Die Polizeifahndung nach einem Unfallflüchtigen in Vaihingen hat neue Erkenntnisse erbracht (Symbolbild). Foto: imago/Alexander Pohl

Ein vermeintlicher Unfall in Stuttgart-Vaihingen mit einem schwer verletzten Passanten erweist sich als versuchtes Tötungsdelikt. Die Ermittler der Stuttgarter Kripo halten sich aber auch nach sechs Wochen bedeckt.

Die Ermittlungen sollten nicht gefährdet werden. Deshalb hatte die Stuttgarter Kripo größtes Interesse daran, dass ein schwer verletzter Fußgänger am Abend des 2. Oktober im Zentrum Vaihingens lediglich als Opfer eines alltäglichen Unfalls mit anschließender Fahrerflucht gesehen wurde. Das war es aber nicht: Nach Informationen unserer Zeitung war dem Vorfall eine Auseinandersetzung vorausgegangen, bei der es auch um das Thema Schüsse-Serie geht. Dabei wurde der 31-Jährige von einem Auto angefahren – mutmaßlich mit einem Widersacher am Steuer. Dieser ist nunmehr identifiziert.

 

Die Geschehnisse an jenem Montagabend gegen 21.10 Uhr hatten für großes Aufsehen gesorgt. Zahlreiche Streifenwagen und ein Polizeihubschrauber fahndeten nach einem silberfarbenen Mercedes-Cabrio mit niederländischem Kennzeichen, das einen Passanten auf der Hauptstraße auf Höhe der Schwabengalerie erfasst und schwer verletzt hatte. Der Autofahrer flüchtete in Richtung Autobahn A 831 – allerdings nicht mit Ziel in den Niederlanden. Sondern an einem für Fremde eher ungewöhnlichen, abgelegenen Ort. Die Polizei entdeckte das verlassene Cabrio im Bonhoefferweg im Stadtteil Fasanenhof.

Der Verdächtige ist noch auf der Flucht

Wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag aufgrund mehrerer Anfragen unserer Zeitung bestätigten, ist der mutmaßliche Fahrer ermittelt worden. Dabei handelt es sich um einen 25-jährigen niederländischen Staatsbürger, der aber noch immer spurlos verschwunden ist. „Daher, und das gilt auch weiterhin, halten wir uns mit weiteren Angaben zu möglichen Hintergründen zurück“, sagt Stefanie Ruben, Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft.

So bleibt vorerst offen, was es mit Schüssen und mutmaßlichen Patronenhülsen auf sich hat, die angeblich am Tatort im Zentrum Vaihingens festgestellt worden sein sollen. Ob der 31-Jährige womöglich selbst geschossen hat oder ob er im Visier seines Gegners stand, ob eine Tatwaffe gefunden wurde, in welchem Milieu sich der Verletzte und der Tatverdächtige bewegt haben – „hierzu können wir nichts sagen“, so Staatsanwältin Stefanie Ruben.

Mit der Serie der Schüsse unter rivalisierenden Gruppen in der Region Stuttgart dürfte der Fall vordergründig nichts zu tun haben – oder doch? Die Staatsanwaltschaft macht auf Anfrage keine Angaben – und nach den derzeitigen Gepflogenheiten würde in solchen Fällen das Landeskriminalamt die Ermittlungen an sich ziehen. Hier aber bittet die Stuttgarter Kripo über Telefon 07 11 / 89 90 - 57 78 um Hinweise. Und doch soll es Verbindungen in das Milieu der schießwütigen Gruppierungen geben.

Spektakuläre Fälle im Vaihinger Zentrum

Warum wurde das Cabrio ausgerechnet in der abgelegenen Bonhoefferstraße im Fasanenhof zurückgelassen, der Adresse der evangelischen Bonhoefferkirche? Hatte dies eher mit der nahen Stadtbahn-Haltestelle zu tun? Spektakuläre Gewaltdelikte im Stadtbezirk Vaihingen haben freilich nicht zum ersten Mal ihre Verbindung mit dem Stadtteil Fasanenhof. Mitte Dezember 2021 etwa waren am Vaihinger Markt zwei Jugendgruppen aus Vaihingen und dem Fasanenhof nach längeren Streitigkeiten aufeinander losgegangen. Dabei gab es mehrere Opfer mit Stichverletzungen. Und erst am vergangenen Samstag, 11. November, wurde im Fasanenhof ein 27-jähriger Deutsch-Serbe bei einer Autokontrolle mit einer geladenen Schusswaffe erwischt.

Nicht weniger spektakulär mitten im Vaihinger Zentrum war ein Polizeieinsatz am 12. Dezember 2018. Eine fünfköpfige Gruppe hatte am späten Abend das Wachpersonal einer Filiale der Deutschen Bank zu überfallen versucht, die zu diesem Zeitpunkt gerade umgebaut wurde. Die Polizei hatte allerdings zuvor von den Plänen erfahren und rechtzeitig zugegriffen.

Übrigens: Auch da hörten die Anwohner Schüsse – allerdings rührten die Geräusche von einer Aktion des Mobilen Einsatzkommandos her. Die Beamten schlugen die Scheiben eines Fluchtwagens ein, um drei Insassen dingfest zu machen.