Pfiff in die Trillerpfeife und los geht’s: Der Zugführer Christopher Bader nimmt die Bahnreisenden ab Waiblingen mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Foto: /Gottfried Stoppel

Go-Ahead BW muss seine Züge für S 21 fit machen, deshalb kommen im Rems-Murr-Kreis alte Züge von TRI Train Rental zum Einsatz. Auf welchen Strecken die historischen Züge unterwegs sind und wie sie bei den Fahrgästen ankommen. Eine Probefahrt.

Christopher Bader gibt den Ton an. Der junge Zugführer bläst in seine Trillerpfeife. Für die Fahrgäste am Bahnsteig in Waiblingen, die noch mit wollen, das unüberhörbare Zeichen, schnell einzusteigen. Dann gibt er das Signal zur Abfahrt, springt selbst zurück in den Zug und los geht’s über Schorndorf, Plüderhausen und Schwäbisch Gmünd bis nach Aalen.

 

Für den 24-jährigen Zugführer ist es eine Fahrt wie jede andere

Für den 24-jährigen Zugführer des privaten Unternehmens TRI Train Rental ein ganz normaler Arbeitstag – für viele Mitreisende ein besonderes Erlebnis, denn der Zug der Linie MEX13, der da Fahrt aufnimmt, weist einige Besonderheiten auf. „Das sind alte Waggons, die teils im Jahr 2000 modernisiert wurden, aber noch viele alte Elemente haben. Der vorderste Waggon vor dem Steuerwaggon ist Baujahr 1973“, erklärt Christopher Bader, dann zieht er kräftig an einem Türhebel, um ins nächste Abteil zu seinem Kollegen, dem Triebfahrzeugführer Tobias Armann, zu kommen und hat dabei ein breites Grinsen im Gesicht. „Es war immer mein Wunsch, im Zug zu arbeiten. Dann hat TRI gesucht und jetzt fahre ich in alten Loks und liebe es“, sagt er.

Fenster, die sich öffnen lassen, statt neumodischer Klimaanlage

Fenster, die sich öffnen lassen, statt neumodischer Klimaanlage, schöne Gespräche statt surfen im Internet und Türen, die sich nicht per Druckknopf, sondern nur per Handhebel bewegen lassen – für heutige Bahnreisende wohl alles sehr ungewohnt. In der Tat lassen sich sämtliche Türen in dem altertümlichen Zug der Linie MEX13 nur manuell durch Ziehen eines Hebels, wie es eben früher üblich war, öffnen. Wer aktuell im Rems-Murr-Kreis auf Schienen unterwegs ist, kann also unter Umständen wirklich eine Reise in die Vergangenheit machen – zumindest dann, wenn er ein Ziel hat, auf dem die Züge von TRI Train Rental im Einsatz sind.

Zu verdanken haben Zuggäste die Retrofahrten Tobias Richter, Geschäftsfrüher des Unternehmens TRI, das sich auf den Erhalt und Verleih historischer Bahnfahrzeuge spezialisiert hat. Dadurch, dass die sonst übliche Betreibergesellschaft Go-Ahead BW ihre 66  elektrischen Triebzüge momentan umrüsten lassen muss, damit diese den künftigen Anforderungen für den neuen Stuttgart-21-Bahnhof entsprechen, musste TRI aushelfen. „Die Ersatzfahrzeuge von TRI sind deshalb seit Dezember vergangenen Jahres bis 2025 auf der Murrbahn RE90, der Remsbahn MEX13 sowie auf der Frankenbahn RE8 unterwegs. Die TRI-Züge sind als Ersatzverkehr kenntlich gemacht“, sagt Go-Ahead- Pressesprecherin Daniela Birnbaum.

Sabrina Kuom hält Ausschau nach dem gelb-schwarzen Go-Ahead-Design

Weil Sabrina Kuom von all dem nichts wusste, hält die Bahnreisende am Donnerstagmorgen Ausschau nach dem vertrauten schwarz-gelben Design der Go-Ahead-Züge. „Als dann kein gelber, sondern der komplett anders aussehende Zug in den Bahnhof Waiblingen einfuhr, war ich schon erst mal erstaunt“, sagt die Studentin, die sich zum nahenden Semesterstart auf den Weg zur Hochschule nach Schwäbisch Gmünd machen wollte – bepackt mit einem Reisekoffer. „Ich finde es eigentlich ganz charmant mit den alten Zügen, das macht mir gar nichts. Hauptsache ich komme pünktlich an, aber der erhöhte Einstieg war schon schwierig mit dem großen Gepäck“, sagt Sabrina Kuom.

Ein andere Fahrgast, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, stört sich auf der nostalgischen Fahrt – mit immerhin 140 Kilometern die Stunde – an etwas ganz anderem. Wie er sein Smartphone auch hält, er bekommt keinen Internetempfang. „Der Rest ist mir egal, das geht viel schlimmer. Dafür, wie altertümlich hier manche Waggons sind, ist doch alles noch gut in Schuss“, sagt er und hält sein Handy hoffnungsvoll Richtung Fenster – das kann anders als in modernen Zügen aufgeschoben werden. So lässt sich herrlich lüften auf der Fahrt gen Schwäbisch Gmünd, doch die Internetseiten des Handys bauen sich trotzdem nicht auf.

Insgesamt 14 E-Loks und 100 Reisewaggons hat TRI inzwischen zur Verfügung. Die sollen nach und nach auch mit Internet nachgerüstet werden. Seit 2013 widmet sich TRI dem Erhalt historischer Bahnfahrzeuge. Darüber hat sich die Firma zu einem Dienstleister für Ersatz- und Notverkehre entwickelt – von Fahrzeugvermietung bis zum Komplettservice. Wenn die Deutsche Bahn oder ein anderes Unternehmen wegen Problemen Ersatzwagen oder -züge braucht, gehört TRI inzwischen zu den ersten Ansprechpartnern.

TRI-Firmeneigentümer Tobias Richter hat sein Hobby zum Beruf gemacht

Firmeneigentümer Tobias Richter hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Bereits im dritten Lebensjahr wurden die Weichen des heute 61-Jährigen gestellt. „Ich war fasziniert von einer Bahnschranke. Schon damals wusste ich, dass ich mal Eisenbahner werden will.“ Seinen Wunsch hat Tobias Richter erfolgreich umgesetzt. Mit der Wende 1989 beschloss er dann, Originalfahrzeuge der Bahn zu kaufen und aufzubereiten – eigentlich nur fürs Museum, aber dann kam die erste Anfrage, ob er wegen eines Engpasses mit einer seiner alten Loks aushelfen könnte. Weil es bei einer Anfrage nicht blieb, machte sich Richter 2013 mit seinem Unternehmen selbstständig. Und die alten Waggons, die an diesem Donnerstagvormittag durch den Rems-Murr-Kreis fahren, kommen erstaunlich leise daher. Es geht gemütlich und stressfrei zu. So empfindet es auch Alexander Porschen. „Ich hab erst gedacht was kommt da angefahren. Aber drinnen ist es angenehm.“

Unweit von ihm sitzt Sara Karthaus und hat es sich auf ihrem Platz bequem gemacht. „Es ist komfortabler, man hat sogar eine Kopfstütze. Und ich finde es spitze mit den Fenstern, so oft wie die Klimaanlage ausfällt.“ Sie lehnt sich entspannt zurück. Die Retro-Fahrt kann weiter gehen.