Von 1993 bis 2002 stand auf dem Kleinen Schlossplatz die erste Freitreppe, die mit einer Breite von 30 Metern deutlich größer war als die heutige. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 1997.D Foto: Horst Rudel

Die Freitreppe am Kleinen Schlossplatz war schon immer ein Magnet in Stuttgart – jetzt wird sie zur Bühne von Krawallmachern. Dagegen wollen sich Fans des einst friedlichen Treffs wehren. Erinnerungen an einen Ort, der 1993 die Stadt verändert hat.

Stuttgart - Es war eine Treppe zum Glücklichsein. Beim Anblick der alten Fotos schießen Emotionen hoch. 1993 kam Stuttgart zur Leichtathletik-WM am Kleinen Schlossplatz zu Stufen, die ein neues Lebensgefühl in die Stadt brachten. Den lieben langen Tag saßen die Menschen auf der 30 Meter breiten Freitreppe, sonnten sich, genossen den Blick aufs Neue Schloss und das Gefühl von südlicher Lebensart, schauten wie in einem Freilufttheater auf die Bühne der Fußgängerzone – auf das Straßentheater des Lebens.

Manche fühlten sich an die Spanische Treppe in Rom erinnert und wollten nicht glauben, dass die Stadt diesen beliebten Treff schon nach kurzer Zeit opferte, nämlich im Jahr 2002 zum Bau des Kunstmuseums. Schmaler ist die zweite, die heutige Freitreppe an dieser zentralen Stelle von Stuttgart geworden, aber immer noch zieht sie die Massen magisch an – zunehmend Menschen, die den Streit mit der Polizei suchen, die damit die gesamte Stadt in Misskredit bringen.

Die 30 Meter breite Freilufttribüne hat die Stadt entschleunigt

Die Geschichte des Kleinen Schlossplatzes ist eine Geschichte des Streits, der Irrtümer, der Hochgefühle. Vor dem Bahnprojekt Stuttgart 21 ist in dieser Stadt über kaum ein anderes Thema so heftig gestritten worden wie über diese zentralen Meter der Königstraße. Schlägt hier das Herz Stuttgarts? Hart umkämpft war jeder Schritt von der Ruine des Kronprinzenpalais bis zum verglasten Kunstmuseum.

Die schönsten Erinnerungen betreffen die Jahre 1993 bis 2002. Da hat eine 30 Meter breite Freilufttribüne die hektische Stadt auf wunderbare Weise entschleunigt. Bei der legendären Freitreppe wird es vielen ganz warm ums Herz, und die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten erwacht. Im Facebook-Forum unseres Stuttgart-Albums sorgen Fotos dieses Treffs für Klickrekorde und freudige Kommentare.

„Oh bitte, ein Freundschaftsbecher mit zwei Strohhalmen!“

„Eisessend von der Treppe aus dem hektischen Gewusel zugeschaut und den Passanten ihrer Gangart entsprechend Tiere zugeordnet“, erinnert sich eine Userin. „War das eine geile Zeit“, ist zu lesen. Und: „Oh bitte, ein Freundschaftsbecher mit zwei Strohhalmen.“ Im Möpi, wie das Mövenpick genannt wurde, gab’s 25 Kugeln in einer unverschämt großen Glasschale mit zwei langstieligen Löffeln – als Zeichen der Zuneigung.

Eine Kommentatorin erklärt, wie glücklich der Aussichtsplatz gemacht hat: „Ging es mir schlecht, setzte ich mich darauf und ließ die Bevölkerung an mir vorbeiparadieren. Beim direkten Vergleich fühlte ich mich gleich wieder jung und begehrenswert.“

2002 ist die Treppe, die nur als Provisorium kam, für das Kunstmuseum abgerissen worden. Es war nicht der erste Abriss an diesem Ort. Nach der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg standen nur noch die Außenmauern des 1844 bis 1850 für Kronprinz Karl und seine Frau Olga errichteten Wohnhauses. Ein Wiederaufbau wäre möglich gewesen. Doch OB Arnulf Klett wollte den Grundriss der zerstörten Innenstadt neu ordnen und den Verkehrsweg in den Stuttgarter Westen öffnen. 1956 einigten sich Stadt und Land unter heftigen Protesten, dem Kronprinzenpalais ein Ende zu bereiten. Aber erst 1962 und 1963 wurde der Abriss vollzogen.

Die Treppe wurde zum Star der City

Mit dem Bau des Planietunnels entstand der Kleine Schlossplatz. Etwa sechs Meter über dem Niveau der Königstraße stülpten die Architekten einen Deckel über den Verkehrsknotenpunkt von Straßenbahn und Autos. Stadtbalkon nannte man die Betonplatte mit Verkaufspavillons. Als 1977 die Königstraße zur Fußgängerzone wurde, blieben die Autofahrbahnen mit ihren schwarzen dunklen Löchern unter dem Betondeckel verwaist. Denn der Verkehr wurde um einen Stock tiefer gelegt.

1992 schlug Walter Belz, einer der Architekten der umstrittenen Betonburg, der Stadt vor, eine Freitreppe von der Königstraße hoch zur Betonplatte zu bauen. Die Treppe wurde zum Star der City. Den lieben langen Tag saßen Menschen auf den Stufen, sonnten sich, verabredeten sich an dieser Stelle. Manche fühlten sich an die Spanische Treppe in Rom erinnert. Doch dann musste Stuttgarts „Wohnzimmer“ fürs Kunstmuseum weichen, das 2005 eröffnet wurde. Viel Lob gab’s für den Glaskubus. „Selbst wenn das neue Museum keine andere Aufgabe hätte, als den Touristen eine schöne Aussicht auf die Stadt zu bieten, müsste man den Bau in den höchsten Tönen loben“, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“.

„Keiner versteht, warum das heute so ausufert“

Die Freitreppe wurde dennoch vermisst. Der Ersatz war eine kleinere, nach hinten versetzte Treppe, die heute Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen jungen Krawallmachern und der Polizei ist. „Wir dürfen nicht hinnehmen, dass dieser schöne Treff kaputtgemacht wird“, ist auf der Facebook-Seite unseres Stuttgart-Albums zu lesen. „Damit werden unsere großartigen Erinnerungen mit Füßen getreten“, klagt ein anderer.

„Wir haben hier so friedlich gefeiert, die Sommernächte genossen und keine Flaschen geworfen“, schreibt ein weiterer Kommentator, „keiner versteht, dass dies nun so ausufert an dieser Stelle.“

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