Die Situation der Armen ist auch im Rems-Murr-Kreis durch Corona erheblich verschärft worden. Wolfgang Sartorius von der Erlacher Höhe fordert die Abschaffung von Hartz IV.
Backnang - Eine Wohnung und eine Arbeit nennt Peter Brandt in Backnang als seinen größten Wunsch. Und fügt hinzu: „Und dann eine Familie.“ Der 34-Jährige, der in Wirklichkeit anders heißt, ist einer von zwei Betroffenen, die beim Sommerpressegespräch im Haus Karla des diakonischen Sozialunternehmens Erlacher Höhe kürzlich erzählt haben, was sie in Armut hat stürzen lassen. Und wie schwer es ist, da wieder herauszukommen.
Kaum ein Weg aus der Armut
Armut verfestigt sich, ergänzt Wolfgang Sartorius, geschäftsführender Vorstand der Erlacher Höhe, mit Zahlen aus dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Danach ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein in Armut lebender Mensch fünf Jahre später noch immer arm ist, seit Ende der 1980er Jahre von 40 auf jetzt 70 Prozent gestiegen. „Die Möglichkeit, sich durch Engagement und Förderung aus Armut zu befreien, hat drastisch abgenommen“, sagt Wolfgang Sartorius und beklagt, dass Armut zum Schicksal werde, aus dem es kein Entrinnen gibt: „Aus armen Kindern werden in der Regel keine wohlhabenden Eltern.“
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Peter Brandt will zurück in ein bürgerliches Leben. Er stammt aus einer Unternehmerfamilie im Rems-Murr-Kreis, in der alle im Betrieb eingespannt waren. Der Stress hat ihn zu Alkohol und Marihuana greifen lassen, die Krankheit der Mutter zu härteren Drogen. Er entzieht sich den Konflikten daheim und lebt zwei Jahre auf der Straße, häuft Schulden an, schafft aber den harten Entzug und bekommt mithilfe der Erlacher Höhe in Backnang wieder Boden unter die Füße. Er arbeitet im Sozialkaufhaus, macht eine Ausbildung in der Lagerlogistik und kämpft sich durch eine Privatinsolvenz.
Seit drei Jahren sei er abstinent, sagt er mit einem gewissen Stolz: „Drogen-, alkohol- und rauchfrei!“ Doch mit dem Regelsatz von 446 Euro im Monat und einer Motivationsprämie für die Arbeit als Hausmeister fällt es schwer, Verbindlichkeiten abzubezahlen, und mit einem Schufa-Eintrag ist er auf dem Wohnungsmarkt so gut wie chancenlos. 152 Absagen hat er bei seiner Suche nach einer bezahlbaren Bleibe im Rems-Murr-Kreis schon erhalten, in nur zwei Fällen hatte er es bis zur Wohnungsbesichtigung geschafft.
Es ist ein Teufelskreis
„Es ist ein Teufelskreis“, sagt Wolfgang Sartorius: „Keine Arbeit, keine Wohnung. Und keine Wohnung, keine Arbeit.“ Die Erlacher Höhe engagiert sich auch hier, tritt selbst als Mieter auf und baut im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch Wohnungen, um sie dann an ihre Hilfesuchenden zu vermieten. Sieben sind im Entstehen in Waiblingen, zwei in Backnang. „Aber wir können nicht unsere ganze Klientel auf diese Weise versorgen“, sagt Anton Heiser, bei der Erlacher Höhe als Abteilungsleiter zuständig für die Ambulanten Hilfen Rems-Murr. Und: „Wir sind kein Bauunternehmen“, rückt Sartorius das Thema zurecht.
Erheblich verschärft worden sei die Situation der Armen auch im Rems-Murr-Kreis durch Corona. Ihre Erfahrungen zeigten, dass man mit dem Regelsatz für Hartz IV nur überleben könne, wenn es die ergänzenden Hilfen wie die Tafelläden oder Sozialkaufhäuser gibt, sagen Sartorius und Heiser. Doch viele dieser Einrichtungen mussten während der Pandemie geschlossen bleiben. Gleichzeitig haben auch die Ämter dicht gemacht, mit fatalen Folgen, wie Heiser und sein für die Soziale Heimstätte Erlach verantwortlicher Kollege Karl-Michael Mayer berichten: Da der einzige Zugang zu Sozialamt oder Jobcenter ein digitaler war, seien Betroffene außen vor geblieben. Auch Digitalisierung koste Geld, das die Armen nicht haben, sei es, um Zeit im Internet zu kaufen oder die erforderliche Hardware. Und vielfach werde von den Ämtern ein technischer Standard vorausgesetzt, den nur wenige Geräte erfüllten. Im Jobcenter in Waiblingen würden erst für Oktober wieder Sprechzeiten angeboten, sagt Heiser.
Eine würdevolle Grundsicherung
Weil es mit dem Tag der Wohnungslosen an diesem Samstag (11. September) und dem Bundestagswahlkampf zwei aktuelle Bezüge gibt, hat Wolfgang Sartorius das jährliche Sommerpressegespräch der Erlacher Höhe für Forderungen an die Politik genutzt: weg mit Hartz IV und massive Korrekturen im sozialen Wohnungsbau. „Wir brauchen ein anderes System, das viel stärker vom Menschen ausgeht“, erklärt Sartorius in Backnang. „Eine würdevolle Form der Grundsicherung“, die die materiellen, sozialen und persönlichen Bedürfnisse von Menschen, die ihr Einkommen nicht selbst sichern können, ernst nehme und soziale Ungleichheit abbaue. Zudem müssten Jobcenter und Sozialämter sicherstellen, dass sich auch Menschen in Armutslagen digitale Zugänge leisten können. „Armut in einem armen Land ist ein Problem des Mangels“, sagt Sartorius. „Armut in einem reichen Land ist ein Problem des Mangels an Gerechtigkeit.“
Das diakonische Sozialunternehmen Erlacher Höhe (EH) hat seinen Hauptsitz in Großerlach. 1891 gegründet, unterstützt die EH in 70 Einrichtungen und Diensten Menschen in sozialen Notlagen wie Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und Armut und arbeitet in der Jugend- und Flüchtlingshilfe. In sieben Landkreisen in Baden-Württemberg erreicht die Erlacher Höhe an Werktagen rund 1600 Menschen.