüstung mit der digitalen, europaweit standardisierten Sicherungstechnik ETCS macht der Bahn zu schaffen. Hinter den Kulissen wird im Konzern kontrovers darüber diskutiert, ob für eine Übergangszeit eine technische Zwischenlösung in Frage kommt, um den angestrebten Eröffnungstermin im Dezember 2025 einzuhalten. Bei einem Gespräch mit Bahninfrastrukturvorstand Berthold Huber will sich Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) am Donnerstag auf den neusten Stand in Sachen Inbetriebnahmeplanung bringen lassen.