Der Fellbacher Autor Joachim Güntner hat seinen ersten Roman veröffentlicht – und spart nicht mit kriminalistischen Fährten. Zum Personaltableau gehören attraktive Frauen und gehörnte Ehemänner, um ihre Existenz fürchtende Baulöwen, depressive Anwälte sowie scharfsinnige Kommissare, die einen Mord aufklären.
Immer diese Entscheidungen: Stehe ich nun diese enorm anstrengende Trennung vom mittlerweile langweilig gewordenen Partner bis zum bitteren Ende durch? Oder muss ich wohl oder übel in den ganz sauren Apfel beißen, was womöglich mit dem Schlimmsten endet und aufs Ableben hinausläuft – sei’s das eigene oder das des Partners?
Attraktive Lady mit Scheidungsabsichten
Dieses Dilemma ist die Konstellation für mehrere Beteiligte im ersten Roman des Fellbacher Autors Joachim Güntner, der dieser Tage unter dem treffenden Titel „Lieber geschieden als tot“ erschienen ist. Darin geht es um Georg, einen einst gefürchteten Staatsanwalt, der seine zwischenzeitlichen Depressionen zu überwinden hofft. Es geht um Carmen, eine attraktive Lady mit Scheidungsabsichten und um Stefan, ihren neuen Lover, der sich als Frauenverwöhner versteht, was aber seine Fähigkeiten deutlich überfordert und Kapriolen verursacht. Als sich die Lebenswege des Trios kreuzen, wird’s brenzlig – und ganz schön blutig.
Treffen mit Tanja Höfligers Fabulus-Verlag auf der Buchmesse
Eine Entscheidung, wenn auch nicht in der existenziellen Tragweite wie bei seinen Figuren, hat auch der Autor selbst vor einigen Jahren getroffen. Von 1997 an war der in Hannover aufgewachsene Güntner, der später in Leipzig lebte, 20 Jahre der für Deutschland zuständige Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung. 2016 kam er auf der Leipziger Buchmesse am Stand des Fellbacher Fabulus-Verlags mit dessen Leiterin Tanja Höfliger zufällig über den autobiografischen Bericht eines Junkies ins Gespräch. Der Autor war Dominik Forster, ein junger Mann, der wegen der Drogen im Knast gesessen hatte und ins rauschgiftfreie Leben zurückfand, was ihm gar nicht leicht gemacht wurde.
Güntner brachte das Manuskript aus dem Drogenmilieu in veröffentlichungsreife Form, woraus sich eine kontinuierliche Zusammenarbeit entwickelte, weshalb er 2018 selbst nach Fellbach zog. Seinen Job bei der NZZ gab er auf und legte bei Fabulus als Lektor einen Neustart hin – der Verlag mit Sitz im Fellbacher Bruckwiesenweg kommt auf so ein halbes Dutzend Veröffentlichungen pro Jahr. Auf diese Weise konnte Güntner auch den dauernden Termindruck einer Tageszeitung hinter sich lassen.
In den Jahren davor hatte er mit zahlreichen, äußerst lesenswerten und stets mit geschliffener Ironie formulierten Essays und Beiträgen, die auch in der Stuttgarter Zeitungen erschienen, auf sich aufmerksam gemacht. Er schrieb über Franz Kafka und das Literaturarchiv Marbach, über den deutschen Terrorismus und das „Phänomen RAF“, über Bibliotheken und Bücherregale, über Begräbnisrituale, das hiesige Theater in der Dauerkrise, die merkwürdige Karriere des Wortes „Opfer“ oder im September 2009 in einer Glosse über „Winnetous vergessenen Todestag“ mit der köstlichen Diagnose: „Vorgestern vor 135 Jahren traf ihn eine feindliche Kugel in die rechte Lunge.“
Köstliche Abhandlung über „Winnetous vergessenen Todestag“
Mit dem Wechsel nach Fellbach hatte er aber die Zeit und Muße („die Luft war da“, wie er es formuliert), nach den Sachbüchern nun mit 63 Jahren etwas Erzählerisches zu wagen – was zu „Lieber geschieden als tot“ führte. Schließlich heißt es ja oft und wohl nicht zu Unrecht, dass viele Journalisten davon träumen, einmal in ihrem Leben ein großes belletristisches Werk zu veröffentlichen.
Güntners Ziel, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion im heimischen Wohnzimmer erläutert: „Ich wollte keine große Kunst liefern, nichts Hochliterarisches, sondern intelligente Unterhaltung.“ Die Charaktere sollten stimmig sein, die Dialoge auch. „Das Psychologische war mir ebenso wichtig wie die Handlung.“
Ziel des Schriftstellers war „ein kurzweiliges Buch“
Im Journalismus lerne man ja, sich bündig auszudrücken. Dies rage vermutlich auch in sein belletristisches Schreiben hinein. „Mein Roman hat keine Längen“, urteilt er selbst, „es ist ein kurzweiliges Buch – jedenfalls soll es das sein.“
Grundsätzlich gebe es ja zwei Möglichkeiten, wie ein Autor seine Geschichte baue: „Wird sie geplottet, mache ich also sozusagen einen Entwurf wie am Reißbrett, lege die Handlung bis in Details hinein fest, baue eine ordentliche Gliederung und setze das dann um.“ Oder man habe nur ein paar Grundideen und lasse das Ganze wachsen, Kapitel um Kapitel. „Lieber geschieden als tot“ ist für Güntner so ein organisch gewachsener Roman. „Von manchen Figuren wusste ich anfangs nicht, dass es sie geben würde. Ebenso wenig, welches starke Gewicht sie bekommen.“
Ein Roman aus der Mitte der Gesellschaft
„Lieber geschieden als tot“ vereinigt mehrere Genres: Das Buch beginnt als Gesellschaftsroman und wird dann zum Krimi. Es ist ein Ehe- und Scheidungsroman, eine Liebes- und Mordgeschichte. „Und ich wollte keine Außenseiter als Hauptfiguren, keine schrägen Vögel, sondern einen Roman aus der Mitte der Gesellschaft.“
Realismus sei ihm „sehr wichtig“ gewesen, sagt Güntner. Etwa bei den Themen Scheidung und U-Haft, die im Roman vorkommen. Hier konnte er von seinen journalistischen Erfahrungen zehren: Drei Gefängnisse hat er als Redakteur von innen gesehen, dazu kamen Infos aus Häftlingsberichten und Erzählungen. „Ich weiß jetzt auch, wie öde die U-Haft ist. Man stellt sich ja immer vor, der Strafvollzug sei schlimmer. Aber das Gegenteil ist der Fall.“
Wie geht es mit dem Täter nach der Verhaftung weiter?
Die Leser können im Buch auch neue Dinge erfahren – etwa über juristische Aspekte einer Scheidung und des Güterausgleichs. „Oder über das Knastleben: Viele Kriminalgeschichten hören ja mit der Verhaftung des Täters auf. Bei mir können sie lesen, wie es danach mit dem Verhafteten weitergeht.“
Der Klappentext verrät: Es handelt sich um „eine Liebes- und Mordgeschichte“. Es gibt also mindestens eine oder einen Verblichenen. Keine natürliche Todesfolge demnach – eine Diagnose, wie man sie durch wöchentlich circa 20 neue Sokos, Polizeirufe und Tatorte im deutschen TV kennt.
Und wer war’s nun? Wer hat das Opfer am Hals gewürgt oder das Messer gezückt, den Revolverabzug betätigt? Die genaue Todesursache soll hier nicht verraten werden. Güntner seziert die Schwächen seiner Figuren gnadenlos, offenbart ihre dunklen Seiten und abgründigen Gedanken, streut pikante Stellen ein, vollzieht in seinem Roman unverhoffte Wendungen, sodass man als Leser zwischenzeitlich jedem der Verdächtigen oder noch nicht Verdächtigen die Tat zutraut und rätselt, auf wen es denn hinausläuft.
Wer letztlich den Mord begangen hat, offenbart Güntner im Gespräch natürlich nicht, das erfordert schon die Lektüre seines durchweg flott geschriebenen Gesellschafts- und Scheidungsromans – den der Autor aber offenbar bewusst nicht als reinen Krimi verstanden haben möchte.
„Dies ist nicht meine Scheidung“
Und Güntner verrät in diesem Vormittagsinterview in Fellbach auch nicht, wie viel reales Leben in dieser Fiktion enthalten ist, wie stark der biografische Anteil ist, ob in die eine oder andere rosenkriegähnliche Szene womöglich eigene Erfahrungen oder Berichte aus dem näheren Umfeld eingeflossen sind. „Dies“, sagt er lediglich aufs Buch zeigend, „ist nicht meine Scheidung.“
Von Hannover über Zürich und Leipzig nach Fellbach
Biografie
Joachim Güntner, Jahrgang 1960, ist in Hannover aufgewachsen, lebte später viele Jahre in Leipzig. Er ist Journalist, Autor und Lektor. Von 1997 bis 2017 war er als Deutschland-Korrespondent Redakteur im Feuilleton der renommierten Neuen Zürcher Zeitung. Im September 2008 wurde er für seine journalistische Arbeit mit dem mit 2500 Euro dotierten Helmut-Sontag-Preis des Deutschen Bibliotheksverbandes ausgezeichnet.
Essays, Sachbücher
Neben einer Vielzahl an Abhandlungen für die Neue Zürcher Zeitung und auch für die Stuttgarter Zeitung war Güntner auch als Sachbuchautor aktiv. 2007 erschien „Das Buch vom Buch“ – 512 Seiten über 5000 Jahre Buchgeschichte.
Roman
Sein Buch „Lieber geschieden als tot“ ist jetzt erschienen in der Edition Noack & Block, einem Verlag mit Sitz in Berlin. Der Roman (330 Seiten, 22 Euro) ist im Buchhandel erhältlich.