Erfundene Vergewaltigung Der "Fall Lisa" und sein bitteres Nachspiel

Von Katja Bauer 

Rechte Populisten nutzten den Fall für ihre Propaganda. Foto: dpa
Rechte Populisten nutzten den Fall für ihre Propaganda. Foto: dpa

Die 13-Jährige aus Berlin-Marzahn, deren Lüge über eine Vergewaltigung durch Flüchtlinge für Aufruhr in der russlanddeutschen Community gesorgt hatte, wurde in einer anderen Situation tatsächlich sexuell missbraucht. Jetzt kam der Fall vor Gericht.

Berlin - Der "Fall Lisa" und sein bitteres Nachspiel Der 13-jährige Teenager aus Berlin-Marzahn, dessen Lüge über eine Vergewaltigung durch Flüchtlinge für Aufruhr in der russlanddeutschen Community gesorgt hatte, wurde in einer anderen Situation tatsächlich sexuell missbraucht. Jetzt kam der Fall vor Gericht Von Katja Bauer Eines möchte man nicht an diesem Dienstagmorgen im Berliner Kriminalgericht: an der Stelle von Lisa sein. Kameraleute haben sich vor der Tür von Saal B228 aufgereiht, ein paar junge Mädchen und einige ältere russischsprechende Herren warten auf Einlass in den Zuschauerraum. Alle wollen Lisa sehen - und natürlich den Angeklagten, Ismet S., 24 Jahre alt, aus Kreuzberg. Die Kammer verhandelt hier den Vorwurf eines schweren sexuellen Missbrauchs.

Auf einmal wusste jeder, wer Lisa ist

Lisa, das darf man in dieser komplizierten Geschichte nicht vergessen, ist das Opfer, und in keiner Weise Täterin. Mann missbraucht Mädchen - dieser Horror ist hier im Gerichtsgebäude bittere Routine, wird praktisch einmal die Woche verhandelt, mindestens. Meistens findet sich davon nicht mal eine kleine Zeile in der Zeitung. Aber an diesem Dienstag geht es noch um etwas anderes: den "Fall Lisa", der vor eineinhalb Jahren zu diplomatischen Verwicklungen bis in Regierungskreise geführt hatte. Das war so im Januar 2016. Da wusste auf einmal praktisch jeder, wer Lisa ist - nicht nur in Deutschland, sondern auch in Russland, den russischen Außenminister Sergej Lawrow eingeschlossen. Weil ein Teenager unter Druck nicht die Wahrheit gesagt hatte und damit unabsichtlich den Boden bereitete für eine perfide Mischung aus politischer Propaganda und Hetze. Am 11. Januar verschwand das damals 13-jährige Mädchen aus Berlin-Marzahn für 30 Stunden. Die russlanddeutsche Familie begann wie wild zu suchen: die Eltern klebten Plakate, nutzten das Internet, riefen die Polizei. Als Lisa unversehrt zurückkehrte, tischte sie ihren aufgebrachten Verwandten eine wilde Geschichte auf: sie sei verschleppt und vergewaltigt worden, von mehreren jungen Flüchtlingen aus dem nahen Osten.

Die Geschichte passte in die aufgeheizte öffentliche Gemengelage, die Silvesternacht von Köln mit hunderten Übergriffen auf junge Frauen durch Migranten lag keine zwei Wochen zurück, täglich ging es im Strom der Nachrichten und Gerüchte um Übergriffe und eine gewachsene Gefahr - und um den Verdacht, die Polizei, die Ermittlungsbehörden und Medien unterdrückten in diesem Zusammenhang Fakten. Genau das war der Boden für den "Fall Lisa": in sozialen Medien verbreitete sich das Gerücht von einer Vergewaltigung durch Flüchtlinge, die vertuscht würde. Russischsprachige Medien stützten dieses Gerücht, Rechtsextremisten instrumentalisierten es für Proteste, es kam zu Demonstrationen hunderter Russlanddeutscher auch vor dem Kanzleramt. Die Ermittler waren in einer problematischen Situation: sie hatten zwar schnell herausgefunden, das das Mädchen die Unwahrheit sagte und es keine Vergewaltigung gegeben hatte, konnten aber wegen des Persönlichkeitsschutzes keine Einzelheiten preisgeben.

Russlands Außenminister schaltete sich ein

Lisa tischte nach Informationen aus Ermittlerkreisen mehrere unterschiedliche Versionen der Nacht auf, am Ende führten Handydaten auf die Spur: es sei herausgekommen, dass Lisa wegen. Das allerdings ließ die Gerüchte nicht verstummen - sogar der russische Außenminister Sergej Lawrow äußerte auf einer Pressekonferenz die Erwartung, im "Fall Lisa" müsse Gerechtigkeit walten und mahnte die deutschen Behörden. Ein höchst ungewöhnlicher Vorgang, der etwas über die Wucht erzählt, die falsche Nachrichten in sozialen Medien erzeugen können.

Inzwischen ist der Fall Geschichte - oder wäre es, hätte die Polizei nicht weiterermittelt und dabei eine Straftat aufgedeckt: im Herbst 2015 soll der jetzt Angeklagte Ismet S. mit dem Mädchen einvernehmlich sexuell verkehrt und davon ein Video gemacht haben - aber mit einer 13-jährigen gibt es keinen einvernehmlichen Sex. Jetzt kommt dieser Fall von schwerem sexuellen Missbrauch vor Gericht und der Angeklagte wird nach wenigen Stunden zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Lisa ist in dieser traurigen Geschichte nun wenigstens eins erspart geblieben: dass die Details ihres Teenagerlebens ausgebreitet werden. Der Richter schloss die Öffentlichkeit gleich zu Beginn der Verhandlung aus.

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