Zu den Angeboten in der Volkshochschule gehört auch Chinesisch Foto: Stollberg

Bei der Weiterbildung sind die Baden- Württemberger aktiver als andere. Im ersten Teil unserer vierteiligen Serie beleuchten wir, was Menschen motiviert oder auch an Weiterbildung hindert.

Stuttgart - Zweimal wöchentlich besucht Silvia Fetzer vormittags die Frauenakademie an der Volkshochschule Stuttgart. Dienstags beschäftigt sie sich mit Literatur, donnerstags geht es um das Thema Geschlecht und Sprache – etwa um Muttersprache und Gefühlssprache. „Ich brauche das als Ergänzung zu meiner beruflichen Arbeit“, erzählt die Fremdsprachenkorrespondentin. „Dort kann ich meinen Bildungshunger stillen, mir etwas Gutes tun.“

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Persönliche und berufliche Weiterbildung gehören für die 54-Jährige schon immer zu ihrem Leben. In früheren Jahren besuchte sie unter anderem Kurse für Yoga, Kunst, Sprachen oder Kochen – solange die Kinder klein waren, ging das nur abends. Jetzt kann sie sich die Zeit frei einteilen. Als ihr Mann vor einigen Jahren eine Firma übernahm, lernte sie noch Buchhaltung. „Aber ich hatte auch das Bedürfnis, meinen Kopf nicht nur mit Beruflichem zu füllen, sondern über den Tellerrand zu blicken, mich mit anderen Menschen auszutauschen“, sagt sie.

Bei der Weiterbildung sind die Baden-Württemberger im Bundesvergleich relativ rege. Nach einer Studie von TNS Infratest im Auftrag des baden-württembergischen Finanz- und Wirtschaftsministeriums nehmen in Baden-Württemberg 57 Prozent der 18- bis 64-Jährigen jährlich an mindestens einer Weiterbildung teil, in Deutschland insgesamt sind es 49 Prozent. 2007 waren es nur 46 Prozent. Zwei Drittel der Teilnehmer besuchen eine betriebliche Weiterbildung, jeder zehnte eine individuelle berufsbezogene Weiterbildung, ein Fünftel nimmt „mehr aus privaten Gründen“ an entsprechenden Veranstaltungen teil.

Die Motive für die Weiterbildung sind vielfältig: Mehr als die Hälfte erwarten, „persönlich zufriedener zu sein durch mehr Wissen und Können“, ihre berufliche Tätigkeit besser ausüben zu können und die beruflichen Chancen zu verbessern. Jeder Vierte nahm teil, weil er dazu verpflichtet wurde. Die Studie zeigt auch, dass Personen mit mittlerer und höherer Bildung sich mehr weiterbilden als diejenigen mit einem niedrigen Bildungsstand.

Menschen, die nicht an Weiterbildungen teilnehmen, sehen zumeist auch keinen Bedarf dafür. Teilweise geben sie auch an, dass die Zeit dafür fehlt, dass die Kurse zu teuer sind oder sie zu alt dafür.

Gerade diese will die Landesregierung verstärkt gewinnen. „Gemeinsam mit Weiterbildungseinrichtungen, Arbeitgebern und Gewerkschaften und anderen Partnern arbeiten wir an Strategien, wie wir vor allem bildungsbenachteiligte Menschen besser erreichen können“, sagt Kultusstaatssekretärin Marion von Wartenberg. „Im Fokus unserer Arbeit steht die persönliche Entwicklung des Einzelnen.“ Dabei soll das neue Landesnetzwerk Weiterbildungsberatung helfen. Zudem hat Grün-Rot die Zuschüsse für die Weiterbildung schrittweise angehoben, von rund 12 Millionen Euro im Jahr 2012 auf 24,4 Millionen 2016. In der vergangenen Woche hat der Landtag außerdem ein Bildungszeitgesetz verabschiedet.

Die Volkshochschulen wollen die Angebote für diejenigen ausbauen, die bisher wenig Zugang zur Bildung haben. „Erste Versuche mit aufsuchender Bildungsarbeit zeigen Erfolge“, sagt Dagmar Mikasch-Köthner, Direktorin der Volkshochschule Stuttgart.Dazu gehören beispielsweise Kurse in benachteiligten Stadtteilen oder Lerncafés – und eine enge Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen vor Ort.

Einen solchen Kurs besucht auch Masoud. Der 23-Jährige, der aus dem Iran fliehen musste, lernt derzeit Deutsch – 16 Stunden pro Woche. Sein Ziel ist es, möglichst rasch so gut lesen und sprechen zu können, dass er ein Studium beginnen kann, erzählt er. Am meisten interessieren ihn Mathematik und Physik. Das waren schon immer seine stärksten Fächer.

Tipps zur Suche nach passenden Angeboten

Für die Weiterbildung gibt es unterschiedliche Ansprechpartner im Land. Die allgemeine Weiterbildung liegt in der Verantwortung des Kultusministeriums, die berufliche in der des Finanz- und Wirtschaftsministeriums.

Größter Bildungsanbieter sind die Volkshochschulen mit landesweit 173 Zentralen und 732 Außenstellen. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes nahmen 2013 rund 1,27 Millionen Personen an Kursen und Lehrgängen teil, weitere 506 700 an Einzelveranstaltungen und Vortragsreihen.

Die evangelischen und katholischen Einrichtungen für Erwachsenen- und Familienbildung verzeichneten 2013 insgesamt 681 300 Teilnehmer an Kursen, Lehrgängen und Seminaren, weitere 1,89 Millionen an Einzelveranstaltungen und Vorträgen.

Kurse zur beruflichen Weiterbildung bieten unter anderem die Industrie- und Handelskammern, die Handwerkskammern und die Gewerkschaften an.

Dazu kommen viele privaten Anbieter im allgemeinen und beruflichen Bereich. Einen Überblick bietet die Internetseite des ­Bündnisses für lebenslanges Lernen, dem Ministerien, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Kirchen und andere Einrichtungen angehören, im Internet (http://www.fortbildung-bw.de/buendnis-fuer-lebenslanges-lernen/buendnisarbeit)

Informationen über berufliche und allgemeine Weiterbildungsmöglichkeiten in den einzelnen Regionen bietet das neue Landesnetzwerk Weiterbildungsberatung an. Bisher haben sich rund 100 Einrichtungen angeschlossen, die Interessierte kostenlos informieren und beraten. Informationen gibt es im Internet (www.lnwbb.de)

Wie in vielen anderen Ländern haben künftig auch Beschäftigte in Baden-Württemberg einen Anspruch auf bezahlte Bildungszeit. Sie können sich bis zu fünf Tage pro Jahr freigestellen lassen, um Kurse zur beruflichen oder politischen Weiterbildung oder Qualifizierungsmaßnahmen im ehrenamtlichen Bereich zu besuchen. Diese müssen in anerkannten Bildungseinrichtungen stattfinden. Die Regelung gilt nur für Unternehmen mit mindestens zehn Mitarbeitern.

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